Tabuthema Fehlgeburt: Warum wir endlich offen darüber sprechen müssen

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Eine Schwangerschaft zu verlieren, gehört zu den Erfahrungen, über die in Deutschland wenig gesprochen wird. Viele Frauen und Paare erzählen es niemandem – oder erst Jahre später. Manche merken erst dann, wie viele Menschen in ihrem Umfeld dasselbe erlebt haben.

Dieser Text will nichts einordnen, was sich nicht einordnen lässt. Er sammelt, was sich über die Häufigkeit von Fehlgeburten sagen lässt, was nach einem Verlust häufig bleibt und wo es Anlaufstellen gibt.

Wie häufig Fehlgeburten sind

In einer großen internationalen Übersichtsarbeit im Lancet liegt das gepoolte Risiko einer Fehlgeburt bei 15,3 % aller erkannten Schwangerschaften [1]. Bezogen auf die Lebenszeit haben rund 10,8 % der Frauen eine Fehlgeburt erlebt, 1,9 % zwei und 0,7 % drei oder mehr [1].

Die verbreitete Aussage, jede dritte Schwangerschaft ende in einer Fehlgeburt, bezieht sich auf etwas anderes: auf alle Befruchtungen einschließlich derer, die so früh enden, dass sie nie bemerkt werden. Für die erkannten Schwangerschaften – also die, von denen eine Frau weiß – ist der belastbarere Wert etwa jede sechste bis siebte.

Häufig heißt nicht harmlos. Es heißt nur: Wer eine Fehlgeburt erlebt hat, gehört nicht zu einer kleinen Ausnahmegruppe.

Warum so wenig darüber gesprochen wird

Eine frühe Schwangerschaft ist meist noch nicht sichtbar. Wer sie verliert, verliert damit oft etwas, von dem das Umfeld nie erfahren hat. Es gibt keinen Anlass, keinen Termin und keine gesellschaftliche Form, in der dieser Verlust vorkommt – und deshalb auch keine selbstverständliche Reaktion darauf.

Dazu kommt die verbreitete Regel, die ersten zwölf Wochen niemandem etwas zu sagen. Sie ist gut gemeint. Sie führt aber dazu, dass genau in dem Zeitraum, in dem die meisten Verluste passieren, kaum jemand Bescheid weiß.

Was sich über die Ursachen sagen lässt

Fehlgeburten können viele Hintergründe haben – genetische Veränderungen, hormonelle oder immunologische Faktoren, Infektionen, anatomische Besonderheiten. Auf Bevölkerungsebene sind zusätzlich Risikofaktoren beschrieben, darunter das Alter beider Partner, sehr niedriges oder sehr hohes Körpergewicht, Rauchen und Alkohol [1].

Für die einzelne Frau lässt sich daraus in aller Regel nichts ableiten. Ein Risikofaktor auf Bevölkerungsebene erklärt nicht, warum diese Schwangerschaft geendet hat. In den meisten Einzelfällen bleibt die Ursache unbekannt – auch nach Untersuchungen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil viele Betroffene ihre eigene Vorgeschichte danach absuchen, was sie hätten anders machen können. Eine belastbare Antwort auf diese Frage gibt es meistens nicht.

Was nach einem Verlust häufig bleibt

Die seelischen Folgen sind besser untersucht, als es die Stille vermuten lässt. In einer prospektiven Studie mit 737 Frauen nach einem frühen Schwangerschaftsverlust erfüllten 29 % nach einem Monat die Screening-Kriterien für eine posttraumatische Belastungssymptomatik, 18 % noch nach neun Monaten. Mittelschwere bis schwere Angstsymptome fanden sich nach einem Monat bei 24 %, nach neun Monaten bei 17 % [2].

Die Lancet-Übersicht benennt Angst, Depression und posttraumatische Belastungsstörung ausdrücklich als mögliche Folgen einer Fehlgeburt [1].

Was daraus folgt, ist kein Behandlungsauftrag. Nur die Feststellung: Wenn es Monate später noch nachwirkt, ist das ein bekannter Verlauf und kein Zeichen dafür, dass etwas mit der eigenen Verarbeitung nicht stimmt.

Wenn Menschen im Umfeld etwas sagen wollen

Viele Sätze, die nach einem Verlust fallen, sollen trösten und tun das Gegenteil – „es hat halt nicht sollen sein", „gut, dass es so früh war", „ihr könnt es ja wieder versuchen". Sie stellen das Ereignis in einen Zusammenhang, in dem es kleiner wird.

Was Betroffene rückblickend häufiger als hilfreich beschreiben, ist unspektakulär: dass jemand den Verlust benennt, statt ihn zu umgehen. Dass jemand nachfragt, wie es geht, auch Wochen später. Dass jemand da ist, ohne eine Deutung anzubieten.

Und für Betroffene selbst gilt: Du schuldest niemandem eine Erklärung, warum du traurig bist, wie lange, oder warum es dir an manchen Tagen gut geht.

Wenn Fehlgeburten sich wiederholen

Von wiederholten Fehlgeburten spricht die europäische Leitlinie ab zwei Schwangerschaftsverlusten – Eileiterschwangerschaften und Blasenmolen nicht mitgerechnet [3]. Ab diesem Punkt ist eine Abklärung möglich, unabhängig davon, ob die Verluste aufeinandergefolgt sind.

Die Leitlinie hält dabei ausdrücklich fest, dass eine spezialisierte Sprechstunde Untersuchung, Unterstützung und – wenn möglich – Behandlung anbieten sollte, und dass offen gesagt werden muss, wenn es für einen Befund keine wirksame Behandlung gibt [3]. Auch das gehört zur Ehrlichkeit dieses Themas.

Wo es Anlaufstellen gibt

  • Initiative REGENBOGEN Glücklose Schwangerschaft e. V. – bundesweiter Selbsthilfeverein für Eltern, die ihr Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben. Vermittelt Gruppen und Ansprechpersonen in Deutschland, Österreich und der Schweiz [4].

  • Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID) – regionale Hilfsangebote, Selbsthilfegruppen und Literaturhinweise; erreichbar unter 0341 9468884 [5].

  • TelefonSeelsorge – kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per Chat und Mail [6].

  • Die eigene gynäkologische Praxis ist ebenfalls eine Anlaufstelle – auch dann, wenn es nicht um einen körperlichen Befund geht.

Wenn du dich anhaltend niedergeschlagen fühlst, dich nicht mehr an Dingen freuen kannst oder Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, hol dir bitte ärztliche Hilfe – oder ruf die TelefonSeelsorge an, sofort und ohne Anmeldung.

Zum Weiterhören

Prof. Dr. Ruben Kuon, Mitgründer von Fertia und Leiter einer Spezialsprechstunde für wiederholte Fehlgeburten an der Universitätsklinik Heidelberg, war zu diesem Thema im Podcast „Kinderwunsch-Sprechstunde" von dm glückskind zu Gast: Folge 11 – Tabuthema Fehlgeburt(en).

Passend dazu

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt weder eine ärztliche noch eine psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  1. Quenby S, Gallos ID, Dhillon-Smith RK et al. Miscarriage matters: the epidemiological, physical, psychological, and economic costs of early pregnancy loss. The Lancet 2021;397(10285):1658–1667. DOI 10.1016/S0140-6736(21)00682-6. Gepooltes Risiko 15,3 % (95 %-KI 12,5–18,7 %); Lebenszeitprävalenz 10,8 % / 1,9 % / 0,7 %; Risikofaktoren und psychische Folgen. Zur Übersichtsarbeit

  2. Farren J, Jalmbrant M, Falconieri N et al. Posttraumatic stress, anxiety and depression following miscarriage and ectopic pregnancy: a multicenter, prospective, cohort study. American Journal of Obstetrics and Gynecology 2020;222(4):367.e1–367.e22. DOI 10.1016/j.ajog.2019.10.102. 737 Frauen nach frühem Schwangerschaftsverlust; posttraumatische Belastungssymptomatik 29 % nach 1 Monat, 18 % nach 9 Monaten. Zur Studie

  3. ESHRE Guideline Group on RPL; Bender Atik R, Christiansen OB, Elson J et al. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss – an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. DOI 10.1093/hropen/hoad002. Definition ab zwei Schwangerschaftsverlusten; Empfehlungen zur Organisation der Versorgung. Zur Leitlinie

  4. Initiative REGENBOGEN Glücklose Schwangerschaft e. V. Bundesweiter Selbsthilfeverein, gegründet 1990; Vermittlung von Gruppen und Ansprechpersonen. Zur Initiative

  5. Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID), Roßplatz 8a, 04103 Leipzig, Telefon 0341 9468884. Zum Verband

  6. TelefonSeelsorge Deutschland. Kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222, 116 123; zusätzlich Chat und Mail. Zum Angebot

Wenn du über einen Verlust sprechen möchtest, findest du Anlaufstellen im Beitrag. Für medizinische Fragen steht dir die ärztliche Online-Sprechstunde von Fertia offen.

Medizinisch geprüfter Inhalt

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