Beratung bei wiederholten Fehlgeburten – Wann professionelle Unterstützung hilft
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Wiederholte Fehlgeburten gehören zu den schwersten Erfahrungen auf dem Weg zu einem Kind. Viele Paare beschreiben ein Wechselspiel aus Trauer, Erschöpfung und der drängenden Frage nach dem Warum – oft begleitet von Schuldgefühlen, für die es in aller Regel keinen Grund gibt.
Dieser Artikel ordnet ein, was „wiederholte Fehlgeburten“ medizinisch bedeutet, ab wann Leitlinien eine Abklärung empfehlen, welche Untersuchungen dazugehören, was die Studienlage zu Behandlungen tatsächlich hergibt – und welche Unterstützung es über die Medizin hinaus gibt.
Was „wiederholte Fehlgeburten“ medizinisch bedeutet
Es gibt keine einheitliche Definition – und das ist wichtig zu wissen, wenn du unterschiedliche Aussagen hörst. Die maßgeblichen Fachgesellschaften ziehen die Grenze unterschiedlich:
Fachgesellschaft | Definition | Anmerkung |
|---|---|---|
ESHRE (europäische Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin), Update 2022 | zwei oder mehr Schwangerschaftsverluste | müssen nicht direkt aufeinanderfolgen [1] |
Deutsche Leitlinie (DGGG u. a.), 2022 | drei und mehr aufeinanderfolgende Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche (Definition der WHO) | Abklärung in begründeten Fällen bereits nach zwei [3] |
RCOG (britische Fachgesellschaft für Frauenheilkunde), 2023 | drei oder mehr Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel | ausführliche Abklärung nach zwei Fehlgeburten im ärztlichen Ermessen [4] |
Die ESHRE begründet die Grenze von zwei Verlusten damit, dass sie Forschung, gemeinsame Entscheidungsfindung und psychologische Unterstützung erleichtert – und dass sich eine behandelbare Ursache, das Antiphospholipid-Syndrom, bereits nach zwei Verlusten untersuchen lässt [1].
Für dich heißt das vor allem: Es gibt keinen festen Zeitpunkt, ab dem du „ein Recht auf Abklärung“ hast oder umgekehrt „noch warten musst“. Ob eine Abklärung sinnvoll ist, hängt auch von deinem Alter, deiner Vorgeschichte und dem Verlauf der Verluste ab.
Wie häufig das ist
Fehlgeburten sind deutlich häufiger, als der öffentliche Umgang mit dem Thema vermuten lässt. Eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal The Lancet beziffert das Risiko einer Fehlgeburt über alle ausgewerteten Studien hinweg auf 15,3 % aller erkannten Schwangerschaften [5]. Bezogen auf die Bevölkerung haben 10,8 % der Frauen eine Fehlgeburt erlebt, 1,9 % zwei und 0,7 % drei oder mehr [5]. Die deutsche Leitlinie gibt an, dass etwa 1 bis 3 % aller Paare im reproduktionsfähigen Alter den wiederholten Verlust einer Schwangerschaft erleben [3].
Diese Zahlen ändern nichts an der persönlichen Schwere. Sie zeigen aber: Du bist mit dieser Erfahrung nicht allein – auch wenn es sich oft so anfühlt, weil kaum jemand darüber spricht. Mehr dazu im Beitrag Tabuthema Fehlgeburt.
Ab wann eine Abklärung empfohlen wird
Die deutsche Leitlinie formuliert es zweistufig: Die dort aufgeführten Risikofaktoren sollen nach drei aufeinanderfolgenden Fehlgeburten abgeklärt werden – und eine Abklärung sollte in begründeten Fällen bereits nach zwei aufeinanderfolgenden Fehlgeburten erfolgen [3]. Die ESHRE empfiehlt die Untersuchung auf bestimmte Autoantikörper ausdrücklich schon nach zwei Verlusten [1]. Die britische Leitlinie bleibt bei drei, ermutigt Behandelnde aber, nach zwei Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel eine ausführliche Abklärung anzubieten, wenn der Verdacht besteht, dass die Verluste nicht zufällig sind [4].
Was bei einer Abklärung untersucht wird
Eine Abklärung ist keine einzelne Untersuchung, sondern ein strukturierter Ablauf aus einem Gespräch über die Vorgeschichte, Laborwerten, Ultraschall und – je nach Befund – weiterführender Diagnostik. Die wichtigsten Bausteine:
Bereich | Was untersucht wird | Wie häufig ist ein Befund? |
|---|---|---|
Genetik | Untersuchung der Chromosomen bei beiden Partnern aus einer Blutprobe | Bei Paaren mit zwei oder mehr Fehlgeburten findet sich bei etwa 4 bis 5 % bei einem Partner eine Chromosomenveränderung, bei der nichts fehlt, sondern Teile vertauscht sind (balancierte Chromosomenveränderung) [3]; eine Untersuchung an 795 Paaren fand 3,5 % [1] |
Antiphospholipid-Syndrom (eine Gerinnungsneigung durch bestimmte Autoantikörper) | Drei Autoantikörper im Blut: Lupus-Antikoagulans, Anti-Cardiolipin- und Anti-β2-Glykoprotein-I-Antikörper; Kontrolle nach 12 Wochen, da einmalige Werte nicht ausreichen | 2 bis 15 % der Frauen mit wiederholten Fehlgeburten; neuere Studien gehen von unter 5 % aus [3] |
Schilddrüse | TSH (Steuerhormon der Schilddrüse) und TPO-Antikörper; bei auffälligem TSH zusätzlich das Schilddrüsenhormon T4 | Von der ESHRE als starke Empfehlung bei wiederholten Fehlgeburten aufgeführt [1] |
Gebärmutter | Ultraschall, bei Bedarf eine Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie – eine Untersuchung mit einer dünnen Kamera) | zur Erkennung angeborener oder später entstandener Veränderungen |
ggf. bei weiteren Fehlgeburten: Gewebe der Fehlgeburt | Untersuchung der Chromosomen im Gewebe | Chromosomenveränderungen finden sich bei etwa der Hälfte der Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel [3] |
Ebenso wichtig ist, was Leitlinien nicht empfehlen. Die ESHRE rät ausdrücklich von der Messung von Botenstoffen des Immunsystems (Zytokinen) ab, ebenso von der Bestimmung bestimmter Antikörper gegen Gewebemerkmale (Anti-HLA-Antikörper); auch eine Abklärung auf PCOS sowie Insulin und Blutzucker im nüchternen Zustand werden bei wiederholten Fehlgeburten nicht empfohlen [1], können jedoch generell bei Kinderwunsch sinnvoll sein. Wenn dir ein umfangreiches „Immunprofil“ angeboten wird, ist die Frage berechtigt, welche Konsequenz das Ergebnis für die Behandlung hätte.
Ein Sonderfall ist die chronische Endometritis – eine anhaltende, oft unbemerkte Entzündung der Gebärmutterschleimhaut. Die berichteten Häufigkeiten bei wiederholten Fehlgeburten schwanken je nach Nachweismethode zwischen 7 und 58 %; die einzige Studie, die mit Frauen ohne Fruchtbarkeitsprobleme verglich, fand keinen Unterschied [1]. Die ESHRE kommt deshalb zu dem Schluss, dass weitere Forschung nötig ist, bevor eine Reihenuntersuchung empfohlen werden kann [1]. Mehr Hintergrund im Beitrag Chronische Endometritis bei Kinderwunsch und Fehlgeburten.
Was sich behandeln lässt – und was nachweislich nicht hilft
Kurz zu den Studienzahlen weiter unten: „RR“ steht für das relative Risiko – ein Wert von 1,0 bedeutet „kein Unterschied“. Das „95 %-Konfidenzintervall“ (95 %-KI) gibt den Bereich an, in dem der wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt dieser Bereich die 1,0 ein, ist der Unterschied statistisch nicht gesichert.
Beim Antiphospholipid-Syndrom gibt es eine etablierte Behandlung: Für Frauen, die die Laborkriterien erfüllen und drei oder mehr Verluste hatten, schlägt die ESHRE niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS, der Wirkstoff aus Aspirin; 75 bis 100 mg pro Tag) ab vor der Empfängnis vor – in Kombination mit Heparin, einem gespritzten Medikament, das die Blutgerinnung hemmt, ab dem positiven Schwangerschaftstest. Diese Empfehlung ist als „bedingt“ eingestuft, und die Leitlinie hält fest, dass die Aussagesicherheit der zugrunde liegenden Studien niedrig bis sehr niedrig ist [1].
Ohne nachgewiesene Ursache ist die Datenlage eindeutig – in die andere Richtung: Heparin oder niedrig dosierte Acetylsalicylsäure werden bei wiederholten Fehlgeburten ohne erkennbare Ursache nicht empfohlen, weil belegt ist, dass sie die Chance auf ein lebend geborenes Kind nicht verbessern (starke Empfehlung) [1]. Auch die deutsche Leitlinie verweist auf eine Cochrane-Auswertung ohne Nutzen einer ASS-Vorbeugung in dieser Situation (RR 0,94; 95 %-KI 0,80–1,11) [3].
Beim Thema Progesteron lohnt sich der genaue Blick, weil es häufig zu pauschal dargestellt wird. In der großen PRISM-Studie mit rund 4.000 Frauen mit Blutungen in der Frühschwangerschaft lag der Anteil lebend geborener Kinder mit Progesteron bei 75 % gegenüber 72 % unter einem Scheinmedikament – kein gesicherter Unterschied [6]. In der vorab festgelegten Untergruppe der Frauen mit drei oder mehr vorangegangenen Fehlgeburten zeigte sich dagegen ein deutlicher Unterschied: 72 % gegenüber 57 % (RR 1,28; 95 %-KI 1,08–1,51) [6]. Entsprechend formuliert die ESHRE: Vaginal angewendetes Progesteron kann die Chance auf ein lebend geborenes Kind bei Frauen mit drei oder mehr Verlusten und einer Blutung in einer Folgeschwangerschaft verbessern (bedingte Empfehlung) [1].
Ohne Blutung sieht es anders aus: Eine Cochrane-Auswertung von 2025 zu wiederholten Fehlgeburten ohne erkennbare Ursache fand wahrscheinlich keinen oder kaum einen Unterschied – weder beim Anteil der Fehlgeburten (RR 0,91; 95 %-KI 0,76–1,07; 8 Studien, 1.276 Teilnehmerinnen) noch beim Anteil lebend geborener Kinder (RR 1,04; 95 %-KI 0,96–1,12; 5 Studien, 1.063 Teilnehmerinnen), jeweils mit mittlerer Aussagesicherheit [7].
Welche dieser Optionen in deiner Situation überhaupt infrage kommt, hängt vom Befund ab. Genau deshalb steht die Abklärung vor der Therapie.
Wenn keine Ursache gefunden wird
Bei einem großen Teil der Betroffenen lässt sich kein Risikofaktor identifizieren [3]. Das ist zermürbend – aber es ist keine schlechte Nachricht für die Aussichten. In einer über zehn Jahre laufenden Beobachtungsstudie an einer spezialisierten Klinik erreichten von den Frauen mit ungeklärten wiederholten Fehlgeburten, die erneut schwanger wurden, 167 von 222 (75 %) eine Schwangerschaft jenseits der 24. Woche [1].
Dieselbe Studie zeigt auch, wann die kritische Phase liegt: Bei ungeklärten wiederholten Fehlgeburten war die Zeit zwischen der 6. und 8. Schwangerschaftswoche am riskantesten. War in der 8. Woche im Ultraschall ein Herzschlag nachweisbar, lag die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Verlaufs bei 98 %, in der 10. Woche bei 99,4 % [1]. Das sind Zahlen aus einer spezialisierten Klinik und keine Garantie für den Einzelfall – aber sie erklären, warum frühe Ultraschallkontrollen in einer Folgeschwangerschaft für viele Paare so entlastend sind.
Die psychische Seite ernst nehmen
Die Belastung ist messbar: Die deutsche Leitlinie beschreibt Angstsymptome bei 29 % und depressive Symptome bei 48 % der Frauen mit wiederholten Fehlgeburten [3]. Die Lancet-Übersicht nennt Angst, Depression, posttraumatische Belastungsstörung und Suizidgedanken als mögliche Folgen früher Schwangerschaftsverluste [5].
Die ESHRE beschreibt kein starres Betreuungsmodell, sondern nennt Elemente, die Betroffene als hilfreich erleben [1]:
Anerkennung als Individuum – diese Frau, dieses Paar, diese Vorgeschichte, diese Schwangerschaft
Zeit für Fragen, Informationen, Wiederholung und Gespräch, besonders bei Belastung oder Angst
gutes Zuhören – für die Fakten und für die Gefühle
Respekt für die Patientin, ihre Partnerin oder ihren Partner und die verlorenen Schwangerschaften
klare, sensible Sprache: Fachbegriffe erklären, verletzende Formulierungen vermeiden und die Worte übernehmen, die die Patientin selbst verwendet
Ehrlichkeit über Abläufe, wahrscheinliche Verläufe und Aussichten – ohne falsche Beruhigung
gemeinsame Planung, die ein Stück Kontrolle zurückgibt
unterstützende Begleitung in der nächsten Schwangerschaft, inklusive zusätzlicher oder früher Ultraschalltermine, wenn gewünscht
Freundlichkeit: Zugewandtheit, Empathie und Mitgefühl, so wie es zu dieser Patientin passt
Wenn du merkst, dass Trauer, Angst oder Grübeln deinen Alltag über Wochen bestimmen, ist psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung kein Zeichen von Schwäche, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Anlaufstellen sind Beratungsstellen für Kinderwunsch und Schwangerschaftsverlust, spezialisierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Selbsthilfegruppen. Auch über die Belastung im Umfeld schreiben wir ausführlicher im Beitrag Umgang mit dem sozialen Umfeld bei unerfülltem Kinderwunsch.
Wie ein Abklärungsgespräch abläuft
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über deine Vorgeschichte – Fachleute nennen es Anamnese: Zahl und Zeitpunkt der Verluste, Zyklus, Vorerkrankungen, Medikamente, Familiengeschichte. Daraus ergibt sich, welche Untersuchungen sinnvoll sind – und welche nicht. Anschließend werden Laborwerte und Ultraschall zusammengeführt und die Befunde gemeinsam besprochen, einschließlich der Frage, was ein Ergebnis für eine mögliche nächste Schwangerschaft bedeutet.
Weil die Ursachen in ganz unterschiedlichen Fachgebieten liegen können, ist ein Zusammenspiel mehrerer Disziplinen hilfreich – Frauenheilkunde und Reproduktionsmedizin, Hormonmedizin (Endokrinologie), Gerinnungsmedizin und Humangenetik (die Lehre von den Erbanlagen). Es ist völlig in Ordnung, sich für diesen Schritt eine Zweitmeinung einzuholen.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Nach zwei aufeinanderfolgenden Fehlgeburten, wenn du eine Abklärung besprechen möchtest – spätestens nach drei [1, 3, 4].
Wenn eine Fehlgeburt nach der 10. Schwangerschaftswoche aufgetreten ist oder in der Familie Chromosomenveränderungen bekannt sind.
Wenn bei dir eine Schilddrüsen- oder Autoimmunerkrankung bekannt ist.
Wenn dich Trauer, Angst oder Schlaflosigkeit über Wochen begleiten.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er ist keine Handlungsanleitung für den Einzelfall: Welche Untersuchungen und welche Behandlung für dich sinnvoll sind, lässt sich nur nach ärztlicher Beurteilung deiner persönlichen Situation entscheiden.
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Überblick über diese Lebensphase: Kinderwunsch & Verlust
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Quellen
ESHRE Recurrent Pregnancy Loss Guideline Development Group. Guideline of the European Society of Human Reproduction and Embryology: Recurrent Pregnancy Loss. Update 2022, finale Fassung Januar 2023. PDF
ESHRE Guideline Group on RPL. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss – an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. Volltext
Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/050, Version 6.1, Stand August 2022; angegebene Gültigkeitsdauer 01.05.2022 bis 30.04.2025 (Leitlinie in Überarbeitung). PDF
Royal College of Obstetricians and Gynaecologists. Recurrent Miscarriage (Green-top Guideline No. 17), 4. Auflage, 19. Juni 2023. Zur Seite
Quenby S, Gallos ID, Dhillon-Smith RK et al. Miscarriage matters: the epidemiological, physical, psychological, and economic costs of early pregnancy loss. The Lancet 2021;397(10285):1658–1667. DOI 10.1016/S0140-6736(21)00682-6.
Coomarasamy A, Harb HM, Devall AJ et al. Progesterone to prevent miscarriage in women with early pregnancy bleeding: the PRISM RCT. Health Technology Assessment 2020;24(33), NIHR Journals Library. Volltext
Haas DM, Bofill Rodriguez M, Hathaway TJ, Ramsey PS. Progestogen for preventing miscarriage in women with recurrent miscarriage of unclear etiology. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 6, CD003511. Volltext




