Chronische Endometritis bei Kinderwunsch und Fehlgeburten

Chronische Endometritis bei Kinderwunsch und Fehlgeburten
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Die chronische Endometritis ist eine anhaltende, meist stille Entzündung der Gebärmutterschleimhaut. In der Kinderwunschmedizin wird sie seit einigen Jahren intensiv diskutiert – und häufig deutlich zuversichtlicher dargestellt, als es die Studienlage hergibt.

Dieser Artikel erklärt, was gesichert ist, was nur vermutet wird und was aktuelle Leitlinien tatsächlich empfehlen. Wir sagen dabei bewusst auch, wo die Evidenz dünn ist: Wer wiederholte Fehlgeburten erlebt hat, verdient eine ehrliche Einordnung statt eines Heilsversprechens.

Was die Untersuchung auf chronische Endometritis kann – und was nicht

  • Was sie zeigt: ob sich in einer Gewebeprobe aus der Gebärmutterschleimhaut bestimmte Entzündungszellen (Plasmazellen) nachweisen lassen [3, 6].

  • Was sie nicht zeigt: ob genau diese Entzündung die Ursache deiner Fehlgeburten oder deines unerfüllten Kinderwunsches ist. Es gibt bis heute nicht einmal einen international einheitlichen Grenzwert dafür, ab wie vielen Plasmazellen die Diagnose gestellt wird [2, 3, 6].

  • Was kein Blutwert leisten kann: Die Diagnose ist nur über eine Gewebeprobe möglich – es gibt keinen Bluttest dafür.

  • Wofür sie trotzdem sinnvoll sein kann: als eine von mehreren Abklärungen bei wiederholten Fehlgeburten – die deutsche Leitlinie stuft sie als „kann“-Empfehlung ein, also als Option, nicht als Standard [1].

  • Wichtig: Ob eine gefundene Entzündung behandelt werden sollte und was das für deine Chancen bedeutet, lässt sich nur ärztlich einordnen – die Studienlage dazu ist widersprüchlich [3, 4, 5].

Zuerst: Endometritis ist nicht Endometriose

Die beiden Begriffe klingen fast gleich und meinen völlig Verschiedenes. Bei der Endometriose siedelt sich schleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter an. Bei der Endometritis entzündet sich die Schleimhaut innerhalb der Gebärmutter. Mehr zur ersten Erkrankung liest du im Beitrag Endometriose.

Auch innerhalb der Endometritis gibt es zwei sehr unterschiedliche Formen. Die akute Endometritis tritt typischerweise als Reaktion auf eine Infektion nach einer Geburt, einer Fehlgeburt oder bestimmten Eingriffen auf und macht deutliche Beschwerden. Die chronische Endometritis dagegen ist eine anhaltende Entzündung, die über lange Zeit unbemerkt bleiben kann [6]. Nur um diese zweite Form geht es hier.

Woran man sie erkennt – und woran meist nicht

Wenn Beschwerden auftreten, sind sie unspezifisch: Zwischenblutungen oder andere Blutungsstörungen, Unterbauchschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder anhaltender Ausfluss [7]. Etwa ein Viertel der Betroffenen hat überhaupt keine Beschwerden [6]. Der Rest hat Symptome, die so allgemein sind, dass sie oft jahrelang niemandem auffallen. Deshalb wird die Erkrankung fast immer erst im Rahmen einer Kinderwunsch-Abklärung entdeckt, nicht wegen der Beschwerden selbst.

Wie häufig ist sie?

Hier beginnt das erste Problem. Die Zahlen schwanken enorm: Bei Frauen mit wiederholten Fehlgeburten reichen die Angaben einzelner Studien von 9,3 bis 67,6 %, bei wiederholtem Ausbleiben der Einnistung nach künstlicher Befruchtung von 14 bis 67,5 % [6]. Eine häufig zitierte Zusammenfassung von zwölf Studien kommt bei wiederholten Fehlgeburten auf einen Mittelwert von rund 30 % [1].

Diese Spanne ist kein Zufall, sondern die Folge fehlender Standards: Es gibt keine einheitliche Definition, keine einheitlichen Grenzwerte und keine einheitlichen Nachweismethoden [2, 6]. Wer 30 % liest, sollte also mitlesen, dass dahinter Einzelstudien mit 9 % und mit 68 % stehen.

Bemerkenswert ist ein Befund, der selten erwähnt wird: Dieselbe Auswertung von 2024 fand zwar einen deutlichen Zusammenhang zwischen chronischer Endometritis und wiederholten Fehlgeburten (37,6 % gegenüber 16,4 % bei Vergleichsgruppen), aber keinen statistisch bedeutsamen Zusammenhang beim wiederholten Einnistungsversagen [6] – ausgerechnet der Situation, in der die Untersuchung besonders häufig angeboten wird.

Wie sie festgestellt wird

Die Diagnose beruht auf einer Endometriumbiopsie – einer kleinen Gewebeprobe aus der Gebärmutterschleimhaut, die ambulant oder im Rahmen einer Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) entnommen wird. Im Labor wird die Probe auf Plasmazellen untersucht: bestimmte Abwehrzellen, deren Vorkommen in der Schleimhaut als Hinweis auf eine chronische Entzündung gilt [3, 6].

Zuverlässiger als die klassische Anfärbung ist der immunhistochemische Nachweis mit Antikörpern gegen das Plasmazell-Merkmal CD138 – die deutsche Leitlinie bezeichnet ihn als deutlich überlegen [1].

Bei der Gebärmutterspiegelung selbst können zusätzlich sichtbare Zeichen auffallen: eine fleckige Gerötetheit, eine Schwellung des Gewebes und winzige Polypen unter einem Millimeter Größe [1, 6].

Der ungelöste Grenzwert

Ein Punkt, der in Patientinnentexten praktisch nie vorkommt, aber die Aussagekraft des Befundes direkt betrifft: Es ist international nicht festgelegt, wie viele Plasmazellen für die Diagnose nötig sind. Die europäische Fachgesellschaft nennt den fehlenden Standard ausdrücklich als Problem und führt konkurrierende Kriterien an – mehr als eine Plasmazelle pro Gesichtsfeld oder mehr als fünf [2]. Die amerikanische Fachgesellschaft hält fest, dass weder über die Zahl noch darüber Konsens besteht, ob die CD138-Färbung überhaupt notwendig ist [3]. Auch die Zusammenfassung von 2024 stellt fest, dass es keinen Konsens über den Schwellenwert gibt [6].

Praktisch bedeutet das: Dieselbe Gewebeprobe kann in einem Labor als auffällig und in einem anderen als unauffällig bewertet werden.

Welche Keime dahinterstecken

Ein häufiges Missverständnis ist, die chronische Endometritis sei eine verschleppte Geschlechtskrankheit. Das trifft in der großen Mehrheit der Fälle nicht zu. In der bislang größten Untersuchung mit 2.190 Gebärmutterspiegelungen fanden sich vor allem gewöhnliche Bakterien, wie sie auch sonst im Körper vorkommen; Chlamydien waren nur in 2,7 % der Fälle nachweisbar. Mehr als 70 % der Fälle beruhten auf Infektionen, die weder durch Gonokokken noch durch Chlamydien verursacht waren [7].

Die Behandlung – und was sie belegbar bewirkt

Behandelt wird mit Antibiotika. Die deutsche Leitlinie nennt als Beispiel Doxycyclin 200 mg täglich über 14 Tage und, falls die Plasmazellen danach weiterhin nachweisbar sind, eine zweite Runde mit anderen Wirkstoffen [1].

Dass die Entzündung dadurch häufig verschwindet, ist gut belegt. In der einzigen randomisierten Studie zu dieser Frage waren nach 14 Tagen Antibiotikum 89,3 % der Befunde unauffällig, in der unbehandelten Vergleichsgruppe nur 12,7 % [4]. Andere Untersuchungen brauchten allerdings mehrere Runden: In einer Fall-Kontroll-Studie waren nach dem ersten Zyklus nur 31 % geheilt, nach bis zu drei Zyklen 81 %.

Der entscheidende Unterschied

Und hier liegt der Punkt, auf den es ankommt: Dass die Entzündung verschwindet, ist etwas anderes als die Frage, ob dadurch mehr Kinder geboren werden. Genau diese zweite Frage ist nicht geklärt.

  • Dieselbe randomisierte Studie fand bei den Schwangerschaftsergebnissen keinen statistisch bedeutsamen Unterschied. Die Autorinnen und Autoren halten ausdrücklich fest, dass noch nicht klar ist, ob die Behandlung die Schwangerschaftsergebnisse verbessert [4].

  • Die amerikanische Fachgesellschaft verweist 2026 auf eine weitere hochwertige randomisierte Studie, die keinen Nutzen einer Doxycyclin-Behandlung bei Frauen mit wiederholten Fehlgeburten zeigte, und hält weitere Forschung für notwendig [3].

  • Die deutsche Leitlinie räumt selbst ein, dass prospektive randomisierte Studien zur Bestätigung der positiven Ergebnisse bislang fehlen [1].

  • Die europäische Fachgesellschaft fasst drei Übersichtsarbeiten zusammen, die zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen – von einem deutlichen Vorteil über ein nicht bedeutsames Ergebnis bis zu der Schlussfolgerung, orale Antibiotika verbesserten die Raten nicht [2].

Die positiven Zahlen, die man häufig liest, stammen sämtlich aus Beobachtungsstudien [5]. Solche Studien können einen wichtigen Denkfehler nicht ausschließen: Frauen, deren Entzündung unter Behandlung ausheilt, sind möglicherweise von vornherein gesundheitlich in einer besseren Ausgangslage als jene, bei denen sie bestehen bleibt. Der Vorteil würde dann nicht auf der Behandlung beruhen, sondern auf dem Unterschied zwischen den Frauen. Passend dazu zeigt eine Zusammenfassung von fünf Beobachtungsstudien, dass Frauen, die Antibiotika erhielten, ohne dass die Ausheilung bestätigt wurde, gegenüber unbehandelten Frauen keinerlei Vorteil hatten [5].

Was die Leitlinien konkret empfehlen

  • Deutsche Leitlinie zu wiederholten Fehlgeburten: Eine Gewebeprobe mit CD138-Untersuchung kann durchgeführt werden, und bei nachgewiesener Entzündung kann antibiotisch behandelt werden [1]. „Kann“ ist die schwächste Empfehlungsstufe – eine Option, kein Muss.

  • Europäische Empfehlungen zum wiederholten Einnistungsversagen: Eine Abklärung kann erwogen werden, ebenso eine Behandlung – ebenfalls die schwächste Stufe, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass der fehlende Standard belastbare Schlüsse erheblich behindert [2].

  • Europäische Leitlinie zu wiederholten Fehlgeburten: äußert sich zur chronischen Endometritis gar nicht – weder dafür noch dagegen.

  • Amerikanische Fachgesellschaft (2026): am zurückhaltendsten, mit Verweis auf die negative randomisierte Studie und der Feststellung, dass weitere Forschung nötig ist [3].

Ergänzend zur Abgrenzung: Ein allgemeines infektiologisches Screening über Vaginalabstriche soll bei beschwerdefreien Frauen mit wiederholten Fehlgeburten laut deutscher Leitlinie nicht erfolgen, ebenso wenig eine Untersuchung des Mikrobioms außerhalb von Studien [1].

Kontrolle nach der Behandlung

Wird behandelt, kann eine erneute Gewebeprobe zeigen, ob die Entzündung tatsächlich abgeklungen ist [1]. Das ist mehr als Formsache: In den Auswertungen war nur die ausgeheilte, nicht die bloß behandelte Entzündung mit besseren Ergebnissen verbunden [5]. In den Studien erfolgte die Kontrolle typischerweise vier bis acht Wochen nach der ersten Probe [4].

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn du zwei oder mehr Fehlgeburten erlebt hast und die Ursachen systematisch abgeklärt werden sollen.

  • Wenn nach mehreren Übertragungen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung keine Einnistung gelingt.

  • Wenn dir eine Untersuchung auf chronische Endometritis angeboten wurde und du wissen möchtest, wie belastbar das Ergebnis in deiner Situation wäre.

  • Wenn anhaltende Zwischenblutungen, Unterbauchschmerzen oder ungewohnter Ausfluss bestehen.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er beschreibt bewusst auch die Grenzen der Studienlage: Eine Untersuchung, deren Nutzen für das eigentliche Ziel – ein Kind – nicht belegt ist, sollte man kennen, bevor man sich dafür oder dagegen entscheidet.

Passend dazu

Quellen

  1. DGGG, OEGGG, SGGG. Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/050, Version 6.1, Stand August 2022. Angegebene Gültigkeit bis 30.04.2025 – formal abgelaufen, Überarbeitung ausstehend. PDF

  2. Cimadomo D, de los Santos MJ, Griesinger G et al. ESHRE good practice recommendations on recurrent implantation failure. Human Reproduction Open 2023;2023(3):hoad023. DOI 10.1093/hropen/hoad023. Volltext

  3. Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Recurrent pregnancy loss: a committee opinion. Fertility and Sterility 2026;125:1023–1041. DOI 10.1016/j.fertnstert.2026.03.001.

  4. Song D, He Y, Wang Y et al. Impact of antibiotic therapy on the rate of negative test results for chronic endometritis: a prospective randomized control trial. Fertility and Sterility 2021;115(6):1549–1556. DOI 10.1016/j.fertnstert.2020.12.019. Bislang die einzige randomisierte Studie zu dieser Frage.

  5. Vitagliano A, Saccardi C, Noventa M et al. Effects of chronic endometritis therapy on in vitro fertilization outcome in women with repeated implantation failure: a systematic review and meta-analysis. Fertility and Sterility 2018;110(1):103–112.e1. DOI 10.1016/j.fertnstert.2018.03.017. Eingeschlossen wurden ausschließlich Beobachtungsstudien.

  6. Ticconi C, Inversetti A, Marraffa S et al. Chronic endometritis and recurrent reproductive failure: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Immunology 2024;15:1427454. DOI 10.3389/fimmu.2024.1427454. Volltext

  7. Cicinelli E, De Ziegler D, Nicoletti R et al. Chronic endometritis: correlation among hysteroscopic, histologic, and bacteriologic findings in a prospective trial with 2190 consecutive office hysteroscopies. Fertility and Sterility 2008;89(3):677–684. DOI 10.1016/j.fertnstert.2007.03.074.

Befunde ärztlich einordnen lassen

Eine chronische Endometritis lässt sich nur über eine Gewebeprobe feststellen, nicht über einen Bluttest. In der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia kannst du besprechen, welche Abklärungen in deiner Situation sinnvoll sind – und welche nicht.

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