Eizellreserve: was AMH und Follikelzahl aussagen

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Die Eizellreserve beschreibt, wie viele Eizellen in den Eierstöcken noch angelegt sind. Gemessen wird sie über das Anti-Müller-Hormon (AMH) im Blut und über die Zählung kleiner Eibläschen im Ultraschall. Beides sind häufig angebotene Untersuchungen – und beide werden oft überinterpretiert.

Dieser Artikel erklärt, was die Eizellreserve tatsächlich aussagt, was sie ausdrücklich nicht vorhersagt, wann eine Bestimmung fachlich sinnvoll ist – und was hinter dem Begriff der vorzeitigen Ovarialinsuffizienz steckt.

Was die Eizellreserve zeigt – und was nicht

  • Was sie zeigt: die ungefähre Menge der noch vorhandenen Eizellen. AMH und die Zahl der Eibläschen sagen zuverlässig voraus, wie viele Eizellen bei einer Hormonstimulation im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung gewonnen werden können [2].

  • Was sie nicht zeigt: die Qualität der Eizellen – und damit auch nicht die Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu bekommen. Beide Werte haben laut amerikanischer Fachgesellschaft nur einen schwachen Zusammenhang mit Schwangerschafts- und Geburtenraten; das Alter ist ein deutlich stärkerer Vorhersagewert [2].

  • Wofür sie ausdrücklich nicht gedacht ist: als Fruchtbarkeitstest bei Frauen, die nicht unfruchtbar sind oder deren Fruchtbarkeit ungetestet ist [2].

  • Wofür sie trotzdem sinnvoll sein kann: vor einer geplanten Kinderwunschbehandlung, bei Verdacht auf eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz und vor Therapien, die die Eierstöcke schädigen können [2, 4].

  • Wichtig: Ein niedriger Wert bedeutet nicht, dass eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist. Die Fachgesellschaft hält ausdrücklich fest, dass eine verminderte Reserve nicht mit Unfähigkeit zur Empfängnis gleichzusetzen ist [2].

Wie viele Eizellen hat eine Frau?

Die Zahl ist vor der Geburt festgelegt und nimmt danach lebenslang ab – neue Eizellen entstehen nicht. Ein vielzitiertes mathematisches Modell aus über 300 ausgewerteten Datensätzen beziffert den Höchststand auf durchschnittlich rund 300.000 ruhende Eibläschen je Eierstock, erreicht bereits 18 bis 22 Wochen nach der Empfängnis – also mitten in der Schwangerschaft der eigenen Mutter [1].

Danach geht es kontinuierlich bergab. Dieselbe Auswertung schätzt, dass bei 95 % der Frauen mit 30 Jahren noch etwa 12 % dieses Höchststands vorhanden sind und mit 40 Jahren noch rund 3 % [1]. Das klingt dramatisch, ist aber der normale Verlauf – und für eine natürliche Empfängnis reicht eine einzige gesunde Eizelle pro Zyklus.

Eine oft zitierte Zahl gehört eingeordnet: Dass zur Menopause noch etwa 1.000 Follikel übrig seien, ist keine Messung, sondern eine Modellannahme – das Modell definiert die Menopause als Unterschreiten dieser Schwelle und sagt daraus ein mittleres Menopausenalter von 49,6 Jahren voraus [1].

Die beiden Messgrößen

Das Anti-Müller-Hormon (AMH)

AMH wird von den Zellen rund um die heranwachsenden Eibläschen gebildet. Es spiegelt damit die Größe des heranwachsenden Follikelpools wider und erlaubt eine Schätzung der Reserve – es misst nicht die Zahl der ruhenden Eizellen direkt und ist keine Eizellzählung [2].

Eine häufige Fehlinformation betrifft den Zeitpunkt der Blutabnahme: AMH kann an jedem Zyklustag bestimmt werden. Die amerikanische Fachgesellschaft führt es ausdrücklich als zyklustagsunabhängigen Wert und hält fest, dass die Konzentration innerhalb eines Zyklus und zwischen Zyklen relativ konstant bleibt [2]. Früh im Zyklus – an Tag 2 bis 4 – abgenommen werden müssen dagegen das follikelstimulierende Hormon (FSH) und Östradiol, weil diese stark schwanken [2].

Zwei Dinge senken den AMH-Wert, ohne dass sich an der Reserve etwas geändert hätte: eine aktuelle hormonelle Verhütung [2] und unterschiedliche Labormethoden, deren Ergebnisse nur bedingt vergleichbar sind. Mehr dazu im Beitrag AMH-Wert und Eizellreserve.

Die Zählung der Eibläschen (AFC)

Beim antralen Follikelcount zählt eine Ärztin oder ein Arzt im Ultraschall über die Scheide die kleinen, flüssigkeitsgefüllten Bläschen von 2 bis 9 Millimetern Größe in beiden Eierstöcken. Die Untersuchung erfolgt früh im Zyklus. Wie AMH sagt sie die Ausbeute bei einer Stimulation gut voraus – und über die Qualität der Eizellen ebenso wenig [2].

Menge ist nicht Qualität

Das ist die wichtigste Unterscheidung beim Thema Eizellreserve, und sie steht so wörtlich in der Stellungnahme der amerikanischen Fachgesellschaft: Die Untersuchung der ovariellen Reserve prüft ausschließlich die Menge, nicht die Qualität des verbleibenden Eizellpools [2]. Der Zusammenhang mit Eizellqualität, Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten sei nur schwach; das Alter sei ein weit stärkerer Vorhersagewert für den Erfolg [2].

Daraus zieht die Fachgesellschaft zwei klare Konsequenzen: Reservemarker sollen nicht als Fruchtbarkeitstest bei Frauen eingesetzt werden, die nicht unfruchtbar sind oder deren Fruchtbarkeit ungetestet ist – und sie sollen nicht das alleinige Kriterium sein, um jemandem eine Kinderwunschbehandlung zu verweigern [2]. Auch sehr niedrige AMH-Werte rechtfertigen keine Ablehnung einer künstlichen Befruchtung [2].

Was eine große Studie dazu fand

Besonders aufschlussreich ist eine Untersuchung an 750 Frauen zwischen 30 und 44 Jahren ohne bekannte Fruchtbarkeitsprobleme, die seit höchstens drei Monaten versuchten, schwanger zu werden. Frauen mit niedrigem AMH-Wert (unter 0,7 ng/ml) wurden innerhalb von zwölf Zyklen zu 84 % schwanger, Frauen mit normalem Wert zu 75 % – ein Unterschied, der statistisch nicht bedeutsam war. Auch ein erhöhter FSH-Wert änderte nichts. Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Diese Werte sprechen nicht dafür, AMH- oder FSH-Tests zur Beurteilung der natürlichen Fruchtbarkeit einzusetzen [3].

Zwei Einschränkungen gehören dazu: Gemessen wurde der Eintritt einer Schwangerschaft, nicht die Geburt eines Kindes. Und die Studie war nicht darauf ausgelegt, sehr niedrige AMH-Werte unter 0,1 ng/ml zu beurteilen – in solchen Fällen könnte die Fruchtbarkeit sehr wohl beeinträchtigt sein [3].

Was die Eizellreserve verringern kann

  • Das Alter – der mit Abstand wichtigste Faktor. Zwischen gleichaltrigen Frauen gibt es allerdings erhebliche Unterschiede [2].

  • Chemotherapie und Bestrahlung – deshalb sollte vor solchen Behandlungen über fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen gesprochen werden [4].

  • Operationen an den Eierstöcken. Für die Entfernung von Endometriose-Zysten ist der Effekt messbar: Eine Zusammenfassung von 237 Patientinnen fand danach einen Abfall des AMH-Werts um im Mittel 1,13 ng/ml – bei allerdings großer Streuung zwischen den Studien [8].

  • Genetische Faktoren und Rauchen – Rauchen wird in der europäischen Leitlinie ausdrücklich als beeinflussbarer Risikofaktor genannt [4].

Vorzeitige Ovarialinsuffizienz (POI)

Wenn die Eierstöcke ihre Funktion bereits vor dem 40. Lebensjahr weitgehend einstellen, spricht man von einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz – international abgekürzt POI, von premature ovarian insufficiency.

Der ältere Begriff „vorzeitiges Ovarialversagen“ (POF, premature ovarian failure) gilt als überholt. Die europäische Leitlinie von 2024 empfiehlt ausdrücklich, in Forschung und Praxis von Insuffizienz zu sprechen [4]. Der Grund ist mehr als Wortklauberei: „Versagen“ legt ein endgültiges Aus nahe – wissenschaftlich präziser ist ein Begriff, der einen Zustand abgestufter Funktion beschreibt [5]. Genau das trifft die Realität besser, denn die Eierstockfunktion kann zwischenzeitlich zurückkehren.

Wie sie festgestellt wird

Die Diagnose beruht auf zwei Bausteinen: unregelmäßige oder ausbleibende Zyklen über mindestens vier Monate und ein erhöhter FSH-Wert über 25 IU/l [4].

Eine wichtige Neuerung von 2024: Früher galt, dass zwei erhöhte Messungen im Abstand von mindestens vier Wochen nötig sind. Die aktuelle Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass eine erhöhte FSH-Messung genügt; eine Wiederholung nach vier bis sechs Wochen ist nur bei diagnostischer Unsicherheit vorgesehen [4]. Der FSH-Wert muss dabei nicht an einem bestimmten Zyklustag abgenommen werden [4].

AMH ist für diese Diagnose ausdrücklich nicht der primäre Test – es kann nur ergänzend helfen, wenn die FSH-Ergebnisse nicht eindeutig sind [4].

Zur Häufigkeit: Ältere Studien nannten etwa 1 %, neuere Auswertungen kommen auf 3,5 %. Die Leitlinie hält fest, dass POI damit keine seltene Erkrankung ist [4].

Ursachensuche

Bei einer POI ohne erkennbaren äußeren Auslöser empfiehlt die Leitlinie mit starker Empfehlung eine Chromosomenanalyse und einen gezielten Test auf eine Veränderung im FMR1-Gen – die sogenannte Prämutation, die auch mit dem Fragilen-X-Syndrom zusammenhängt [4]. Bleibt die Ursache unklar, sollen Autoantikörper gegen 21-Hydroxylase bestimmt werden, weil dahinter eine Erkrankung der Nebennierenrinde stecken kann [4]. Der Schilddrüsenwert TSH wird bei Diagnosestellung bestimmt und danach etwa alle fünf Jahre kontrolliert [4].

Zwei Untersuchungen, die häufig angeboten werden, sind laut Leitlinie nicht vorgesehen: Antikörper gegen Schilddrüsenperoxidase (TPO) gehören nicht in die Routine, und Antikörper gegen Eierstockgewebe sollen zur Diagnose einer autoimmunen POI ausdrücklich nicht verwendet werden [4]. Zusätzlich empfohlen wird eine Knochendichtemessung bei Diagnosestellung [4].

Kinderwunsch bei POI

Die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft sind deutlich reduziert, aber nicht null. Die Leitlinie hält fest, dass bei nicht operativ bedingter POI eine Eierstockaktivität wieder auftreten kann – verbunden mit einer Chance auf natürliche Empfängnis [4]. Konkrete Zahlen liefert eine französische Untersuchung an 358 Frauen mit POI ohne erkennbare Ursache: Bei 24 % zeigten sich Zeichen einer wieder aufgenommenen Eierstockfunktion, und 4,4 % wurden spontan schwanger [6].

Daraus folgt ein praktischer Punkt, der oft übersehen wird: Wer keine Schwangerschaft möchte, braucht trotz POI eine Verhütung – eine Hormonersatztherapie ist keine Verhütungsmethode [4].

Behandlung

Frauen mit POI soll eine Hormontherapie bis zum Erreichen des üblichen Menopausenalters empfohlen werden – und zwar unabhängig davon, ob überhaupt Beschwerden wie Hitzewallungen vorliegen [4]. Es geht dabei um Vorbeugung: Ohne Hormontherapie ist POI mit einer verkürzten Lebenserwartung verbunden, hauptsächlich aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen; außerdem schützt die Therapie die Knochendichte [4]. Ein später Beginn und eine unregelmäßige Einnahme sollen vermieden werden [4]. Mehr dazu im Beitrag Hormonersatztherapie.

Kann man auch zu viele Eibläschen haben?

Eine ungewöhnlich hohe Zahl kleiner Eibläschen findet sich häufig beim polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS, seit 2026 international PMOS). Die internationale Leitlinie nennt dafür einen Schwellenwert von 20 oder mehr Eibläschen in mindestens einem Eierstock [7].

Wichtig ist die Einordnung: Das allein ist keine Diagnose. Die Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass AMH nicht als alleiniger Test zur Diagnose verwendet werden soll und bei Jugendlichen dafür noch gar nicht geeignet ist; auch sollen nicht Ultraschall und AMH gleichzeitig eingesetzt werden, um Überdiagnosen zu vermeiden [7]. Paradox wirkt dabei, dass eine hohe Eibläschenzahl die Fruchtbarkeit erschweren kann – nicht wegen der Menge, sondern weil der Eisprung häufig ausbleibt. Mehr dazu im Beitrag PCOS (jetzt PMOS).

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn deine Periode vor dem 40. Lebensjahr unregelmäßig wird oder länger als vier Monate ausbleibt.

  • Wenn du seit längerem vergeblich versuchst, schwanger zu werden.

  • Wenn eine Kinderwunschbehandlung geplant ist – hier ist die Bestimmung fachlich etabliert.

  • Wenn eine Behandlung ansteht, die die Eierstöcke schädigen kann, oder eine Operation an den Eierstöcken geplant ist.

  • Wenn bei einer Verwandten ersten Grades eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz bekannt ist – das erhöht das eigene Risiko [4].

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Selbsttest ist kein Diagnoseinstrument: Er liefert einen Messwert, der gemeinsam mit deinem Alter, deinem Zyklus und deiner Vorgeschichte ärztlich eingeordnet werden muss.

Passend dazu

Quellen

  1. Wallace WHB, Kelsey TW. Human Ovarian Reserve from Conception to the Menopause. PLoS ONE 2010;5(1):e8772. DOI 10.1371/journal.pone.0008772. Volltext

  2. Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Testing and interpreting measures of ovarian reserve: a committee opinion. Fertility and Sterility 2020;114(6):1151–1157. DOI 10.1016/j.fertnstert.2020.09.134. Volltext

  3. Steiner AZ, Pritchard D, Stanczyk FZ et al. Association Between Biomarkers of Ovarian Reserve and Infertility Among Older Women of Reproductive Age. JAMA 2017;318(14):1367–1376. DOI 10.1001/jama.2017.14588.

  4. Panay N, Anderson RA, Bennie A et al. Evidence-based guideline: premature ovarian insufficiency. Human Reproduction Open 2024;2024(4):hoae065. DOI 10.1093/hropen/hoae065. Volltext

  5. Welt CK. Primary ovarian insufficiency: a more accurate term for premature ovarian failure. Clinical Endocrinology 2008;68(4):499–509. DOI 10.1111/j.1365-2265.2007.03073.x.

  6. Bidet M, Bachelot A, Bissauge E et al. Resumption of ovarian function and pregnancies in 358 patients with premature ovarian failure. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2011;96(12):3864–3872. DOI 10.1210/jc.2011-1038.

  7. Teede HJ, Tay CT, Laven J et al. Recommendations from the 2023 International Evidence-based Guideline for the Assessment and Management of Polycystic Ovary Syndrome. Human Reproduction 2023;38(9):1655–1679. DOI 10.1093/humrep/dead156. Volltext

  8. Raffi F, Metwally M, Amer S. The impact of excision of ovarian endometrioma on ovarian reserve: a systematic review and meta-analysis. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2012;97(9):3146–3154. DOI 10.1210/jc.2012-1558.

AMH-Wert bestimmen und ärztlich einordnen lassen

Du kannst deinen AMH-Wert mit Fertia bestimmen und ihn anschließend ärztlich einordnen lassen – gemeinsam mit deinem Alter, deinem Zyklus und deiner Vorgeschichte. Was der Wert aussagt und was nicht, liest du oben im Artikel.

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