Spermaqualität: Einfluss auf Lebenserwartung?

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Ein Spermiogramm gilt normalerweise als Momentaufnahme der Fruchtbarkeit. Eine dänische Auswertung von 78.284 Männern legt nahe, dass es darüber hinaus etwas über die Gesundheit insgesamt sagt: Männer mit der besten Spermienqualität lebten im Durchschnitt 2,7 Jahre länger als Männer mit der schlechtesten [1].

Das ist eine erstaunliche Zahl – und eine, die leicht falsch gelesen wird. Sie bedeutet nicht, dass Spermien die Lebensdauer bestimmen. Dieser Beitrag erklärt, was die Studie gemessen hat, was der Zusammenhang plausibel bedeuten könnte und was ein Spermiogramm für dich tatsächlich leistet.

Was ein Spermiogramm sagt – und was nicht

  • Was es sagt: wie viele Spermien im Ejakulat sind, wie viele sich vorwärts bewegen und wie viele normal geformt sind – gemessen nach einem international standardisierten Verfahren [3].

  • Was es nicht sagt: ob ein Mann zeugungsfähig ist. Die WHO-Grenzwerte sind der 5. Perzentilwert von Männern, deren Partnerin innerhalb eines Jahres schwanger wurde – also eine statistische Grenze, keine Diagnose. Eine Fachübersicht formuliert es deutlich: Grenzwerte allein sind bedeutungslos [4].

  • Was es nicht ist: ein Gesundheitscheck. Aus einem einzelnen Befund lässt sich keine individuelle Lebenserwartung ableiten.

  • Wichtig: Werte schwanken erheblich – je nach Karenzzeit, Infekten der Vorwochen, Fieber oder Stress. Ein auffälliger Befund wird deshalb üblicherweise nach einigen Wochen wiederholt.

Was in der Studie untersucht wurde

Ein Team um Lærke Priskorn und Niels Jørgensen vom Universitätsklinikum Kopenhagen – Rigshospitalet hat Daten von 78.284 Männern ausgewertet, deren Spermaprobe zwischen 1965 und 2015 im öffentlichen Kopenhagener Labor untersucht wurde. Anlass war jeweils ein unerfüllter Kinderwunsch des Paares, weshalb das Spektrum von sehr guter Qualität bis zum völligen Fehlen von Spermien reicht [1].

Über die dänischen nationalen Register wurde anschließend nachverfolgt, wer verstorben war. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 23 Jahre, bei einem Teil der Männer bis zu 50 Jahre. In dieser Zeit starben 8.600 Männer, also 11 % der Untersuchten [1].

Der zentrale Messwert war die Gesamtzahl beweglicher Spermien (englisch: total motile sperm count). Sie ergibt sich aus dem Ejakulatvolumen, der Spermienkonzentration und dem Anteil beweglicher Spermien – und fasst damit mehrere Einzelwerte zu einer Zahl zusammen.

Das Ergebnis

  • Männer mit mehr als 120 Millionen beweglichen Spermien hatten eine berechnete Lebenserwartung von 80,3 Jahren.

  • Männer mit 0 bis 5 Millionen kamen auf 77,6 Jahre – eine Differenz von 2,7 Jahren [1].

  • Dazwischen verlief der Zusammenhang stufenweise: Je niedriger die Werte, desto höher die Sterblichkeit. Gegenüber der besten Gruppe lag das Sterberisiko bei 0–5 Millionen um 61 % höher, bei 10–40 Millionen um 27 %, bei 80–120 Millionen um 19 % [1].

Ein solcher Stufenverlauf – Fachleute sprechen von einer Dosis-Wirkungs-Beziehung – macht einen Zufallsbefund unwahrscheinlicher. Er sagt aber nichts darüber, was Ursache und was Folge ist.

Was der Zusammenhang nicht erklärt

Der naheliegende Einwand lautet: Vielleicht waren die Männer mit schlechten Werten schon damals krank. Genau das haben die Autorinnen und Autoren geprüft. Für 59.657 Männer, die ab 1987 Proben abgegeben hatten, lagen zusätzlich das Bildungsniveau als Anhaltspunkt für die soziale Lage sowie alle Diagnosen aus den zehn Jahren vor der Untersuchung vor. Nach Berücksichtigung dieser Faktoren blieben die Ergebnisse praktisch unverändert [1].

Damit fällt die einfachste Erklärung weg. Die Vermutung der Forschenden geht deshalb in eine andere Richtung: Die Spermienqualität könnte ein Frühindikator für Prozesse sein, die sowohl die Fruchtbarkeit als auch die spätere Gesundheit beeinflussen – lange bevor eine Erkrankung auffällt.

Belegt ist diese Erklärung nicht. Was die Studie zeigt, ist ein Zusammenhang, keine Kausalität. Und ein Zusammenhang auf Gruppenebene sagt über einen einzelnen Mann wenig: In der besten Gruppe starben Männer früh, in der schlechtesten wurden Männer alt.

Was die Studie nicht wissen konnte

Die Autorinnen und Autoren benennen die Grenzen ihrer Arbeit selbst [1]:

  • Keine Angaben zum Lebensstil. Rauchen, Alkohol, Bewegung und Gewicht wurden nicht erfasst – alles Faktoren, die sowohl auf die Spermienqualität als auch auf die Lebenserwartung wirken.

  • Begrenzte Vorerkrankungsdaten. Erfasst wurden nur Diagnosen aus dem nationalen Patientenregister, und das auch nur für einen Teil der Männer.

  • Uneinheitliche Gruppe ohne bewegliche Spermien. Ein Verschluss der Samenwege ist etwas völlig anderes als eine gestörte Spermienbildung – in den Daten ließ sich das nicht trennen.

  • Keine Todesursachen. Ob die Männer häufiger an Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderem starben, wurde in dieser Auswertung nicht untersucht.

Außerdem wichtig für die Einordnung: Untersucht wurden Männer, die wegen eines unerfüllten Kinderwunsches im Labor waren. Ob sich die Ergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung übertragen lassen, ist damit nicht geklärt.

Was ein Spermiogramm misst

Grundlage jeder Spermienuntersuchung ist das WHO-Laborhandbuch, seit 2021 in der 6. Auflage [3]. Es legt fest, wie die Probe gewonnen, behandelt und ausgewertet wird – ohne diese Standardisierung wären Ergebnisse zwischen Laboren nicht vergleichbar.

Die unteren Referenzwerte stammen aus Untersuchungen von 3.589 Männern aus 13 Ländern, bei denen die Partnerin innerhalb von zwölf Monaten schwanger geworden war. Angegeben ist jeweils der Wert, den 5 % dieser fruchtbaren Männer unterschreiten [4]:

  • Ejakulatvolumen: 1,4 ml

  • Gesamtzahl Spermien: 39 Millionen pro Ejakulat

  • Gesamtbeweglichkeit: 42 %

  • Vorwärtsbeweglichkeit: 30 %

  • Normal geformte Spermien: 4 %

  • Anteil lebender Spermien: 54 %

Entscheidend ist, wie diese Zahlen gemeint sind. Sie trennen nicht „fruchtbar" von „unfruchtbar". Ein Wert knapp darunter bedeutet, dass 5 % der Männer, die ein Kind gezeugt haben, ebenfalls darunter lagen. Die 6. Auflage hat aus diesem Grund auch die alten Diagnosebegriffe wie „Asthenozoospermie" gestrichen [4].

Was du daraus mitnehmen kannst

Die dänische Auswertung ist die bislang größte ihrer Art, und der begleitende Kommentar in derselben Ausgabe von Human Reproduction zeigt, dass die Fachwelt sie ernst nimmt [2]. Ihr praktischer Wert liegt aber nicht darin, aus einem Spermiogramm eine Prognose zu machen – das gibt sie nicht her.

Ihr Wert liegt im Zeitpunkt: Eine Spermienuntersuchung findet oft mit Anfang oder Mitte 30 statt, in einem Lebensalter, in dem Männer sonst kaum ärztlichen Kontakt haben. Wenn ein auffälliger Befund zum Anlass wird, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Rauchverhalten einmal anzuschauen, ist das ein sinnvoller Nebeneffekt – unabhängig davon, wie sich der Kinderwunsch entwickelt.

Und für den Kinderwunsch selbst gilt: Ein einzelner auffälliger Wert ist kein Urteil. Er ist der Anlass für eine Wiederholung und für ein Gespräch darüber, was dahinterstehen könnte.

Passend dazu

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Aus einem Spermiogramm lässt sich keine persönliche Lebenserwartung ableiten.

Quellen

  1. Priskorn L, Lindahl-Jacobsen R, Jensen TK et al. Semen quality and lifespan: a study of 78 284 men followed for up to 50 years. Human Reproduction 2025;40(4):730–738. DOI 10.1093/humrep/deaf023, PMID 40037905. Alle Zahlen (80,3 vs. 77,6 Jahre, mediane Nachbeobachtung 23 Jahre, 8.600 Todesfälle, Hazard Ratios 1,61 / 1,27 / 1,19) stammen aus dem Originalabstract. Zur Studie

  2. Aitken RJ. Spermatozoa as harbingers of mortality: the curious link between semen quality and life expectancy. Human Reproduction 2025;40(4):580–584. DOI 10.1093/humrep/deaf027. Begleitender Kommentar in derselben Ausgabe. Zum Kommentar

  3. World Health Organization. WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen. 6. Auflage, Genf, 27. Juli 2021, ISBN 978-92-4-003078-7. Zum Handbuch

  4. Boitrelle F, Shah R, Saleh R et al. The Sixth Edition of the WHO Manual for Human Semen Analysis: A Critical Review and SWOT Analysis. Life 2021;11(12):1368. DOI 10.3390/life11121368. Quelle der genannten 5.-Perzentil-Werte und der Herleitung aus 3.589 fruchtbaren Männern. Zur Übersichtsarbeit

Befunde ärztlich einordnen lassen

Ein Spermiogramm gehört in ärztliche Hände – ein einzelner Wert sagt für sich genommen wenig. Wenn ihr einen Befund besprechen oder die nächsten Schritte klären möchtet, könnt ihr das in der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia tun.

Medizinisch geprüfter Inhalt

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