Wiederholte Fehlgeburten: zu welchem Arzt? Die passende Anlaufstelle finden und den ersten Termin vorbereiten
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Bei wiederholten Fehlgeburten ist deine Frauenärztin oder dein Frauenarzt die erste Anlaufstelle. Für die eigentliche Abklärung ist meist eine Überweisung in eine Spezialsprechstunde für wiederholte Fehlgeburten sinnvoll, wie sie viele Universitätsfrauenkliniken anbieten, oder in ein Kinderwunschzentrum mit Erfahrung auf diesem Gebiet. Die europäische Fachgesellschaft ESHRE hält eine solche Überweisung schon nach zwei Verlusten für möglich, am besten bevor du wieder schwanger bist [1].
In diesem Beitrag geht es um zwei praktische Fragen: Welche Anlaufstelle passt zu deiner Situation, und wie bereitest du den ersten Termin so vor, dass er dir möglichst viel bringt? Welche Untersuchungen bei einer Abklärung gemacht werden und welche Behandlungen belegt sind, erklärt ausführlich der Beitrag Wiederholte Fehlgeburten: Abklärung und Beratung.
Wiederholte Fehlgeburten: welcher Arzt ist der richtige?
Es gibt nicht die eine richtige Adresse. Entscheidend ist, dass die Menschen, die dich betreuen, Erfahrung mit wiederholten Fehlgeburten haben und sich an den aktuellen Leitlinien orientieren. Die folgende Übersicht hilft bei der Einordnung.
Anlaufstelle | Wann sie gut passt | Was sie leisten kann |
|---|---|---|
Frauenarztpraxis | Immer als erster Schritt, auch nach einer einzelnen Fehlgeburt | Nachsorge, erste Blutwerte, Ultraschall, Überweisung, Begleitung in der nächsten Schwangerschaft |
Spezialsprechstunde für wiederholte Fehlgeburten (oft an Universitätsfrauenkliniken) | Nach zwei oder mehr Verlusten, nach einem späten Verlust oder wenn Befunde unklar sind | Strukturierte Abklärung nach Leitlinie, Zusammenarbeit mit Genetik, Gerinnung und Schilddrüsen-Fachleuten, Plan für die Folgeschwangerschaft |
Kinderwunschzentrum (reproduktionsmedizinische Praxis) | Wenn es zusätzlich lange dauert, schwanger zu werden, oder bereits eine Kinderwunschbehandlung läuft | Abklärung der Fruchtbarkeit beider Partner, Hormon- und Ultraschalldiagnostik; manche Zentren haben einen Schwerpunkt für wiederholte Fehlgeburten |
Humangenetische Beratung | Wenn bei einem Partner oder im Schwangerschaftsgewebe eine Chromosomenveränderung gefunden wurde | Einordnung des Befunds, Wiederholungsrisiko, Besprechung der Möglichkeiten |
Psychologische Beratung oder Psychotherapie | Wenn Trauer, Angst oder Schlaflosigkeit über Wochen anhalten | Entlastung, Verarbeitung, Begleitung in der nächsten Schwangerschaft |
Frauenärztin oder Frauenarzt
Deine Frauenarztpraxis kennt dich, hat Zugang zu deinen bisherigen Befunden und kann erste Schritte übernehmen. Viele Praxen haben aber wenig Zeit für ein ausführliches Gespräch über die gesamte Vorgeschichte, und nicht alle haben Erfahrung mit der vollständigen Abklärung. Es ist völlig in Ordnung, gezielt nach einer Überweisung in eine spezialisierte Sprechstunde zu fragen.
Spezialsprechstunde für wiederholte Fehlgeburten
Solche Sprechstunden gibt es an vielen Universitätsfrauenkliniken und einigen größeren Kliniken. Sie sind darauf ausgerichtet, eine Abklärung nach Leitlinie zu organisieren und mit anderen Fachgebieten zusammenzuarbeiten. An der Universitätsfrauenklinik Heidelberg etwa dauert die Abklärung nach Angaben der Klinik etwa zwei Monate mit ungefähr drei Terminen [5]. Rechne mit Wartezeiten und frag bei der Terminvergabe, welche Unterlagen gewünscht sind.
Kinderwunschzentrum
Ein Kinderwunschzentrum ist vor allem dann eine gute Wahl, wenn neben den Fehlgeburten auch das Schwangerwerden selbst lange dauert. Viele reproduktionsmedizinische Praxen führen auch die Abklärung bei wiederholten Fehlgeburten durch. Frag nach, ob das Zentrum damit Erfahrung hat und sich an den Leitlinien orientiert. Wichtig zu wissen: Für eine künstliche Befruchtung mit genetischer Untersuchung der Embryonen zeigt die bisherige Studienlage bei wiederholten Fehlgeburten keinen klaren Nutzen [1].
Woran du eine gute Anlaufstelle erkennst
Die europäische Leitlinie beschreibt ziemlich genau, wie eine gute Versorgung aussehen sollte [1]. Daraus lassen sich Kriterien ableiten, auf die du achten kannst:
Zeit im ersten Gespräch: Der erste Termin sollte Raum lassen, deine Vorgeschichte durchzugehen, Fragen zu beantworten und einen Plan für die Untersuchungen zu machen [1].
Erfahrenes Team: Ärztinnen und Ärzte mit Ultraschallerfahrung und der Fähigkeit, gut zuzuhören; idealerweise ist psychologische Unterstützung vor Ort oder erreichbar [1].
Ehrlichkeit: Eine gute Anlaufstelle sagt dir von Anfang an, dass eine Abklärung nicht immer eine Ursache findet und nicht jede Ursache behandelbar ist [1].
Leitlinientreue: Neue, unbelegte Behandlungen sollten nur im Rahmen von Studien angeboten werden [1].
Ein Plan für die nächste Schwangerschaft: Frauen mit wiederholten Fehlgeburten wünschen sich eine feste Ansprechperson, die ihre Geschichte kennt, und frühe Ultraschalltermine [4]. Die Leitlinie empfiehlt, dass das Team in der Folgeschwangerschaft erreichbar ist [1].
Blick über die Frühschwangerschaft hinaus: Wiederholte Fehlgeburten sind mit einem etwas höheren Risiko für spätere Schwangerschaftskomplikationen verbunden. Eine Übersichtsarbeit in The Lancet empfiehlt deshalb eine Betreuung in spezialisierten Einrichtungen vor und während der nächsten Schwangerschaft [3].
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Die europäische Leitlinie spricht schon ab zwei Verlusten von wiederholten Fehlgeburten und empfiehlt, dass Paare möglichst vor einer neuen Schwangerschaft gesehen und untersucht werden [1]. Die deutschsprachige Leitlinie definiert wiederholte Fehlgeburten als drei oder mehr aufeinanderfolgende Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche und hält eine Abklärung nach zwei Fehlgeburten im Einzelfall für gerechtfertigt [2].
Für dich heißt das: Nach zwei Fehlgeburten kannst du eine Überweisung ansprechen, besonders wenn du 35 oder älter bist, es lange gedauert hat, schwanger zu werden, oder die Situation dich stark belastet. Nach drei Fehlgeburten ist eine Abklärung in jedem Fall empfohlen. Ob du bis zu den Ergebnissen mit einer neuen Schwangerschaft warten solltest, ist eine gute Frage für das erste Gespräch. Mehr zum Timing liest du im Beitrag Schwanger nach Fehlgeburt.
Was die Krankenkasse übernimmt
Eine verbindliche Liste, welche Untersuchungen bei wiederholten Fehlgeburten Kassenleistung sind, gibt es nicht. Wir formulieren diesen Abschnitt deshalb bewusst vorsichtig. Als Orientierung:
Überweisung: Spezialsprechstunden an Kliniken verlangen bei gesetzlich Versicherten in der Regel eine Überweisung, meist von der Frauenarztpraxis. Frag bei der Terminvergabe nach, ob auch dein Partner eine eigene Überweisung braucht.
Humangenetische Beratung: Hier braucht in der Regel jede Person, die an der Beratung teilnimmt, eine eigene Überweisung. Die Kosten werden meist von der Krankenkasse übernommen, wie zum Beispiel die Humangenetik des Universitätsklinikums Heidelberg angibt [6].
Leitliniengerechte Untersuchungen: Untersuchungen, die ärztlich begründet sind und den Leitlinien entsprechen, werden bei gesetzlich Versicherten in vielen Fällen über die Krankenkasse abgerechnet. Einzelne Laborwerte können je nach Situation und Einrichtung aber auch privat berechnet werden.
Nicht empfohlene Zusatztests: Untersuchungen, die die Leitlinien nicht empfehlen, zum Beispiel Zytokin-Messungen oder bestimmte andere Immuntests [1], werden oft als Selbstzahlerleistung (IGeL) angeboten. Lass dir vorher erklären, welchen Nutzen sie für dich haben sollen und was sie kosten.
Präimplantationsdiagnostik (PID): Die genetische Untersuchung von Embryonen vor dem Einsetzen ist nach einem Urteil des Bundessozialgerichts keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung [7].
Private Krankenversicherung: Was übernommen wird, hängt vom Tarif ab. Eine Kostenzusage vorab erspart Überraschungen.
Wenn du unsicher bist, frag vor dem Termin bei der Praxis oder Klinik und bei deiner Krankenkasse nach. Du hast das Recht, vor einer Untersuchung zu erfahren, ob du sie selbst bezahlen musst.
Checkliste für den ersten Termin
Eine gute Vorbereitung spart Zeit und sorgt dafür, dass im Gespräch nichts verloren geht. Die Heidelberger Spezialsprechstunde bittet zum Beispiel darum, alle bisherigen Befunde rund um die Fehlgeburten mitzubringen [5].
Unterlagen
Überweisungsschein(e) und Versichertenkarte, gegebenenfalls auch für deinen Partner
Eine Übersicht aller Schwangerschaften: Datum, Schwangerschaftswoche beim Verlust, ob ein Herzschlag zu sehen war, wie behandelt wurde (abwartend, Tabletten, Ausschabung) und ob es Geburten gab
Arztbriefe, OP-Berichte und Entlassbriefe
Befunde einer Gewebeuntersuchung, besonders eine Chromosomenanalyse des Schwangerschaftsgewebes, falls gemacht
Bisherige Laborbefunde, zum Beispiel Schilddrüsenwerte, Antikörper oder Gerinnungswerte
Ultraschall-, Gebärmutterspiegelungs- oder Bauchspiegelungsbefunde
Mutterpass, falls vorhanden
Eine Liste deiner Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Vorerkrankungen
Informationen zur Familie: Fehlgeburten, Thrombosen oder Erbkrankheiten bei Verwandten
Angaben zu deinem Partner: Alter, Vorerkrankungen, Rauchen, Alkohol, Gewicht. Die europäische Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, auch den Lebensstil des Partners einzubeziehen [1].
Fragen, die du stellen kannst
Welche Untersuchungen empfehlen Sie in meiner Situation, und warum?
Welche Untersuchungen empfehlen Sie ausdrücklich nicht?
Wird mein Partner mit untersucht?
Wie lange dauert die Abklärung, und wie erfahre ich die Ergebnisse?
Sollen wir mit einer neuen Schwangerschaft warten, bis die Ergebnisse da sind?
Was passiert, wenn keine Ursache gefunden wird?
Wie sieht die Betreuung in der nächsten Schwangerschaft aus? Gibt es frühe Ultraschalltermine und eine feste Ansprechperson?
Welche Kosten kommen auf uns zu?
An wen kann ich mich wenden, wenn es mir seelisch nicht gut geht?
Für dich selbst
Nimm, wenn möglich, deinen Partner oder eine vertraute Person mit. Schreib dir die wichtigsten Fragen vorher auf und notiere dir im Gespräch die Antworten, denn in einer belastenden Situation geht vieles verloren. Es ist in Ordnung, nachzufragen, wenn du etwas nicht verstehst, und es ist in Ordnung, wenn du im Termin weinst. Wie Paare mit der Belastung umgehen, beschreibt der Beitrag Wiederholte Fehlgeburten: psychische Auswirkungen.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Wenn du zwei oder mehr Fehlgeburten hattest und klären möchtest, ob und wo eine Abklärung sinnvoll ist.
Wenn du nach drei Fehlgeburten noch keine Abklärung hattest.
Wenn du einen Verlust nach der 10. Schwangerschaftswoche oder im zweiten Schwangerschaftsdrittel hattest.
Wenn du bereits Befunde hast und eine zweite Meinung möchtest.
Wenn dir Behandlungen angeboten werden und du wissen möchtest, ob sie belegt sind.
Wenn du in einer neuen Schwangerschaft Blutungen, starke Schmerzen oder Fieber hast: Dann bitte sofort ärztlich abklären lassen, ohne auf einen Termin in der Spezialsprechstunde zu warten.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Welche Anlaufstelle und welche Untersuchungen für dich sinnvoll sind, hängt von deiner Vorgeschichte ab und sollte ärztlich besprochen werden. Angaben zur Kostenübernahme sind allgemeine Orientierung und können sich im Einzelfall unterscheiden.
Passend dazu
Was bei einer Abklärung untersucht wird: Wiederholte Fehlgeburten: Abklärung und Beratung
Die Chancen nach mehreren Verlusten: Gesundes Kind nach wiederholten Fehlgeburten
Welche Rolle das Immunsystem spielt: Immunologie und Fehlgeburten
Vorgeschichte mit Ärztinnen und Ärzten besprechen: ärztliche Online-Sprechstunde
Quellen
ESHRE Guideline Group on RPL, Bender Atik R, Christiansen OB, Elson J et al. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss: an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. DOI 10.1093/hropen/hoad002. Langfassung mit Kapitel zur Organisation der Versorgung. PDF
Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten. S2k-Leitlinie der DGGG, OEGGG und SGGG, AWMF-Registernummer 015/050, Version 2.0, Stand Mai 2026. PDF
Quenby S, Gallos ID, Dhillon-Smith RK et al. Miscarriage matters: the epidemiological, physical, psychological, and economic costs of early pregnancy loss. The Lancet 2021;397(10285):1658–1667. DOI 10.1016/S0140-6736(21)00682-6. Abstract
Musters AM, Koot YE, van den Boogaard NM, Kaaijk E, Macklon NS, van der Veen F, Nieuwkerk PT, Goddijn M. Supportive care for women with recurrent miscarriage: a survey to quantify women’s preferences. Human Reproduction 2013;28(2):398–405. DOI 10.1093/humrep/des374. Abstract
Universitätsklinikum Heidelberg, Frauenklinik. Wiederholte Fehlgeburten: Informationen zur Abklärung (Stand des Abrufs 09/2026). Website
Universitätsklinikum Heidelberg, Institut für Humangenetik. Für Patientinnen und Patienten: Überweisung und Kosten der genetischen Sprechstunde (Stand des Abrufs 09/2026). Website
Richter-Kuhlmann E. Präimplantationsdiagnostik: Krankenkassen müssen die Kosten nicht übernehmen. Deutsches Ärzteblatt 2014;111(48). Volltext
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