Hormonersatztherapie (HRT): Nutzen, Risiken und was heute gilt
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Kaum ein Thema rund um die Wechseljahre ist so aufgeladen wie die Hormontherapie. Viele Frauen haben noch die Schlagzeilen aus den frühen 2000er-Jahren im Kopf, andere hören heute, Hormone seien die Lösung für fast alles. Beides führt in die Irre.
Dieser Artikel fasst zusammen, was aktuelle Leitlinien und Auswertungen tatsächlich sagen: wobei eine Hormontherapie nachweislich hilft, welche Risiken in Zahlen belegt sind, warum die Form der Anwendung einen Unterschied macht – und warum vor dem Start meist gar keine Hormonwerte im Blut bestimmt werden müssen.
Zur Sprache: In Leitlinien heißt die Behandlung heute meist menopausale Hormontherapie (abgekürzt MHT). Gemeint ist dasselbe wie mit dem älteren Begriff „Hormonersatztherapie“ (HRT, von englisch hormone replacement therapy). Wir verwenden beide Begriffe.
Was eine Hormontherapie kann – und was nicht
Was sie kann: Sie ist die wirksamste Behandlung gegen Hitzewallungen und Nachtschweiß und schützt zusätzlich vor Knochenbrüchen [1, 3]. Gegen Scheidentrockenheit und Blasenbeschwerden wirkt eine örtliche Behandlung direkt vor Ort [1].
Was sie nicht kann: Sie ist kein Mittel zur Vorbeugung. Zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist sie ausdrücklich ungeeignet, und zur Demenzvorbeugung wird sie nicht empfohlen [1].
Was sie nicht braucht: bei Frauen ab 45 in der Regel keine Hormonbestimmung im Blut. Die Einordnung erfolgt über Alter, Zyklus und Beschwerden [1].
Wofür sie trotzdem eine Abwägung bleibt: Nutzen und Risiken hängen von Alter, Vorerkrankungen, Dosis, Dauer und Anwendungsform ab. Es gibt keine Antwort, die für alle Frauen gilt [4].
Wichtig: Ob eine Hormontherapie für dich infrage kommt, lässt sich nur ärztlich klären – gemeinsam mit deiner Vorgeschichte und deinen persönlichen Risikofaktoren.
Was bei einer Hormontherapie gegeben wird
In den Wechseljahren lässt die Produktion des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen nach. Genau dieses Östrogen wird bei einer Hormontherapie ersetzt.
Entscheidend ist dabei, ob die Gebärmutter noch vorhanden ist. Östrogen regt die Gebärmutterschleimhaut zum Wachsen an – auf Dauer erhöht das das Risiko für Krebs der Gebärmutterschleimhaut. Deshalb gilt: Eine reine Östrogentherapie (Fachbegriff: ET) soll nur bei Frauen durchgeführt werden, denen die Gebärmutter entfernt wurde. Alle anderen erhalten eine Kombination aus Östrogen und einem Gelbkörperhormon (Gestagen), und zwar an mindestens 12, besser 14 Tagen pro Behandlungsmonat [1]. Diese Kombination heißt in Leitlinien EPT.
Wobei die Hormontherapie nachweislich hilft
Hitzewallungen und Nachtschweiß
Das ist die zentrale Anwendung. Hitzewallungen und Nachtschweiß fasst die Medizin unter dem Begriff vasomotorische Symptome (VMS) zusammen – gemeint sind Beschwerden, die durch die Regulierung der Blutgefäße entstehen. Die deutsche Leitlinie formuliert hier eine starke Empfehlung: Frauen mit solchen Beschwerden soll eine Hormontherapie angeboten werden, wenn keine Gegenanzeigen vorliegen und nachdem sie über kurz- und langfristige Nutzen und Risiken informiert wurden [1]. Die nordamerikanische Fachgesellschaft kommt zum selben Schluss: Die Hormontherapie bleibt die wirksamste Behandlung dieser Beschwerden [4].
Schlafstörungen
Bei neu aufgetretenen Schlafstörungen kann – nachdem andere Ursachen ausgeschlossen wurden – eine Hormontherapie angeboten werden, entweder als reines Progesteron oder in Kombination [1]. Das ist eine schwächere Empfehlung als bei den Hitzewallungen: „kann“ statt „soll“.
Knochen
In den Wechseljahren nimmt die Knochendichte ab, vor allem an der Lendenwirbelsäule [1]. Die besten Daten zur Vorbeugung von Knochenbrüchen bestehen für systemisch wirkende Östrogene und Gestagene – also solche, die im ganzen Körper wirken; der Effekt hält nach dem Absetzen noch einige Zeit an [1]. Der größte Cochrane-Review dazu beziffert es konkret: Unter kombinierter Hormontherapie kam es zu etwa 24 Knochenbrüchen weniger pro 1.000 Frauen, unter reiner Östrogentherapie zu etwa 38 weniger pro 1.000 Frauen [3].
Scheidentrockenheit und Blasenbeschwerden
Beschwerden wie Trockenheit, Brennen, Schmerzen beim Sex oder wiederkehrende Blasenentzündungen fasst man als genitourinäres Syndrom der Menopause (GSM) zusammen. Hier sollte eine örtliche Östrogentherapie angeboten werden – also eine Creme, ein Zäpfchen oder ein Ring, der direkt vor Ort wirkt statt im ganzen Körper [1]. Auch bei wiederkehrenden Blasenentzündungen nach den Wechseljahren sollte örtliches Estriol angeboten werden, bevor eine Langzeit-Antibiotikatherapie begonnen wird [1]. Mehr dazu im Beitrag urogenitales Menopausensyndrom.
Braucht man vorher einen Hormontest?
In den allermeisten Fällen nicht – und das ist eine der häufigsten Fehlannahmen zum Thema. Bei Frauen über 45 mit verwertbarem Blutungsmuster erfolgt die Einordnung klinisch: Zykluslängenänderungen von etwa einer Woche können auf den Beginn der Perimenopause hindeuten, Blutungsabstände über 60 Tage auf eine fortgeschrittene Perimenopause, und bei einer Amenorrhö – also einem Ausbleiben der Periode – von mindestens 12 Monaten ist eine postmenopausale Situation wahrscheinlich [1].
Blutwerte kommen erst ins Spiel, wenn dieses Blutungsmuster fehlt, etwa nach einer Gebärmutterentfernung oder unter hormoneller Verhütung: Dann können das follikelstimulierende Hormon (FSH) und/oder das Anti-Müller-Hormon (AMH) herangezogen werden, in Zweifelsfällen auch Östradiol [1]. Wie diese Werte zustande kommen, erklären wir im Beitrag FSH-Wert.
Was über die Risiken bekannt ist
Der größte systematische Review zu einer Langzeit-Hormontherapie stammt von der Cochrane Collaboration und wurde 2025 aktualisiert. Er rechnet die Effekte in absolute Zahlen um – das macht sie greifbarer als Prozentangaben. Unter kombinierter Hormontherapie traten über rund fünfeinhalb Jahre auf 1.000 Frauen etwa 5 zusätzliche Brustkrebsfälle, etwa 5 zusätzliche Schlaganfälle, etwa 10 zusätzliche Blutgerinnsel in den Venen und etwa 11 zusätzliche Gallenblasenoperationen auf; auf die Zahl der Herzereignisse hatte sie wahrscheinlich kaum Einfluss [3]. Unter reiner Östrogentherapie waren es etwa 8 zusätzliche Schlaganfälle und etwa 20 zusätzliche Gallenblasenoperationen pro 1.000 Frauen, während sich beim Brustkrebsrisiko wahrscheinlich wenig oder nichts änderte [3].
Wichtig zur Einordnung: Diese Zahlen stammen überwiegend aus Studien an älteren Frauen. Der Review hält ausdrücklich fest, dass sich daraus keine Aussage für Frauen ableiten lässt, die innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause beginnen – nur etwa 30 % der Teilnehmerinnen waren zu Beginn zwischen 50 und 59 Jahre alt [3]. Genau darauf beruht die häufig zitierte „Timing“-Überlegung: Die nordamerikanische Fachgesellschaft bewertet das Nutzen-Risiko-Verhältnis für Frauen unter 60 Jahren oder innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause als günstig, bei späterem Beginn als weniger günstig [4].
Die deutsche Leitlinie fasst das Brustkrebsrisiko so: Frauen, die eine Hormontherapie erwägen, sollen darüber aufgeklärt werden, dass sie zu einer geringen Erhöhung des Brustkrebsrisikos führen kann [1]. Für Eierstockkrebs nennt sie einen zusätzlichen Fall pro 1.000 Anwenderinnen über fünf Jahre [1].
Warum die Anwendungsform zählt
Ob Östrogen als Tablette geschluckt oder über die Haut aufgenommen wird (Pflaster, Gel – Fachbegriff: transdermal), macht einen messbaren Unterschied. Frauen sollen laut Leitlinie darüber informiert werden, dass das Risiko für ein Blutgerinnsel und für einen Schlaganfall unter oraler Therapie deutlich höher ist als über die Haut; das Risiko ist zudem dosisabhängig [1]. Bei Adipositas sollte deshalb die niedrigste wirksame Dosis gewählt und die Anwendung über die Haut bevorzugt werden [1].
Wann eine Hormontherapie nicht infrage kommt
Nach einer Thromboembolie oder einem Herz-Kreislauf-Ereignis ist eine Östrogentherapie kontraindiziert – sowohl als Tablette als auch über die Haut [1].
Nach einer Brustkrebserkrankung soll keine systemische Hormontherapie durchgeführt werden. Nur im Einzelfall kann sie erwogen werden, wenn nicht-hormonelle Behandlungen versagt haben und die Lebensqualität erheblich eingeschränkt ist [1].
Bei akuter Lebererkrankung mit deutlich erhöhten Leberwerten ist eine Hormontherapie kontraindiziert [1].
Vor dem Start sollen Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörung und Adipositas individuell abgeklärt und gegebenenfalls behandelt werden [1].
Wie lange darf man sie anwenden?
Eine feste Obergrenze gibt es nicht. Die deutsche Leitlinie unterscheidet zwischen kurzfristiger Anwendung – bis zu fünf Jahren – und längerfristiger Anwendung, über die vorher aufgeklärt werden muss [1]. Die nordamerikanische Fachgesellschaft wird deutlicher: Eine willkürliche, allein am Alter festgemachte Abbruchregel sei klinisch nicht angemessen; längere Anwendungsdauern seien bei belegter Indikation wie anhaltenden Hitzewallungen vertretbar – mit gemeinsamer Entscheidung und regelmäßiger Neubewertung [4]. Hintergrund: Häufige Hitzewallungen halten im Durchschnitt 7,4 Jahre an, bei vielen Frauen länger als zehn Jahre [4].
Sonderfall: vorzeitige Ovarialinsuffizienz
Wenn die Eierstöcke bereits vor dem 40. Lebensjahr ihre Funktion weitgehend einstellen, spricht man von einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz (POI, von englisch premature ovarian insufficiency). Hier gelten andere Regeln als bei den normalen Wechseljahren: Betroffenen soll eine Hormontherapie bis zum Erreichen des durchschnittlichen natürlichen Menopausenalters von 50 bis 52 Jahren empfohlen werden, sofern keine Gegenanzeigen vorliegen [1, 5]. Es geht dabei nicht in erster Linie um Beschwerden, sondern um den Schutz von Knochen und Herz-Kreislauf-System über viele Jahre. Mehr dazu im Beitrag Eizellreserve.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Wenn Hitzewallungen, Nachtschweiß oder Schlafstörungen deinen Alltag oder deine Lebensqualität spürbar einschränken.
Wenn du eine Hormontherapie erwägst und wissen willst, welche Form und Dosis bei deiner Vorgeschichte infrage kommt.
Wenn du bereits eine Hormontherapie anwendest und die Beschwerden nicht ausreichend besser werden – dann sollen andere Ursachen wie eine Schilddrüsenstörung oder eine Depression sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten überprüft werden [1].
Wenn deine Periode vor dem 40. Lebensjahr unregelmäßig wird oder ausbleibt.
Wenn in der Perimenopause sehr starke Blutungen auftreten – dahinter können Polypen, Myome, eine Adenomyose oder eine Gerinnungsstörung stecken [1].
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Eine Hormontherapie ist eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt getroffen wird.
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Quellen
Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-062, Kurzfassung 2026. Konsultationsfassung – die Empfehlungen können sich in der Endfassung noch ändern. PDF
Ortmann O, Beckermann MJ, Inwald EC, Strowitzki T, Windler E, Tempfer C. Peri- and postmenopause – diagnosis and interventions. Interdisciplinary S3 guideline of the AWMF (015/062): short version. Archives of Gynecology and Obstetrics 2020;302:763–777. DOI 10.1007/s00404-020-05682-4. Vorversion der Leitlinie; die angegebene Gültigkeit endete am 31.12.2024. Eine finale Nachfolgefassung liegt noch nicht vor. Volltext
Bofill Rodriguez M, Yong LN, Mirkov S, Bekos C, Lethaby A, Farquhar C. Long-term hormone therapy for perimenopausal and postmenopausal women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 11, CD004143. DOI 10.1002/14651858.CD004143.pub6. Zusammenfassung
The 2022 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause 2022;29(7):767–794. DOI 10.1097/GME.0000000000002028. PDF
Panay N, Anderson RA, Bennie A et al. Evidence-based guideline: premature ovarian insufficiency. Human Reproduction Open 2024;2024(4):hoae065. DOI 10.1093/hropen/hoae065. Volltext
Wechseljahresbeschwerden ärztlich einordnen lassen
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