Gesundes Kind nach wiederholten Fehlgeburten: was die Zahlen wirklich sagen

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Ja, die meisten Frauen bekommen auch nach wiederholten Fehlgeburten noch ein Kind. In einer großen dänischen Spezialambulanz hatten zwei Drittel der Frauen mit wiederholten Fehlgeburten fünf Jahre nach dem ersten Termin mindestens ein Kind geboren, nach 15 Jahren waren es 71 % [2]. Bei Frauen, bei denen keine Ursache gefunden wurde und die erneut schwanger wurden, verliefen in einer Studie aus Liverpool drei von vier Schwangerschaften erfolgreich [3].

Diese Zahlen ersetzen nicht das, was du erlebt hast. Aber sie sind ehrlich und gut untersucht, und sie widersprechen dem Gefühl, das viele Betroffene nach dem dritten oder vierten Verlust haben: dass es nie klappen wird. Hier findest du, was die Studien nach Anzahl der Verluste und Alter zeigen, welche Rolle eine gefundene oder fehlende Ursache spielt und was die Aussichten tatsächlich verbessert.

Gesundes Kind nach wiederholten Fehlgeburten: zwei Arten, die Chance zu messen

Wenn von „Chancen“ die Rede ist, sind oft zwei verschiedene Dinge gemeint. Es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten:

  • Die Chance pro Schwangerschaft: Wie wahrscheinlich ist es, dass die nächste Schwangerschaft gut ausgeht?

  • Die Chance über die Zeit: Wie viele Frauen haben nach einigen Jahren mindestens ein Kind bekommen, auch wenn dazwischen noch ein Verlust lag?

Die zweite Zahl ist meist höher, weil viele Frauen mehr als einen Anlauf brauchen. Beide sind wichtig: Die erste hilft bei der Planung der nächsten Schwangerschaft, die zweite beschreibt die Perspektive.

Noch ein Hinweis zur Sprache: Studien erfassen fast immer die Lebendgeburt oder eine Schwangerschaft über die 24. Woche hinaus. „Gesund“ im umfassenden Sinn messen sie nicht. Wir verwenden deshalb die Begriffe der Studien.

Die Zahlen nach Anzahl der Verluste

Pro Schwangerschaft

Das Risiko einer erneuten Fehlgeburt steigt mit der Zahl der vorangegangenen Verluste. In norwegischen Registerdaten mit über 400.000 Schwangerschaften endete nach einer Fehlgeburt etwa jede fünfte Folgeschwangerschaft erneut mit einem Verlust, nach zwei Fehlgeburten etwa jede vierte und nach drei oder mehr etwa vier von zehn [6]. Umgekehrt heißt das: Auch nach zwei Fehlgeburten verliefen gut sieben von zehn Schwangerschaften ohne erneuten Verlust.

In einer britischen Studie mit 201 Frauen ohne gefundene Ursache lag das Risiko einer erneuten Fehlgeburt nach drei Verlusten bei 29 %, nach sechs oder mehr bei 53 % [4]. Auch in der Gruppe mit den meisten Verlusten ging also noch fast jede zweite Schwangerschaft gut aus.

Über mehrere Jahre

Die dänische Studie verfolgte 987 Frauen mit wiederholten Fehlgeburten über viele Jahre [2]. Innerhalb von fünf Jahren nach dem ersten Termin hatten 71,9 % der Frauen mit drei vorangegangenen Fehlgeburten ein Kind bekommen. Bei Frauen mit sechs oder mehr Fehlgeburten waren es 50,2 % [1, 2]. Die Werte für Frauen mit vier oder fünf Verlusten liegen dazwischen. Auch nach vier Fehlgeburten bekam in diesen Daten also die Mehrheit noch ein Kind.

Eine niederländische Studie mit 251 Frauen ohne gefundene Ursache zeigte, dass die Zeit bis zur nächsten Schwangerschaft meist nicht verlängert ist: 74 % waren innerhalb eines Jahres wieder schwanger, 86 % innerhalb von zwei Jahren [5]. Das entspricht in etwa dem, was man auch bei Frauen ohne Fehlgeburten sieht.

Welche Rolle das Alter spielt

Das Alter ist neben der Zahl der Verluste der stärkste Einflussfaktor. In der dänischen Studie hatten 81,3 % der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren innerhalb von fünf Jahren ein Kind, bei Frauen ab 40 Jahren waren es 41,7 % [1, 2]. In der britischen Studie mit 201 Frauen lag das Risiko einer erneuten Fehlgeburt bei Frauen bis 30 Jahre bei 25 %, ab 40 Jahren bei 52 % [4]. Ein wichtiger Grund: Mit dem Alter steigt der Anteil der Fehlgeburten, die auf eine fehlerhafte Chromosomenzahl des Embryos zurückgehen [1].

Situation

Ergebnis

Quelle

Wiederholte Fehlgeburten, alle Frauen einer Spezialambulanz

66,7 % mit Kind nach 5 Jahren, 71,1 % nach 15 Jahren

[2]

Drei Fehlgeburten vor dem ersten Termin

71,9 % mit Kind nach 5 Jahren

[1, 2]

Sechs oder mehr Fehlgeburten

50,2 % mit Kind nach 5 Jahren

[1, 2]

Alter 20 bis 24 Jahre

81,3 % mit Kind nach 5 Jahren

[1, 2]

Alter 40 Jahre und älter

41,7 % mit Kind nach 5 Jahren

[1, 2]

Ohne gefundene Ursache, erneut schwanger

75 % Schwangerschaft über die 24. Woche

[3]

Ohne gefundene Ursache, Herzschlag in der 8. Woche sichtbar

98 % erfolgreicher Verlauf

[3]

Die Werte stammen aus Spezialambulanzen in Dänemark und Großbritannien und beschreiben Gruppen. Die europäische Leitlinie weist darauf hin, dass solche Modelle die Chancen im Einzelfall eher zu optimistisch einschätzen können [1].

Eine dänische Registerstudie mit über 1,2 Millionen Frauen zeigte außerdem, dass nicht nur die Anzahl, sondern auch die Reihenfolge der Schwangerschaften zählt: Mehrere Verluste direkt hintereinander, unmittelbar vor der nächsten Schwangerschaft, wiegen schwerer als die reine Gesamtzahl früherer Verluste [7]. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass Alter und Vorgeschichte allein nicht vorhersagen können, wie eine einzelne Schwangerschaft ausgeht [7]. Die europäische Leitlinie empfiehlt deshalb, eine Prognose immer auf das Alter und die vollständige Schwangerschaftsgeschichte zu stützen und sie im Gespräch einzuordnen [1].

Ein wichtiger Meilenstein: der Herzschlag

In der Liverpooler Studie war die Zeit zwischen der 6. und 8. Schwangerschaftswoche die unsicherste Phase [3]. War in der 8. Woche ein Herzschlag zu sehen, lag die Chance auf einen erfolgreichen Verlauf bei 98 %, in der 10. Woche bei 99,4 % [1, 3]. Für viele Frauen ist das ein Punkt, an dem die Anspannung etwas nachlassen darf.

Mit und ohne gefundene Ursache

Bei einem großen Teil der Paare findet eine gründliche Abklärung keine eindeutige Ursache. Das fühlt sich oft enttäuschend an, weil man sich eine Erklärung und eine Behandlung wünscht. Für die Aussichten ist es aber keine schlechte Nachricht: Gerade bei unerklärten wiederholten Fehlgeburten zeigen die Studien gute Chancen, vor allem bei jüngeren Frauen mit weniger Verlusten [1, 3].

Wird eine Ursache gefunden, hängt die Prognose von der Art des Befunds ab:

  • Antiphospholipid-Syndrom (eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper die Blutgerinnung beeinflussen): Hier schlägt die europäische Leitlinie bei drei oder mehr Verlusten niedrig dosiertes Aspirin vor der Empfängnis und Heparin ab dem positiven Schwangerschaftstest vor [1].

  • Chromosomenveränderung bei einem Partner (zum Beispiel eine balancierte Translokation, bei der Erbmaterial umgelagert, aber vollständig vorhanden ist): Die Chance auf eine Geburt ist über die Zeit trotzdem gut. Eine humangenetische Beratung ist in diesem Fall empfohlen [1].

  • Schilddrüsenunterfunktion: Eine deutliche Unterfunktion wird mit Levothyroxin behandelt [1]. Mehr dazu im Beitrag Schilddrüse und TSH bei Kinderwunsch.

Was bei einer Abklärung im Einzelnen untersucht wird, beschreibt der Beitrag Wiederholte Fehlgeburten: Abklärung und Beratung. Welche Rolle das Immunsystem spielt, erklärt Immunologie und Fehlgeburten.

Was die Prognose verbessern kann

Betreuung, die trägt

Frauen mit wiederholten Fehlgeburten wünschen sich für die nächste Schwangerschaft vor allem eines: einen klaren Plan mit einer festen Ansprechperson, die ihre Geschichte kennt, zuhört und frühe Ultraschalltermine ermöglicht [1]. Die europäische Leitlinie nennt das unterstützende Betreuung (auf Englisch „supportive care“): Zeit für Fragen, ehrliche Information ohne falsche Beruhigung, gemeinsame Planung und Zugang zum Team in der Folgeschwangerschaft [1].

Ob diese Betreuung die Chancen selbst verbessert, ist nur schwach belegt. In der bereits erwähnten britischen Studie mit 201 Frauen hatten diejenigen, die eine spezialisierte Frühschwangerschafts-Sprechstunde besuchten, seltener eine erneute Fehlgeburt (26 %) als Frauen, die das nicht taten (51 %) [4]. Da die Frauen selbst entschieden, ob sie kamen, ist dieser Unterschied aber nicht sicher auf die Betreuung zurückzuführen. Die Leitlinie hält fest, dass es auch ohne starken Beleg schwer ist, gegen eine solche Betreuung zu argumentieren [1].

Was du selbst beeinflussen kannst

  • Nicht rauchen, wenig oder keinen Alkohol trinken, ein gesundes Körpergewicht und normale Bewegung: Die europäische Leitlinie empfiehlt das für beide Partner [1].

  • Folsäure in niedriger Dosis vor und in der Frühschwangerschaft, wie für alle Frauen mit Kinderwunsch [1]. Mehr dazu unter Folsäure bei Kinderwunsch.

  • In einer neuen Schwangerschaft bei Blutungen früh Kontakt aufnehmen: Bei Frauen mit drei oder mehr Verlusten und Blutungen in der Frühschwangerschaft kann vaginales Progesteron die Chancen verbessern [1].

Was nicht hilft oder nicht belegt ist

Nach mehreren Verlusten ist der Wunsch groß, irgendetwas zu tun. Das macht anfällig für Angebote, deren Nutzen nicht belegt ist. Die europäische Leitlinie ist hier deutlich [1]:

  • Heparin oder Aspirin ohne nachgewiesenes Antiphospholipid-Syndrom: nicht empfohlen, weil große Studien keinen Nutzen gezeigt haben.

  • Kortison (Prednisolon) bei unerklärten Fehlgeburten oder auffälligen Immunwerten: nicht empfohlen, unter anderem wegen möglicher Nebenwirkungen.

  • Lymphozyten-Immunisierung (Impfung mit Zellen des Partners), Intralipid-Infusionen und G-CSF (ein Wachstumsfaktor für Immunzellen): nicht empfohlen.

  • Endometrium-Scratching (gezieltes Anritzen der Gebärmutterschleimhaut): kein Beleg für einen Nutzen.

  • Hoch dosierte Folsäure ohne besonderen Grund und Schilddrüsenhormon bei normaler Schilddrüsenfunktion trotz Antikörpern: nicht empfohlen.

  • Immunglobuline (IVIG): Eine einzelne hochwertige Studie deutet auf einen möglichen Nutzen bei sehr früher, hoch dosierter Gabe ab vier unerklärten Verlusten hin. Die europäische Leitlinie spricht nur eine schwache Empfehlung aus und fordert weitere Studien [1]. Die deutschsprachige Leitlinie rät dagegen davon ab, Immunglobuline außerhalb von Studien einzusetzen [9].

Wenn dir eine dieser Behandlungen angeboten wird, darfst du nachfragen, auf welche Daten sie sich stützt. Eine gute Anlaufstelle erklärt dir offen, was belegt ist und was nicht.

Noch ein Punkt, der zur ehrlichen Einordnung gehört: Wiederholte Fehlgeburten gehen mit einem etwas höheren Risiko für spätere Schwangerschaftskomplikationen wie Frühgeburt oder Wachstumsverzögerung einher. Eine Übersichtsarbeit in The Lancet empfiehlt deshalb, dass betroffene Frauen in der Folgeschwangerschaft in spezialisierten Einrichtungen betreut werden [8]. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern ein Grund für eine gute Begleitung.

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn du zwei oder mehr Fehlgeburten hattest und deine persönliche Prognose besprechen möchtest.

  • Wenn du Befunde aus einer Abklärung hast und nicht sicher bist, was sie für die nächste Schwangerschaft bedeuten.

  • Wenn dir eine Behandlung angeboten wird und du wissen möchtest, ob sie belegt ist.

  • Wenn du 35 Jahre oder älter bist und nach mehreren Verlusten die weitere Planung besprechen möchtest.

  • Wenn du wieder schwanger bist und eine enge Begleitung in den ersten Wochen wünschst.

  • Wenn Trauer oder Angst dich über Wochen stark belasten. Mehr dazu im Beitrag Wiederholte Fehlgeburten: psychische Auswirkungen.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Die Zahlen beschreiben Gruppen aus Studien und keine individuelle Vorhersage. Deine persönlichen Chancen hängen von deinem Alter, deiner vollständigen Vorgeschichte und möglichen Befunden ab und sollten ärztlich besprochen werden.

Passend dazu

Quellen

  1. ESHRE Guideline Group on RPL, Bender Atik R, Christiansen OB, Elson J et al. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss: an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. DOI 10.1093/hropen/hoad002. Langfassung mit Kapitel zur Prognose. PDF

  2. Lund M, Kamper-Jørgensen M, Nielsen HS, Lidegaard Ø, Andersen AM, Christiansen OB. Prognosis for live birth in women with recurrent miscarriage: what is the best measure of success? Obstetrics & Gynecology 2012;119(1):37–43. DOI 10.1097/AOG.0b013e31823c0413. Abstract

  3. Brigham SA, Conlon C, Farquharson RG. A longitudinal study of pregnancy outcome following idiopathic recurrent miscarriage. Human Reproduction 1999;14(11):2868–2871. DOI 10.1093/humrep/14.11.2868. Abstract

  4. Clifford K, Rai R, Regan L. Future pregnancy outcome in unexplained recurrent first trimester miscarriage. Human Reproduction 1997;12(2):387–389. DOI 10.1093/humrep/12.2.387. Abstract

  5. Kaandorp SP, van Mens TE, Middeldorp S, Hutten BA, Hof MH, van der Post JA, van der Veen F, Goddijn M. Time to conception and time to live birth in women with unexplained recurrent miscarriage. Human Reproduction 2014;29(6):1146–1152. DOI 10.1093/humrep/deu052. Abstract

  6. Magnus MC, Wilcox AJ, Morken NH, Weinberg CR, Håberg SE. Role of maternal age and pregnancy history in risk of miscarriage: prospective register based study. BMJ 2019;364:l869. DOI 10.1136/bmj.l869. Volltext

  7. Kolte AM, Westergaard D, Lidegaard Ø, Brunak S, Nielsen HS. Chance of live birth: a nationwide, registry-based cohort study. Human Reproduction 2021;36(4):1065–1073. DOI 10.1093/humrep/deaa326. Abstract

  8. Quenby S, Gallos ID, Dhillon-Smith RK et al. Miscarriage matters: the epidemiological, physical, psychological, and economic costs of early pregnancy loss. The Lancet 2021;397(10285):1658–1667. DOI 10.1016/S0140-6736(21)00682-6. Abstract

  9. DGGG, OEGGG, SGGG. Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/050, Version 2.0, Stand Mai 2026. PDF

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