Wiederholte Fehlgeburten – Psychische Auswirkungen
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Wenn Schwangerschaften wiederholt enden, geht es in Untersuchungen und Gesprächen meist um mögliche Ursachen. Was diese Zeit mit den Menschen macht, die sie durchleben, kommt seltener zur Sprache – und beim Partner noch seltener als bei der Partnerin.
Eine Studie aus Heidelberg hat genau das erhoben: Sie hat Frauen und Männer nach wiederholten Fehlgeburten getrennt befragt und miteinander verglichen [1]. Dieser Text fasst zusammen, was dabei herauskam.
Was untersucht wurde
Die Arbeit „Recurrent pregnancy loss: a shared stressor – couple-orientated psychological research findings" erschien 2020 in der Fachzeitschrift Fertility and Sterility. Erstautorin ist Pia Voss; zu den Autorinnen und Autoren gehört Prof. Dr. Ruben Kuon, Mitgründer von Fertia [1].
Befragt wurden 90 Paare sowie 14 weitere Frauen, insgesamt also 104 Frauen und 90 Männer. Sie füllten einen Fragebogen aus, der psychische Risikofaktoren erfasst (ScreenIVF), dazu Angaben zu den erlebten Verlusten, zum Umgang damit und zur Zufriedenheit in der Partnerschaft [1].
Wichtig für das Verständnis: Ein Screening-Instrument stellt keine Diagnose. Es zeigt an, bei wem ein erhöhtes Risiko besteht – und wer von einem genaueren Blick profitieren könnte.
Was sich gezeigt hat
Angst: Bei 47,7 % der Frauen und 19,1 % der Männer zeigte sich ein erhöhtes Risiko.
Depression: 51,7 % der Frauen und 19,1 % der Männer lagen im Risikobereich.
Eingeschränkte soziale Unterstützung: 28,1 % der Frauen und 30,7 % der Männer – hier war der Anteil bei beiden ähnlich hoch [1].
Die ersten beiden Zahlen zeigen einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die dritte zeigt etwas anderes: Beim Gefühl, wenig Unterstützung zu haben, unterscheiden sich Männer und Frauen kaum. Die Autorinnen und Autoren ziehen daraus den Schluss, dass auch die männlichen Partner in die Betreuung einbezogen werden sollten [1].
Was mit geringerem Risiko einherging
Die Studie hat außerdem nach Faktoren gesucht, die mit niedrigeren Risikowerten zusammenhingen [1]:
Eine als zufriedenstellend erlebte Partnerschaft ging mit einem geringeren Depressionsrisiko einher – und mit mehr erlebter sozialer Unterstützung.
Ein bereits gemeinsam vorhandenes Kind ging ebenfalls mit einem geringeren Depressionsrisiko einher.
Über die Verluste mit anderen zu sprechen, ging mit mehr erlebter sozialer Unterstützung einher.
Ein vermeidender Umgang mit der Situation erschien im Vergleich zu aktiven Bewältigungsstrategien ungünstiger.
Diese Zusammenhänge sind Beobachtungen zu einem Zeitpunkt, keine Belege für Ursache und Wirkung. Ob eine zufriedene Partnerschaft vor Depression schützt oder eine geringere Belastung die Partnerschaft leichter macht, lässt sich aus solchen Daten nicht entscheiden.
Deshalb sind sie ausdrücklich keine Handlungsanweisung. Wer nicht darüber sprechen mag, macht nichts falsch. Wer die Situation gerade nur aushält, statt sie aktiv anzugehen, auch nicht.
Was daraus für die Versorgung folgt
Die Autorinnen und Autoren sprechen sich dafür aus, Angst, Depression und soziale Unterstützung bei beiden Partnern zu erfassen und beide bei der Bewältigung zu begleiten [1].
Die europäische Leitlinie zu wiederholten Fehlgeburten geht in dieselbe Richtung. Sie hält fest, dass sich der Bedarf an unterstützender Begleitung bei Männern und Frauen unterscheiden kann, dass eine spezialisierte Sprechstunde Untersuchung, Unterstützung und – wenn möglich – Behandlung anbieten sollte und dass offen gesagt werden muss, wenn es für einen Befund keine wirksame Behandlung gibt [2].
Von wiederholten Fehlgeburten spricht diese Leitlinie ab zwei Schwangerschaftsverlusten, Eileiterschwangerschaften und Blasenmolen nicht mitgerechnet [2].
Was das für Betroffene bedeuten kann
Der wichtigste Befund dieser Studie ist vielleicht der unauffälligste: Etwa jede zweite befragte Frau und jeder fünfte befragte Mann lag im Risikobereich für Angst oder Depression. Das ist kein Randphänomen.
Wenn es dir nach wiederholten Verlusten anhaltend schlecht geht, beschreibt das also einen häufigen Verlauf – und nicht ein persönliches Versagen im Umgang damit. Und wenn dein Partner anders reagiert als du, heißt das nicht zwangsläufig, dass ihn weniger belastet.
Wo es Anlaufstellen gibt
Initiative REGENBOGEN Glücklose Schwangerschaft e. V. – bundesweiter Selbsthilfeverein, vermittelt Gruppen und Ansprechpersonen in Deutschland, Österreich und der Schweiz [3].
Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID) – regionale Angebote und Selbsthilfegruppen, Telefon 0341 9468884 [4].
TelefonSeelsorge – kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per Chat und Mail [5].
Wenn du dich anhaltend niedergeschlagen fühlst oder Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, hol dir bitte ärztliche Hilfe – oder ruf die TelefonSeelsorge an, sofort und ohne Anmeldung.
Passend dazu
Warum über Fehlgeburten so wenig gesprochen wird: Tabuthema Fehlgeburt
Was bei wiederholten Verlusten untersucht wird: Beratung bei wiederholten Fehlgeburten
Umgang mit Fragen aus dem Umfeld: Umgang mit dem sozialen Umfeld
Medizinische Fragen besprechen: ärztliche Online-Sprechstunde
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt weder eine ärztliche noch eine psychotherapeutische Behandlung.
Quellen
Voss P, Schick M, Langer L, Ainsworth A, Ditzen B, Strowitzki T, Wischmann T, Kuon RJ. Recurrent pregnancy loss: a shared stressor – couple-orientated psychological research findings. Fertility and Sterility 2020;114(6):1288–1296. DOI 10.1016/j.fertnstert.2020.08.1421, PMID 33039130. Querschnittstudie, 90 Paare und 14 weitere Frauen; alle genannten Prozentwerte stammen aus dem Originalabstract. Registriert im Deutschen Register Klinischer Studien, DRKS00014965. Zur Studie
ESHRE Guideline Group on RPL; Bender Atik R, Christiansen OB, Elson J et al. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss – an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. DOI 10.1093/hropen/hoad002. Definition ab zwei Schwangerschaftsverlusten; Hinweise zu unterschiedlichem Unterstützungsbedarf von Männern und Frauen. Zur Leitlinie
Initiative REGENBOGEN Glücklose Schwangerschaft e. V. Bundesweiter Selbsthilfeverein, gegründet 1990. Zur Initiative
Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID), Roßplatz 8a, 04103 Leipzig, Telefon 0341 9468884. Zum Verband
TelefonSeelsorge Deutschland. Kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222, 116 123; zusätzlich Chat und Mail. Zum Angebot
Anlaufstellen für Betroffene findest du im Beitrag. Für medizinische Fragen nach wiederholten Fehlgeburten steht dir die ärztliche Online-Sprechstunde von Fertia offen.




