Hormonstatus bei der Frau bestimmen: Welche Werte, welcher Zeitpunkt
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„Lass doch mal deine Hormone checken" – der Satz fällt schnell. Was damit eigentlich gemeint ist, bleibt meist offen. Denn „den" Hormonstatus gibt es nicht. Je nachdem, ob es um unerfüllten Kinderwunsch, unregelmäßige Blutungen, vermehrte Körperbehaarung oder um die Wechseljahre geht, werden unterschiedliche Werte bestimmt – und zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Zyklus.
Dieser Artikel erklärt, welche Werte in den Leitlinien tatsächlich zur Basisabklärung gehören, warum der Zyklustag über die Aussagekraft entscheidet und was ein Hormonstatus ausdrücklich nicht beantwortet.
Was ein Hormonstatus zeigen kann – und was nicht
Was er zeigt: ob deine Eierstöcke, deine Hirnanhangsdrüse und deine Schilddrüse zusammenspielen wie erwartet – und ob ein Eisprung stattgefunden hat. Die deutsche Leitlinie zur Kinderwunschabklärung nennt dafür ein festes Grundpaket an Werten [1].
Was er nicht zeigt: ob du fruchtbar bist. Marker der Eizellreserve „sollen nicht als Fruchtbarkeitstest bei Frauen eingesetzt werden, die nicht unfruchtbar sind oder deren Fruchtbarkeit ungetestet ist" – so formuliert es die amerikanische Fachgesellschaft ASRM [2]. Ein Hormonstatus ist auch keine Diagnose: Er liefert Zahlen, keine Ursache.
Wofür er trotzdem sinnvoll sein kann: als strukturierte Vorbereitung auf ein Arztgespräch, als Ausgangswert zum späteren Vergleich, zur Einordnung unregelmäßiger Zyklen und als erster Baustein bei Verdacht auf PCOS/PMOS, eine Schilddrüsenstörung oder ein vorzeitiges Nachlassen der Eierstockfunktion.
Wichtig: Fast jeder dieser Werte hängt vom Zyklustag ab. Ein Wert ohne Angabe des Zyklustags ist kaum zu bewerten – und jeder Befund braucht eine ärztliche Einordnung gemeinsam mit deinem Zyklus, deiner Vorgeschichte und meist einem Ultraschall.
Was mit „Hormonstatus" gemeint ist
Gemeint ist eine Blutuntersuchung, bei der mehrere Hormone gleichzeitig bestimmt werden. Die Steuerung läuft über drei Ebenen: Das Gehirn (genauer: die Hirnanhangsdrüse, fachsprachlich Hypophyse) sendet Botenstoffe an die Eierstöcke, die Eierstöcke antworten mit eigenen Hormonen, und diese Antwort meldet das Gehirn zurück. Deshalb ergibt ein einzelner Wert selten Sinn – erst die Kombination zeigt, auf welcher Ebene etwas nicht rundläuft.
Die deutsche Leitlinie zur Diagnostik vor einer Kinderwunschbehandlung beschreibt das als Stufendiagnostik: erst ein Grundpaket, dann – nur bei auffälligen Befunden – gezielt weitere Werte [1].
Welche Werte zur Basisabklärung gehören
Das Grundpaket am Zyklusanfang
Die Leitlinie empfiehlt wörtlich: „Als hormonelle Basisdiagnostik bei Infertilität der Frau sollte die Bestimmung von LH, FSH, Prolaktin, Testosteron, DHEAS, SHBG, Freier Androgenindex, Östradiol und AMH an Tag 3–7 des Zyklus […] erfolgen." Ergänzt wird sie durch einen vaginalen Ultraschall und eine Schilddrüsenabklärung [1]. Was diese Abkürzungen bedeuten:
FSH – follikelstimulierendes Hormon. Das Signal aus dem Gehirn, das ein Eibläschen heranreifen lässt. Steigt es an, müssen die Eierstöcke „lauter angesprochen" werden. Mehr dazu im Beitrag FSH-Wert.
LH – luteinisierendes Hormon. Der zweite Botenstoff aus dem Gehirn; sein kurzer, steiler Anstieg löst den Eisprung aus.
Östradiol – das wichtigste Östrogen, gebildet vom heranreifenden Eibläschen. Es zeigt, ob die Eizellreifung in Gang kommt. Mehr dazu unter Östradiol-Wert.
AMH – Anti-Müller-Hormon, ein Maß für die Menge der noch vorhandenen Eizellen, nicht für ihre Qualität [2]. Ausführlich erklärt im Beitrag AMH-Wert und Eizellreserve.
Prolaktin – das Stillhormon. Ist es außerhalb von Schwangerschaft und Stillzeit erhöht, kann der Eisprung ausbleiben. Bei etwa 10 % der Frauen mit gestörter Eierstockfunktion findet sich ein erhöhter Wert [1].
Testosteron, DHEAS, SHBG und der freie Androgenindex – die männlichen Hormone und ihr Transporteiweiß. Sie sind relevant, wenn Zeichen einer Überversorgung mit männlichen Hormonen bestehen, etwa vermehrte Körperbehaarung nach männlichem Muster (Fachbegriff: Hirsutismus) oder ausbleibende Zyklen.
Progesteron in der zweiten Zyklushälfte
Progesteron – das Gelbkörperhormon – wird erst nach dem Eisprung gebildet. Es gehört deshalb nicht ins Zyklusanfangs-Paket. Die Leitlinie sagt dazu: „Der Nachweis eines ovulatorischen Zyklus kann durch eine einmalige Progesteron-Bestimmung ca. 7 Tage nach vermuteter Ovulation (z. B. um den 21. Tag in einem 28-tägigen Zyklus) erfolgen." [1]
Der Zusatz „in einem 28-tägigen Zyklus" ist wichtiger, als er klingt: In einer Auswertung von über 600.000 Zyklen waren nur 13 % exakt 28 Tage lang [3]. Bei einem längeren Zyklus verschiebt sich der Eisprung nach hinten – und eine Blutentnahme an Tag 21 trifft dann die falsche Zyklusphase.
Die Schilddrüse
Die Schilddrüsenabklärung ist ausdrücklich Teil der Basisdiagnostik [1]. Gemessen wird in der Regel TSH – ein Steuerhormon aus dem Gehirn, das anzeigt, wie stark die Schilddrüse angetrieben wird. Bei Frauen mit PCOS liegt die Häufigkeit einer leichten Schilddrüsenunterfunktion (subklinische Hypothyreose) bei rund 17 % [1]. Wie eng Schilddrüse und Schwangerschaft zusammenhängen, liest du unter Schilddrüse in der Schwangerschaft.
Warum der Zyklustag über die Aussagekraft entscheidet
FSH, LH und Östradiol werden am Zyklusanfang gemessen, weil sie dort am ehesten vergleichbar sind – üblicherweise an Tag 2 bis 4 beziehungsweise Tag 3 bis 7, gezählt ab dem ersten Tag der Blutung [1, 2]. Danach verändern sie sich stark, weil das heranreifende Eibläschen aktiv wird.
Selbst am „richtigen" Tag bleibt eine Einschränkung: FSH schwankt deutlich zwischen verschiedenen Zyklen und innerhalb eines Zyklus, was die Verlässlichkeit einer einzelnen Messung begrenzt [2]. Auch die absoluten Zahlen verschiedener Labore lassen sich nicht eins zu eins vergleichen – die Übereinstimmung der Messverfahren ist zwar hoch, die Absolutwerte können sich aber unterscheiden [2]. Deshalb gilt: immer die Referenzbereiche des jeweiligen Labors verwenden.
AMH ist die Ausnahme. Es hängt kaum vom Zyklustag ab und kann deshalb weitgehend unabhängig vom Zeitpunkt bestimmt werden [2]. Wie eine Blutentnahme zuhause praktisch abläuft, erklären wir unter Bluttests erklärt.
Was ein Hormonstatus nicht beantwortet
Die klarste Formulierung dazu stammt von der ASRM: Marker der Eizellreserve sind gute Vorhersagewerte für die Zahl gewinnbarer Eizellen, aber schlechte unabhängige Vorhersagewerte für die tatsächliche Fortpflanzungsfähigkeit – „daher sollten sie nicht als Fruchtbarkeitstest oder zur Verweigerung einer Kinderwunschbehandlung verwendet werden" [2]. Ein niedriger Wert bedeutet also nicht, dass eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist.
Ein Hormonstatus sagt außerdem nichts über die Eizellqualität, nichts über die Durchgängigkeit der Eileiter und nichts über die Spermienqualität des Partners aus. Und er ersetzt keinen Ultraschall: Fast alle Leitlinienempfehlungen kombinieren die Blutwerte mit einer vaginalen Ultraschalluntersuchung [1].
Wann ein Hormonstatus wirklich weiterhilft
Bei unregelmäßigen oder ausbleibenden Zyklen. Als „normal" gilt nach der internationalen FIGO-Einteilung ein Abstand von 24 bis 38 Tagen; die Schwankung von Zyklus zu Zyklus sollte im Alter von 26 bis 41 Jahren nicht mehr als 7 Tage betragen [4]. Liegt der Zyklus außerhalb dieser Spanne, ist eine Abklärung sinnvoll.
Bei Verdacht auf PCOS/PMOS. Hier gehören FSH, LH, Östradiol, Testosteron, SHBG, DHEAS und AMH in die erste Stufe, gefolgt von 17-OH-Progesteron und Androstendion sowie einer Abklärung der Insulinresistenz [1]. Mehr dazu im Beitrag PCOS und in der Übersicht PCOS & Hormonstörungen.
Bei unerfülltem Kinderwunsch. Als Faustregel gilt eine Abklärung nach zwölf Monaten ohne Schwangerschaft – ab 35 Jahren bereits nach sechs Monaten [5]. Überblick: Kinderwunsch & Verlust.
Bei Verdacht auf ein vorzeitiges Nachlassen der Eierstockfunktion. Dafür gilt vor dem 40. Lebensjahr die Kombination aus mindestens vier Monaten unregelmäßiger oder ausbleibender Blutung und einem FSH über 25 IE/l [6].
Wenn die Wechseljahre die eigentliche Frage sind
Dann ist ein Hormonstatus meist überflüssig. Die deutsche S3-Leitlinie ist eindeutig: „Peri- und Postmenopause bei Frauen ab 45 Jahren sollen anhand klinischer Parameter diagnostiziert werden." FSH soll nur bei Frauen zwischen 40 und 45 mit Beschwerden und bei Frauen unter 40 mit Verdacht auf ein vorzeitiges Nachlassen der Eierstockfunktion eingesetzt werden [7]. Der Grund: In den Wechseljahren schwanken die Hormonwerte so stark, dass eine Momentaufnahme das Vorgehen nicht ändert. Mehr dazu unter Perimenopause und Menopause und Wechseljahre.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Wenn dein Zyklus kürzer als 24 oder länger als 38 Tage ist oder stark schwankt.
Wenn du seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versuchst, schwanger zu werden.
Wenn deine Periode vor dem 40. Lebensjahr ausbleibt.
Wenn du vermehrte Körperbehaarung nach männlichem Muster, Haarausfall oder anhaltende Akne bemerkst.
Wenn du bereits Werte vorliegen hast und nicht einschätzen kannst, was sie in deiner Situation bedeuten.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Selbsttest ist kein Diagnoseinstrument: Er liefert Messwerte, die gemeinsam mit deinem Zyklus, deiner Vorgeschichte und gegebenenfalls einem Ultraschall ärztlich eingeordnet werden müssen.
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Quellen
Diagnostik und Therapie vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/085, Stand Februar 2019, Version 1.0 (Gültigkeit abgelaufen, Leitlinie in Überarbeitung). Empfehlungen 3.7.E26 und 3.7.E27. PDF
Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Testing and interpreting measures of ovarian reserve: a committee opinion. Fertility and Sterility 2020;114(6):1151–1157. DOI 10.1016/j.fertnstert.2020.09.134. PDF
Bull JR, Rowland SP, Berglund Scherwitzl E, Scherwitzl R, Gemzell Danielsson K, Harper J. Real-world menstrual cycle characteristics of more than 600,000 menstrual cycles. npj Digital Medicine 2019;2:83. DOI 10.1038/s41746-019-0152-7. Volltext
Munro MG, Balen AH, Cho S et al. The FIGO Ovulatory Disorders Classification System. Human Reproduction 2022;37(10):2446–2464. DOI 10.1093/humrep/deac180. Volltext
Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine and the Society for Reproductive Endocrinology and Infertility. Optimizing natural fertility: a committee opinion. Fertility and Sterility 2022;117(1):53–63. DOI 10.1016/j.fertnstert.2021.10.007. PDF
Panay N, Anderson RA, Bennie A et al. Evidence-based guideline: premature ovarian insufficiency. Human Reproduction Open 2024;2024(4):hoae065. DOI 10.1093/hropen/hoae065. Volltext
Ortmann O, Beckermann MJ, Inwald EC, Strowitzki T, Windler E, Tempfer C. Peri- and postmenopause – diagnosis and interventions. Interdisciplinary S3 guideline of the AWMF (015/062): short version. Archives of Gynecology and Obstetrics 2020;302:763–777. DOI 10.1007/s00404-020-05682-4 (Leitlinie derzeit in Überarbeitung; Konsultationsfassung 2026). Volltext
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