Schilddrüse in der Schwangerschaft warum sie so wichtig ist

Schilddrüse in der Schwangerschaft – warum sie so wichtig ist
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Die Schilddrüse ist ein kleines Organ mit großer Wirkung – und in der Schwangerschaft besonders gefordert. Ihre Hormone beeinflussen nicht nur deinen Stoffwechsel, sondern in den ersten Wochen auch die Entwicklung deines Babys.

Dieser Artikel erklärt, was sich in der Schwangerschaft verändert, welche Werte kontrolliert werden, was beim TSH-Grenzwert heute gilt (hier hat sich einiges geändert), wie viel Jod empfohlen wird – und wo die Studienlage schwächer ist, als oft dargestellt. Fachbegriffe erklären wir jeweils in einfachen Worten; alle Aussagen sind am Ende mit Quellen belegt.

Was Schilddrüsenwerte in der Schwangerschaft können – und was nicht

  • Was sie zeigen: ob deine Schilddrüse zu wenig oder zu viel arbeitet. TSH ist dafür der zentrale Wert, bei Auffälligkeiten ergänzt um fT4.

  • Was sie nicht leisten: eine automatische Behandlungsentscheidung im Grenzbereich. Für die leichte Unterfunktion in der Schwangerschaft lässt sich aus der aktuellen Datenlage keine allgemeine Therapieempfehlung ableiten [3].

  • Was Leitlinien nicht empfehlen: ein routinemäßiges TSH-Screening ohne bekannte Schilddrüsenerkrankung – und keine Antikörperbestimmung bei normalem TSH [3]. Im Kinderwunsch-Setting wird TSH dagegen gemessen [3].

  • Wofür ein Test trotzdem sinnvoll sein kann: wenn bei dir oder in deiner Familie eine Schilddrüsenerkrankung bekannt ist, wenn du bereits behandelt wirst (dann ist eine Kontrolle mindestens einmal pro Schwangerschaftsdrittel ohnehin vorgesehen [3]) oder wenn Beschwerden bestehen.

  • Wichtig: Ein Wert für sich ist kein Befund. Die Einordnung – und auch die Frage, ob überhaupt gemessen werden sollte – gehört ins ärztliche Gespräch.

Warum die Schilddrüse jetzt besonders gefordert ist

Die Schilddrüse bildet die Hormone T3 und T4. Sie steuern fast jede Zelle des Körpers – von Herzschlag und Temperatur bis zum Energiehaushalt. In der Schwangerschaft kommt eine Aufgabe hinzu: In den ersten Monaten ist dein Baby vollständig auf die Schilddrüsenhormone angewiesen, die über den Mutterkuchen zu ihm gelangen. Erst etwa ab der 12. Woche beginnt seine eigene Schilddrüse zu arbeiten – und ausreichend Hormone bildet sie erst ab der 18. bis 20. Schwangerschaftswoche [5].

Gleichzeitig steigt der Bedarf: Das Schwangerschaftshormon hCG regt die Schilddrüse zusätzlich an, die Transporteiweiße im Blut nehmen zu, und der Bedarf an Jod als Baustein der Hormone wächst. Eine gesunde Schilddrüse meistert das meist problemlos. Eine vorbelastete kann an ihre Grenzen kommen.

Unterfunktion: häufig – und leicht zu übersehen

Von einer Unterfunktion (Fachbegriff: Hypothyreose) spricht man, wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone bildet. Sie tritt in etwa 2 bis 3 von 100 Schwangerschaften auf, meist als Folge einer Hashimoto-Schilddrüsenentzündung – einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift [5]. Eine leichte Form, bei der nur das Steuerhormon TSH erhöht ist, die Schilddrüsenhormone selbst aber noch normal sind (Fachbegriff: latente oder subklinische Unterfunktion), wird in europäischen Erhebungen bei etwa 2 bis 2,5 % der Schwangeren beschrieben, mit deutlichen regionalen Unterschieden [2].

Typische Anzeichen sind anhaltende Müdigkeit und Antriebslosigkeit, Frieren und trockene Haut sowie Konzentrationsschwierigkeiten. Das Problem: Diese Symptome ähneln normalen Schwangerschaftsbeschwerden und fallen deshalb leicht nicht auf.

Überfunktion: seltener, aber wichtig

Bei einer Überfunktion (Fachbegriff: Hyperthyreose) bildet die Schilddrüse zu viele Hormone. Sie kommt in etwa 1 bis 4 von 1.000 Schwangerschaften vor und wird meist durch Morbus Basedow verursacht – ebenfalls eine Autoimmunerkrankung, bei der die Schilddrüse dauerhaft angeregt wird [5]. Anzeichen sind Herzrasen, innere Unruhe, vermehrtes Schwitzen und Gewichtsabnahme trotz Appetit. Sie sollte fachärztlich begleitet werden, weil sowohl die Erkrankung selbst als auch die Behandlung an die Schwangerschaft angepasst werden müssen.

Welche Werte kontrolliert werden

Der zentrale Laborwert ist TSH. Das ist kein Schilddrüsenhormon, sondern das Steuerhormon aus der Hirnanhangsdrüse: Arbeitet die Schilddrüse zu wenig, schüttet der Körper mehr TSH aus, um sie anzutreiben – ein hoher TSH-Wert spricht also für eine Unterfunktion, ein niedriger für eine Überfunktion. Erst bei Auffälligkeiten folgen weitere Werte:

Wert

Was er zeigt

Wann er erhoben wird

TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)

Steuerhormon aus der Hirnanhangsdrüse; steigt bei Unterfunktion, sinkt bei Überfunktion

Ausgangswert bei bekannter Schilddrüsenerkrankung oder bei Beschwerden; unter Behandlung mindestens einmal pro Schwangerschaftsdrittel [3]

fT4 (freies Thyroxin)

das aktive Schilddrüsenhormon, das ungebunden im Blut vorliegt und wirken kann

bei auffälligem TSH zur weiteren Einordnung [3]

TPO-Antikörper

Abwehrstoffe gegen ein Enzym der Schilddrüse; ein Hinweis auf eine Autoimmunerkrankung wie Hashimoto

laut deutscher Leitlinie nicht bei normalem TSH; bei erhöhtem TSH in der Schwangerschaft einmalig möglich [3]

TRAK (TSH-Rezeptor-Antikörper)

Abwehrstoffe, die die Schilddrüse dauerhaft anregen; typisch für Morbus Basedow

bei bekannter oder vermuteter Überfunktion, fachärztlich

Zuordnung nach der deutschen Leitlinie zum erhöhten TSH-Wert [3]. Welche Werte sonst noch in der Schwangerschaft eine Rolle spielen, findest du im Beitrag Wichtige Hormon- und Blutwerte in der Schwangerschaft.

Der TSH-Grenzwert: Was sich geändert hat

Hier lohnt es sich, genau hinzusehen – denn viele Ratgeber geben eine überholte Zahl an. Die europäische Leitlinie von 2014 nannte Obergrenzen, die sich nach dem Schwangerschaftsdrittel (Fachbegriff: Trimenon) richteten: 2,5 mU/l im ersten, 3,0 mU/l im zweiten und 3,0 bis 3,5 mU/l im dritten Drittel [2]. „mU/l“ steht dabei für Milli-Units pro Liter, die übliche Maßeinheit für TSH.

Die amerikanische Schilddrüsengesellschaft ist davon 2017 abgerückt. Sie empfiehlt vorrangig Referenzbereiche, die das jeweilige Labor für seine eigene Bevölkerung und das jeweilige Schwangerschaftsdrittel ermittelt hat; sind diese nicht verfügbar, gilt für die typische Patientin in der Frühschwangerschaft eine TSH-Obergrenze von 4,0 mU/l [1]. Die deutsche Leitlinie von 2023 hat das übernommen: Für Schwangere mit und ohne bekannte Unterfunktion soll 4,0 mU/l als oberer TSH-Referenzwert gelten, sofern keine regionalen Referenzwerte für Schwangere verfügbar sind [3].

Praktisch heißt das: Ein TSH von 3,2 mU/l im ersten Schwangerschaftsdrittel ist nach heutiger Einschätzung kein automatischer Behandlungsgrund. Wenn dir noch mit der alten 2,5er-Grenze argumentiert wird, ist das ein guter Anlass für eine Rückfrage.

Screening: Wer wird überhaupt getestet?

Auch das wird oft anders dargestellt, als die Leitlinien es formulieren. Die deutsche Leitlinie empfiehlt ausdrücklich kein routinemäßiges TSH-Screening bei Frauen mit Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft ohne bekannte Schilddrüsenerkrankung; auch TPO-Antikörper sollen bei normalem TSH nicht bestimmt werden [3]. Begründet wird das unter anderem damit, dass eine Reihenuntersuchung aller Schwangeren bis zu 12,5 % von ihnen zu Patientinnen machen würde – statt rund 1 % bei gezielter Diagnostik [3].

Anders sieht es im spezialisierten Setting aus: Im Rahmen der Kinderwunsch- und Fruchtbarkeitsdiagnostik wird die TSH-Messung empfohlen [3]. Ob und wann eine Bestimmung für dich sinnvoll ist, hängt also von deiner Vorgeschichte ab – etwa bei bekannter Schilddrüsenerkrankung, familiärer Belastung, entsprechenden Beschwerden oder in der Kinderwunschbehandlung. Mehr dazu im Beitrag Schilddrüse & TSH bei Kinderwunsch.

Behandlung: Was gesichert ist – und was nicht

Bei bereits bekannter, behandelter Unterfunktion ist die Lage klar: Die Einnahme des fehlenden Hormons (Levothyroxin, ein künstlich hergestelltes Schilddrüsenhormon in Tablettenform) soll fortgesetzt werden, mit dem Ziel eines TSH zwischen 0,4 und 4,0 mU/l. Der Wert soll mindestens einmal pro Schwangerschaftsdrittel kontrolliert werden. Nach der Geburt wird auf die Dosis vor der Schwangerschaft reduziert, mit einer TSH-Kontrolle sechs Wochen nach der Entbindung [3]. Dass der Bedarf in der Schwangerschaft steigt, ist gut belegt: Die europäische Leitlinie beziffert die notwendige Dosissteigerung bei vorbehandelten Frauen auf 25 bis 50 % [2].

Weniger eindeutig ist die Lage bei der leichten Unterfunktion. Die deutsche Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass sich aus der vorliegenden Datenlage aktuell keine Empfehlung zu einer Hormonbehandlung bei latenter Unterfunktion in der Schwangerschaft formulieren lässt – und dass sich auch aus dem TPO-Antikörper-Status keine Therapieentscheidung ableiten lässt [3]. Eine große Studie, bei der weder Ärztinnen noch Teilnehmerinnen wussten, wer das Medikament und wer ein Scheinmedikament erhielt, zeigte: Levothyroxin beeinflusste bei Frauen mit normaler Schilddrüsenfunktion und positiven TPO-Antikörpern weder die Empfängnis noch Schwangerschaftskomplikationen [3].

Auch die Cochrane-Übersicht kommt zu einem zurückhaltenden Schluss: Auf Basis von vier Studien mit insgesamt 362 Frauen – von denen nur zwei Daten beisteuerten – gibt es nicht genug Evidenz, um eine bestimmte Behandlung der ausgeprägten oder der leichten Unterfunktion vor oder während der Schwangerschaft gegenüber einer anderen zu empfehlen. Die spätere geistige und motorische Entwicklung der Kinder wurde in keiner der eingeschlossenen Studien untersucht [4].

Das ist kein Argument gegen eine Behandlung, sondern gegen Pauschalaussagen in beide Richtungen. Eine ausgeprägte Unterfunktion wird behandelt. Bei Grenzbefunden ist die Entscheidung individuell – und gehört in ein ärztliches Gespräch, in dem deine Vorgeschichte, deine Werte und dein Verlauf zusammen betrachtet werden.

Jod: wie viel du brauchst

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat ihre Referenzwerte 2025 aktualisiert: Erwachsene sollen 150 Mikrogramm (µg) Jod pro Tag aufnehmen, Schwangere 220 µg und Stillende 230 µg. Zusätzlich empfiehlt die DGE Schwangeren und Stillenden, neben einer ausgewogenen Ernährung mit jodiertem Speisesalz täglich ein Präparat mit 100 (bis 150) µg Jod einzunehmen [6].

International liegen die Empfehlungen etwas höher: Die amerikanische Schilddrüsengesellschaft empfiehlt eine Gesamtzufuhr von etwa 250 µg Jod pro Tag und ein tägliches Präparat mit 150 µg Jod [1]; die europäische Leitlinie nennt ebenfalls mindestens 250 µg pro Tag, bei einer Obergrenze von 500 µg [2].

Wichtig: Bei bekannter Schilddrüsenerkrankung – etwa Hashimoto oder Morbus Basedow – gehört die Jodzufuhr ärztlich abgestimmt und sollte nicht auf eigene Faust erhöht werden.

Nach der Geburt: die Schilddrüsenentzündung im ersten Jahr

Im ersten Jahr nach der Geburt entwickelt etwa eine von 20 Frauen eine Schilddrüsenentzündung (Fachbegriff: Postpartum-Thyreoiditis) – eine vorübergehende Entzündung, die zunächst zu einer Über- und später oft zu einer Unterfunktion führen kann [5]. Weil Erschöpfung, Stimmungsschwankungen und Gewichtsveränderungen in dieser Zeit ohnehin häufig sind, bleibt sie leicht unerkannt. Wenn Beschwerden anhalten, lohnt sich eine gezielte Kontrolle. Mehr zu dieser Phase im Beitrag Das Wochenbett.

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn bei dir eine Schilddrüsenerkrankung bekannt ist und du schwanger bist oder schwanger werden möchtest – dann sollte die Einstellung früh überprüft werden.

  • Wenn in deiner Familie Schilddrüsenerkrankungen vorkommen.

  • Wenn Beschwerden wie ausgeprägte Erschöpfung, Herzrasen oder starkes Frieren über das übliche Maß hinausgehen.

  • Wenn du bereits Schilddrüsenmedikamente einnimmst: Die Dosis muss in der Schwangerschaft häufig angepasst werden [2, 3].

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Selbsttest ist kein Diagnoseinstrument: Er liefert Messwerte, die ärztlich im Zusammenhang mit Beschwerden, Vorgeschichte und Schwangerschaftswoche eingeordnet werden müssen. Wie eine Blutentnahme zuhause abläuft, erklären wir unter Bluttests erklärt.

Passend dazu

Quellen

  1. Alexander EK, Pearce EN, Brent GA et al. 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum. Thyroid 2017;27(3):315–389. Volltext

  2. Lazarus J, Brown RS, Daumerie C et al. 2014 European Thyroid Association Guidelines for the Management of Subclinical Hypothyroidism in Pregnancy and in Children. European Thyroid Journal 2014;3(2):76–94. Volltext

  3. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis. S2k-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 053-046, Stand 04/2023. PDF

  4. Reid SM, Middleton P, Cossich MC, Crowther CA, Bain E. Interventions for clinical and subclinical hypothyroidism pre-pregnancy and during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2022, Issue 3, CD007752. Zusammenfassung

  5. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK). Thyroid Disease & Pregnancy. Stand Dezember 2017. Zur Seite

  6. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). FAQ Jod – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Stand 15.09.2025. Zur Seite

Schilddrüsenwerte bestimmen und ärztlich einordnen lassen

Du kannst deine Schilddrüsenwerte mit Fertia bestimmen lassen und sie anschließend ärztlich einordnen lassen – oder die Fertia App für die Begleitung durch die Schwangerschaft nutzen.

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