Umgang mit dem sozialen Umfeld bei unerfülltem Kinderwunsch
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„Und, wann ist es bei euch so weit?" – kaum eine Frage trifft bei unerfülltem Kinderwunsch zuverlässiger. Sie ist selten böse gemeint. Aber sie zwingt dich in einem Moment zu einer Antwort, in dem du vielleicht gerade keine hast.
Der Umgang mit dem Umfeld ist bei Kinderwunsch ein eigener Kraftaufwand neben Terminen, Behandlungen und Warten. Dieser Beitrag sammelt, was dabei erfahrungsgemäß hilft: Wie du entscheidest, wem du was erzählst. Wie du Grenzen setzt, ohne dich rechtfertigen zu müssen. Was am Arbeitsplatz gilt. Und wie ihr als Paar durch eine Phase kommt, in der beide unterschiedlich reagieren.
Warum das Umfeld so viel Gewicht bekommt
Die Belastung durch einen unerfüllten Kinderwunsch ist keine Nebensache. In einer systematischen Übersichtsarbeit über 22 Studien mit mehr als 21.000 Patientinnen und Patienten war die körperliche und psychische Belastung nach dem Aufschieben von Behandlungen der zweithäufigste Grund, eine Kinderwunschbehandlung abzubrechen – bei rund 19 % der Betroffenen, davon 14 % ausdrücklich wegen der psychischen Belastung [1]. Nicht die Medizin ist dann das Hindernis, sondern das, was sie an Kraft kostet.
Die europäische Leitlinie zur psychosozialen Versorgung in der Reproduktionsmedizin nimmt genau darauf Bezug: Psychosoziale Begleitung ist dort kein Zusatzangebot für Krisenfälle, sondern Teil der Regelversorgung, die alle Mitarbeitenden eines Kinderwunschzentrums mittragen sollen [2]. Wer also merkt, dass ihm der Umgang mit dem Umfeld an die Substanz geht, beschreibt kein persönliches Versagen, sondern einen bekannten und benannten Teil dieser Situation.
Wem du was erzählst – eine bewusste Entscheidung
Es gibt keine richtige Antwort auf die Frage, wie offen man sein sollte. Beides hat Kosten. Wer nichts erzählt, muss Ausreden erfinden und steht mit allem allein. Wer viel erzählt, bekommt dafür Nachfragen, Ratschläge und Mitleid zurück – auch dann, wenn gerade nichts Neues zu berichten ist.
Hilfreich ist es, die Entscheidung nicht dem Zufall zu überlassen, sondern vorher zu treffen – am besten gemeinsam als Paar. Drei Fragen helfen dabei:
Wer soll es wissen? Eine kleine Zahl von Menschen, bei denen du dich sicher fühlst, ist meist tragfähiger als ein großer Kreis.
Was genau soll diese Person wissen? „Wir wünschen uns ein Kind, und es dauert" ist etwas anderes als der Behandlungsplan mit Terminen.
Was soll sie damit tun? Das ist der Punkt, der am häufigsten fehlt – und der am meisten verändert.
Der letzte Punkt lässt sich in einen Satz packen: „Ich erzähle dir das, weil du es wissen sollst. Ich brauche gerade keine Tipps, nur jemanden, der Bescheid weiß." Die meisten Menschen geben Ratschläge nicht aus Belehrungsbedürfnis, sondern weil sie helfen wollen und nicht wissen, wie. Ein klarer Auftrag nimmt ihnen diese Unsicherheit ab.
Was gut gemeinte Sätze auslösen
„Entspann dich einfach, dann klappt das schon." „Meine Kollegin hat auch ewig gewartet und dann …" „Ihr könnt doch adoptieren." Diese Sätze haben etwas gemeinsam: Sie erklären das Problem für lösbar und legen die Lösung bei dir ab. Der Satz von der Entspannung ist der verbreitetste – und der, der am zuverlässigsten Schuld erzeugt, weil er nahelegt, das Ausbleiben einer Schwangerschaft sei eine Frage der richtigen Einstellung.
Du musst solche Sätze nicht richtigstellen. Es reicht, sie zu beenden: „Ich weiß, dass du helfen willst. Genau dieser Satz hilft mir nicht." Kurz, ohne Vorwurf, ohne Erklärung. Wer will, kann direkt anschließen, was stattdessen hilft – Ablenkung, ein Spaziergang, einfach nur zuhören.
Einladungen absagen dürfen
Babypartys, Taufen, Familienfeiern mit Kinderthemen: Es gibt Anlässe, die zu einer bestimmten Zeit schlicht zu viel sind. Eine Einladung abzulehnen ist keine Kränkung des Gastgebers und keine Schwäche, sondern eine Entscheidung über deine Kräfte.
Absagen ohne Begründung ist erlaubt. „Danke für die Einladung, wir schaffen es leider nicht" ist eine vollständige Antwort. Du schuldest niemandem die Gründe.
Teilnahme ist keine Alles-oder-nichts-Frage. Später kommen, früher gehen, ein Geschenk schicken, vorher anrufen – das sind alles Formen von Verbundenheit.
Ein Ausstiegsplan macht das Hingehen leichter. Wenn vorher feststeht, dass ihr gehen könnt, sobald einer von euch das sagt, ist die Hürde kleiner.
Nicht jeder wird es verstehen. Das ist unangenehm und trotzdem kein Grund, die Entscheidung zu ändern.
Der Arbeitsplatz
Am Arbeitsplatz ist die Lage anders, weil du dir die Menschen nicht aussuchst und die Beziehung nach der Behandlung weitergeht. Grundsätzlich gilt: Du bist nicht verpflichtet, den Grund für Arzttermine zu nennen. Eine Krankmeldung braucht keine Diagnose.
Praktisch bewährt sich meist eine einzige eingeweihte Person – Vorgesetzte oder Kollegin –, die weiß, dass es Termine geben wird, die sich schlecht verschieben lassen. Das reduziert Erklärungsdruck, ohne die Sache in die Abteilung zu tragen. Auf unpassende Fragen im Team hilft ein freundlicher, aber endgültiger Satz: „Das ist etwas, worüber ich hier nicht spreche."
Als Paar unterschiedlich reagieren
Der häufigste Konflikt entsteht nicht daraus, dass einer weniger empfindet, sondern daraus, dass beide anders damit umgehen. Eine Person will reden, die andere funktionieren. Eine will alle Optionen recherchieren, die andere für ein paar Wochen nichts davon hören. Beides ist Verarbeitung.
Was hilft, ist selten mehr reden – sondern klarer reden:
Verabredet Zeiten. Ein festes Zeitfenster für das Thema schützt den Rest der Woche davor, dass es überall auftaucht.
Sagt, was ihr braucht, statt zu prüfen, ob es der andere errät. „Ich möchte heute nur in den Arm genommen werden" ist keine Zumutung.
Verabredet, wer nach außen was sagt. Sonst erfährt eine Familienseite Dinge, die die andere nicht wissen sollte.
Plant bewusst Zeit ohne das Thema. Nicht als Ablenkungsmanöver, sondern damit die Beziehung mehr bleibt als ein gemeinsames Projekt.
Wo es Unterstützung von außen gibt
Psychosoziale Kinderwunschberatung ist ein eigenes Fachgebiet – nicht Psychotherapie, sondern Begleitung durch eine Person, die die medizinischen Abläufe und die typischen Belastungen kennt.
Das Informationsportal Kinderwunsch des zuständigen Bundesministeriums bietet eine Suche nach Beratungsstellen in deiner Nähe sowie eine Übersicht medizinischer Zentren [3].
Die Deutsche Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKiD) führt eine Liste qualifizierter Beraterinnen und Berater, ebenfalls nach Wohnort durchsuchbar [4].
Manche Kinderwunschzentren haben eine eigene Beratung im Haus. Danach zu fragen kostet nichts und ist ausdrücklich vorgesehen [2].
Was du daraus mitnehmen kannst
Du kannst nicht steuern, was andere sagen. Du kannst aber entscheiden, wer etwas erfährt, wie viel, und was diese Person damit tun soll. Diese drei Entscheidungen nehmen den meisten Gesprächen ihre Schärfe.
Und wenn der Umgang mit dem Umfeld mehr Kraft kostet als die Behandlung selbst, ist das kein Zeichen von Überempfindlichkeit, sondern ein bekannter Teil dieser Zeit – und ein guter Grund, sich Unterstützung zu holen.
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Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt weder eine ärztliche noch eine psychotherapeutische Behandlung. Wenn du dich anhaltend niedergeschlagen fühlst oder Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, wende dich bitte an ärztliche Hilfe oder rund um die Uhr kostenfrei an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 [5].
Quellen
Gameiro S, Boivin J, Peronace L, Verhaak CM. Why do patients discontinue fertility treatment? A systematic review of reasons and predictors of discontinuation in fertility treatment. Human Reproduction Update 2012;18(6):652–669. DOI 10.1093/humupd/dms031. 22 Studien, 21.453 Patientinnen und Patienten; körperliche und psychische Belastung als Abbruchgrund bei 19,07 % (psychisch 14 %). Zur Übersichtsarbeit
Gameiro S, Boivin J, Dancet E et al. ESHRE guideline: routine psychosocial care in infertility and medically assisted reproduction – a guide for fertility staff. Human Reproduction 2015;30(11):2476–2485. DOI 10.1093/humrep/dev177. 120 Empfehlungen zur psychosozialen Regelversorgung durch das gesamte Behandlungsteam. Zur Leitlinie
Informationsportal Kinderwunsch des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Beratung und Hilfe: Suche nach Beratungsstellen und medizinischen Zentren. Zum Portal
Deutsche Gesellschaft für Kinderwunschberatung – Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland e. V. (BKiD). Suche „Beratungsfachkräfte in Ihrer Nähe". Zur Beratersuche
TelefonSeelsorge Deutschland. Kostenfreie, rund um die Uhr erreichbare Beratung per Telefon (0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123), Chat und Mail. Zum Angebot
Über deine Situation mit Ärztinnen und Ärzten sprechen
Für den Umgang mit dem Umfeld gibt es keinen Test und keine Abkürzung. Wenn du medizinische Fragen zu deinem Kinderwunsch klären möchtest, kannst du sie in der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia besprechen – psychosoziale Beratung findest du über die im Beitrag genannten Stellen.




