Der weibliche Zyklus und seine Phasen

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Der weibliche Zyklus wird fast immer mit einer Grafik erklärt: 28 Tage lang, Eisprung an Tag 14, alles schön symmetrisch. Diese Grafik ist praktisch – und für die meisten Frauen falsch. In einer Auswertung von mehr als 600.000 Zyklen waren nur 13 % exakt 28 Tage lang [1].

Dieser Artikel erklärt, was in den einzelnen Zyklusphasen tatsächlich passiert, wie groß die normale Schwankungsbreite ist und warum der Zyklustag darüber entscheidet, ob ein Hormonwert überhaupt etwas aussagt.

Wie der Zyklus gezählt wird

Zyklustag 1 ist der erste Tag der Blutung – nicht der Tag danach und nicht der Tag der Schmierblutung davor. Der Zyklus endet mit dem Tag vor der nächsten Blutung. Diese Zählung ist deshalb wichtig, weil alle Laborangaben („Tag 3 bis 5", „Tag 21") sich darauf beziehen.

Was als normal gilt

Die internationale Einteilung der Fachgesellschaft FIGO stützt sich auf Bevölkerungsdaten für Frauen zwischen 18 und 45 Jahren: Normal ist ein Abstand von 24 bis 38 Tagen. Kürzere Zyklen gelten als „häufig", längere als „selten" – der Begriff ersetzt das ältere Wort Oligomenorrhoe [2].

Für die Regelmäßigkeit gilt: Zwischen 26 und 41 Jahren sollte die Zykluslänge um nicht mehr als 7 Tage schwanken; in jüngeren und älteren Altersgruppen (18 bis 25 sowie 42 bis 45 Jahre) sind bis zu 9 Tage Schwankung normal [2]. Wer regelmäßig außerhalb dieser Spanne liegt, sollte das abklären lassen – hier kann eine Störung des Eisprungs dahinterstecken.

Die reale Verteilung bestätigt das: Der mittlere Zyklus in der Auswertung von über 600.000 Zyklen lag bei 29,3 Tagen, 65 % aller Zyklen dauerten zwischen 25 und 30 Tagen. Mit dem Alter wird der Zyklus kürzer – zwischen 25 und 45 Jahren um etwa 0,18 Tage pro Lebensjahr [1].

Phase 1: Die Blutung

Zu Beginn des Zyklus sind Östradiol – das wichtigste Östrogen – und Progesteron, das Gelbkörperhormon, niedrig. Die Gebärmutterschleimhaut, die im Vorzyklus aufgebaut wurde, löst sich ab; das ist die Blutung.

Genau diese Tage sind das Standardfenster für Hormonbestimmungen. Basales FSH – das Hormon aus der Hirnanhangsdrüse, das die Eizellreifung antreibt – wird an Tag 2, 3 oder 4 gemessen [3]. Die deutsche Leitlinie zur Kinderwunschabklärung nennt für das gesamte Grundpaket – LH, FSH, Prolaktin, Testosteron, DHEAS, SHBG, freier Androgenindex, Östradiol und AMH – ein Fenster von Tag 3 bis 7 [4].

Phase 2: Die Follikelphase

Follikel ist der Fachbegriff für ein Eibläschen – ein flüssigkeitsgefülltes Bläschen im Eierstock, in dem eine Eizelle heranreift. In dieser Phase wachsen mehrere davon, angetrieben von FSH; eines setzt sich durch. Das führende Eibläschen produziert immer mehr Östradiol, das die Gebärmutterschleimhaut aufbaut und das Gehirn darüber informiert, dass die Reifung läuft.

Diese Phase ist der eigentliche Grund für die Schwankungsbreite des Zyklus. Sie dauerte in der großen Auswertung im Mittel 16,9 Tage – mit einer Spanne von 10 bis 30 Tagen. Bei sehr kurzen Zyklen (15 bis 20 Tage) waren es im Mittel 10,4 Tage, bei sehr langen (36 bis 50 Tage) 26,8 Tage [1]. Ein langer Zyklus bedeutet also fast immer eine lange erste Hälfte, nicht eine lange zweite.

Praktisch bemerkbar macht sich der Östradiolanstieg am Schleim des Muttermunds: Seine Menge nimmt in den fünf bis sechs Tagen vor dem Eisprung zu und erreicht zwei bis drei Tage davor ihr Maximum [5]. Mehr dazu unter Östradiol-Wert.

Phase 3: Der Eisprung

Erreicht Östradiol einen Schwellenwert, kippt die Rückmeldung ans Gehirn: Statt zu bremsen, schüttet die Hirnanhangsdrüse schlagartig LH aus – das luteinisierende Hormon. Dieser LH-Anstieg löst den Eisprung aus, also das Freiwerden der Eizelle aus dem Eibläschen.

Auf diesem Anstieg beruhen die Ovulationstests aus der Apotheke, die LH im Urin messen. Sie sind gut untersucht – der Anstieg lässt sich zuverlässig nachweisen. Die Einschränkung liegt woanders: Der Eisprung kann jederzeit innerhalb der folgenden zwei Tage stattfinden, und in etwa 7 % der Zyklen zeigt der Test positiv an, ohne dass ein Eisprung folgt [5]. Ein positiver Test markiert also ein Zeitfenster, keinen Zeitpunkt.

Phase 4: Die Lutealphase

Aus dem zurückgebliebenen Eibläschen entsteht der Gelbkörper (Corpus luteum) – daher der Name. Er produziert Progesteron, das die Gebärmutterschleimhaut auf eine mögliche Einnistung vorbereitet. Bleibt eine Schwangerschaft aus, bildet sich der Gelbkörper zurück, Progesteron und Östradiol fallen ab, und die nächste Blutung setzt ein.

Diese Phase ist die stabilste im Zyklus: im Mittel 12,4 Tage, mit einer Spanne von 7 bis 17 Tagen, und über die Altersgruppen hinweg nahezu konstant [1]. Häufig wird sie pauschal mit 14 Tagen angesetzt – die Studienlage zeigt, dass auch das nur ein Mittelwert ist.

Hier liegt auch das Zeitfenster, um einen Eisprung nachzuweisen. Die deutsche Leitlinie empfiehlt: „Der Nachweis eines ovulatorischen Zyklus kann durch eine einmalige Progesteron-Bestimmung ca. 7 Tage nach vermuteter Ovulation (z. B. um den 21. Tag in einem 28-tägigen Zyklus) erfolgen." [4] Der Zusatz ist entscheidend – bei einem 33-Tage-Zyklus liegt der passende Tag entsprechend später. Eine verkürzte Lutealphase von weniger als 12 Tagen nach dem Eisprung, oft zusammen mit Schmierblutungen davor, kann auf eine Gelbkörperschwäche hindeuten [4].

Warum „Tag 14" in die Irre führt

Weil sich die Schwankung in der ersten Hälfte abspielt, lässt sich der Eisprung nicht verlässlich aus der Zykluslänge zurückrechnen. Eine prospektive Studie zeigte, dass nur bei etwa 30 % der Frauen das fruchtbare Fenster vollständig in dem Zeitraum lag, den klassische Empfehlungen dafür angeben – nämlich Zyklustag 10 bis 17. Frauen mit regelmäßigen Zyklen hatten zwischen Tag 6 und Tag 21 an jedem Tag eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 10 %, fruchtbar zu sein [6].

Für die Praxis heißt das zweierlei: Für den Kinderwunsch lohnt es sich, den Eisprung tatsächlich zu beobachten statt zu rechnen – ausführlich im Beitrag Fruchtbare Tage und Eisprung berechnen. Und für Blutuntersuchungen gilt: Der Zyklustag gehört auf jeden Befund. Wie eine Blutentnahme zuhause abläuft, erklären wir unter Bluttests erklärt.

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn dein Zyklus regelmäßig kürzer als 24 oder länger als 38 Tage ist.

  • Wenn die Länge von Zyklus zu Zyklus um mehr als 7 bis 9 Tage schwankt.

  • Wenn deine Periode über mehrere Monate ausbleibt.

  • Wenn du seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versuchst, schwanger zu werden.

  • Wenn Blutungen sehr stark, sehr schmerzhaft oder zwischen den Perioden auftreten.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Selbsttest ist kein Diagnoseinstrument: Er liefert Messwerte, die gemeinsam mit deinem Zyklus, deiner Vorgeschichte und gegebenenfalls einem Ultraschall ärztlich eingeordnet werden müssen.

Passend dazu

Quellen

  1. Bull JR, Rowland SP, Berglund Scherwitzl E, Scherwitzl R, Gemzell Danielsson K, Harper J. Real-world menstrual cycle characteristics of more than 600,000 menstrual cycles. npj Digital Medicine 2019;2:83. DOI 10.1038/s41746-019-0152-7. Volltext

  2. Munro MG, Balen AH, Cho S et al. The FIGO Ovulatory Disorders Classification System. Human Reproduction 2022;37(10):2446–2464. DOI 10.1093/humrep/deac180. Volltext

  3. Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Testing and interpreting measures of ovarian reserve: a committee opinion. Fertility and Sterility 2020;114(6):1151–1157. DOI 10.1016/j.fertnstert.2020.09.134. PDF

  4. Diagnostik und Therapie vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/085, Stand Februar 2019, Version 1.0 (Gültigkeit abgelaufen, Leitlinie in Überarbeitung). Empfehlung 3.7.E27. PDF

  5. Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine and the Society for Reproductive Endocrinology and Infertility. Optimizing natural fertility: a committee opinion. Fertility and Sterility 2022;117(1):53–63. DOI 10.1016/j.fertnstert.2021.10.007. PDF

  6. Wilcox AJ, Dunson D, Baird DD. The timing of the „fertile window“ in the menstrual cycle: day specific estimates from a prospective study. BMJ 2000;321(7271):1259–1262. Volltext

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