Zöliakie und Kinderwunsch

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Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem reagiert auf Gluten – ein Klebereiweiß aus Weizen, Roggen und Gerste – und schädigt dabei die Schleimhaut des Dünndarms. Die meisten denken dabei zuerst an Durchfall und Bauchschmerzen. Tatsächlich zeigen sich bei etwa 6 von 10 Erwachsenen mit Zöliakie auch Beschwerden außerhalb des Darms [1]. Und in der Kinderwunsch-Sprechstunde taucht regelmäßig die Frage auf, ob eine unerkannte Zöliakie hinter ausbleibenden Schwangerschaften oder wiederholten Fehlgeburten stecken kann.

Dieser Artikel ordnet ein, was die Studienlage dazu tatsächlich hergibt, wann die deutsche Leitlinie eine Abklärung empfiehlt und worauf es beim Bluttest ankommt. Fachbegriffe erklären wir beim ersten Vorkommen; alle Aussagen sind am Ende mit Quellen belegt.

Was ein Zöliakie-Bluttest kann – und was nicht

  • Was er zeigt: ob dein Immunsystem Antikörper gegen ein körpereigenes Eiweiß namens Gewebstransglutaminase bildet – abgekürzt tTG. Gemessen wird tTG-IgA, gemeinsam mit dem Gesamt-IgA. Das ist der empfohlene Einstieg in die Zöliakie-Diagnostik [1].

  • Was er nicht ist: eine fertige Diagnose. Bei Erwachsenen wird die Zöliakie in aller Regel erst durch Gewebeproben aus dem Zwölffingerdarm gesichert – entnommen bei einer Magenspiegelung [1].

  • Was ihn wertlos macht: wenn du vor dem Test glutenfrei isst. Dann können sowohl Bluttest als auch Gewebeprobe unauffällig ausfallen, obwohl eine Zöliakie vorliegt [1].

  • Was er über deine Fruchtbarkeit sagt: nichts direkt. Ob eine unerkannte Zöliakie die Fruchtbarkeit messbar einschränkt, wird in der Fachwelt bis heute kontrovers diskutiert – die Studien widersprechen sich [1, 2, 3, 4].

  • Wichtig: Ist tTG-IgA nicht erhöht und liegt das Gesamt-IgA im Normbereich, ist eine Zöliakie mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen [1]. Andere Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch schließt der Test damit nicht aus.

Was bei einer Zöliakie im Körper passiert

Bei Menschen mit Zöliakie löst Gluten eine Entzündungsreaktion in der Dünndarmschleimhaut aus. Die Zotten – winzige, fingerförmige Ausstülpungen, über die der Darm Nährstoffe aufnimmt – bilden sich zurück. Fachleute sprechen von einer Zottenatrophie. Die Folge ist eine schlechtere Aufnahme von Nährstoffen, unter anderem von Eisen, Folsäure und Vitamin B12.

Ein verbreitetes Missverständnis: Zöliakie bedeute automatisch Untergewicht. Bei Diagnosestellung sind 28 % der Betroffenen übergewichtig und 11 % adipös – Übergewicht schließt eine Zöliakie also ausdrücklich nicht aus [1].

Der Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit: ehrlich betrachtet

Hier lohnt es sich, genau hinzusehen, weil im Netz sehr unterschiedliche Zahlen kursieren. Die deutsche Leitlinie fasst es so zusammen: Der Zusammenhang zwischen einer Fruchtbarkeitsstörung bei Frauen und einer unerkannten Zöliakie wird kontrovers diskutiert [1].

Was für einen Zusammenhang spricht

Eine Zusammenfassung von fünf Studien fand bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch eine 3,5-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Zöliakie im Vergleich zu Frauen ohne Kinderwunschproblem; bei ungeklärter Ursache lag sie sogar 6-fach höher [2]. Die gepoolte Häufigkeit lag dort bei 2,3 %.

Eine spanische Auswertung von 23 Studien kam auf eine Häufigkeit von 1,6 % bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch und 1,5 % bei ungeklärter Ursache – gemessen an Zöliakie-Antikörpern. Auch hier fand sich in den Fall-Kontroll-Vergleichen etwa eine Verdreifachung [3]. Die Autorinnen und Autoren betonen aber selbst, dass die Einzelstudien zu klein sind, um daraus eine Screening-Empfehlung abzuleiten [3].

Was dagegen spricht

Eine schwedische Auswertung zählte nur jene Studien, in denen die Zöliakie durch eine Gewebeprobe gesichert – also nicht bloß per Antikörper vermutet – wurde. Ergebnis: eine Häufigkeit von 0,7 % bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch und 0,6 % bei ungeklärter Ursache. Der Schluss der Autorinnen und Autoren: Zöliakie ist bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch nicht häufiger als in der Allgemeinbevölkerung [4].

Beide Bilder lassen sich versöhnen: Ein positiver Antikörpertest ist noch keine gesicherte Zöliakie. Je strenger man die Diagnose fasst, desto kleiner wird der beobachtete Unterschied. Für dich heißt das: Eine Zöliakie ist eine mögliche, aber seltene Erklärung – und keine, auf die man einen unerfüllten Kinderwunsch vorschnell zurückführen sollte.

Schwangerschaft: was bei unbehandelter Zöliakie beschrieben ist

Deutlicher ist die Datenlage bei den geburtshilflichen Verläufen. Für Frauen mit unbehandelter Zöliakie sind erhöhte Raten an Wachstumsverzögerung des Kindes im Mutterleib, Totgeburt, niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeburtlichkeit beschrieben [1]. Es gibt zudem gute Hinweise darauf, dass sich unter glutenfreier Ernährung sowohl die Fruchtbarkeit verbessert als auch diese Risiken zurückgehen [1].

Passend dazu: Eine große dänische Bevölkerungsstudie mit 6.319 Frauen mit bekannter – und damit behandelter – Zöliakie im Vergleich zu 63.166 Frauen ohne Zöliakie fand keinen Unterschied bei Schwangerschaften und Geburten [1]. Das Entscheidende ist also nicht die Diagnose, sondern ob sie bekannt ist und behandelt wird.

Wann eine Abklärung empfohlen wird

Die deutsche Leitlinie listet ausdrücklich gynäkologische Situationen auf, in denen an eine Zöliakie gedacht und getestet werden sollte – auch ohne Darmbeschwerden [1]:

Situation

Empfehlungsgrad laut Leitlinie

Unerfüllter Kinderwunsch (bei Frauen und Männern)

„sollte“ – starker Konsens

Wiederholte Fehlgeburten

„sollte“ – starker Konsens

Verspätete erste Regelblutung oder ausbleibende Periode

„sollte“ – starker Konsens

Frühe Wechseljahre

„sollte“ – starker Konsens

Hinzu kommen Befunde, die in einer Kinderwunsch-Abklärung ohnehin häufig auffallen und ebenfalls an eine Zöliakie denken lassen: eine Blutarmut durch Eisenmangel, erhöhte Leberwerte oder anhaltende Erschöpfung [1]. Wenn du wissen möchtest, welche Werte bei wiederholten Fehlgeburten sonst noch untersucht werden, findest du das im Beitrag Beratung bei wiederholten Fehlgeburten.

Wie der Test abläuft

Schritt 1: Blutabnahme

Bestimmt werden zwei Werte gemeinsam [1]:

  • tTG-IgA – Antikörper der Klasse IgA gegen Gewebstransglutaminase. Das ist der eigentliche Zöliakie-Marker.

  • Gesamt-IgA – die Gesamtmenge dieser Antikörperklasse im Blut. Sie wird mitbestimmt, weil manche Menschen davon von Natur aus zu wenig bilden. Ein solcher IgA-Mangel findet sich bei 2 bis 4 % der Menschen mit Zöliakie und würde den tTG-IgA-Test falsch unauffällig aussehen lassen [1].

Liegt tatsächlich ein IgA-Mangel vor, wird stattdessen auf IgG-basierte Antikörper untersucht [1]. Wichtig zu wissen: Diese IgG-Tests sind nur bei nachgewiesenem IgA-Mangel sinnvoll – und ausdrücklich nicht, wie es kommerzielle Anbieter mitunter vorschlagen, zusätzlich bei allen anderen mit negativem tTG-IgA [1].

Schritt 2: Gewebeprobe

Sind die Antikörper erhöht, folgt bei Erwachsenen in der Regel eine Magenspiegelung mit Gewebeproben aus dem Zwölffingerdarm [1]. Nur unter eng gefassten Bedingungen – etwa sehr hohen Antikörperwerten plus einem zweiten, unabhängig bestätigten Test – ist eine Diagnose ohne Gewebeprobe möglich [1].

Warum du vor dem Test nicht glutenfrei essen solltest

Das ist der häufigste vermeidbare Fehler. Sowohl der Bluttest als auch die Gewebeprobe werden unzuverlässig, wenn vorher Gluten weggelassen wurde – beide können dann falsch unauffällig ausfallen [1]. Die Leitlinie ist hier sehr konkret: Bis zum Abschluss der Diagnostik solltest du täglich an mindestens ein bis zwei, idealerweise drei bis vier Mahlzeiten ausreichend Gluten essen, etwa in Form von Brot, Backwaren oder Nudeln [1].

Wer bereits glutenfrei isst und trotzdem Klarheit möchte, muss unter ärztlicher Begleitung wieder Gluten zuführen – empfohlen werden rund 10 g täglich über etwa drei Monate, danach eine erneute Antikörperbestimmung [1]. Zur Orientierung: 100 g ungekochte Nudeln oder Weißbrot enthalten etwa 9 g Gluten, eine Scheibe Weizenbrot rund 2,5 g [1].

Welche Tests nichts taugen

Die Leitlinie nennt ausdrücklich Verfahren, die zur Zöliakie-Diagnostik nicht verwendet werden sollen: Antikörper gegen natives Gliadin (AGA), gegen Weizenkeim-Agglutinin (WGA) sowie die Bestimmung von Zonulin in Blut oder Stuhl [1]. Auch Schnelltests ersetzen weder die quantitative Labormessung noch die Gewebeprobe [1]. Wenn dir online ein „Glutenunverträglichkeits-Test“ begegnet, lohnt der Blick darauf, was tatsächlich gemessen wird.

Behandlung: die glutenfreie Ernährung

Die einzige wirksame Therapie ist eine lebenslange, konsequent glutenfreie Ernährung. Sie erfordert Einarbeitung, weil Gluten in vielen verarbeiteten Lebensmitteln versteckt ist – von Soßenbindern bis zu manchen Wurstwaren. Eine Ernährungsberatung ist hier keine Kür, sondern der Kern der Behandlung.

Wichtig ist die Reihenfolge: erst testen, dann umstellen. Eine glutenfreie Ernährung „auf Verdacht“ nimmt dir die Möglichkeit, die Diagnose sauber zu stellen – und damit auch den Anspruch auf strukturierte Nachsorge. Ohne gesicherte Zöliakie gibt es zudem keinen belegten Nutzen einer glutenfreien Kost für die Fruchtbarkeit. Welche Ernährungsfaktoren bei Kinderwunsch tatsächlich untersucht sind, liest du unter Ernährung und Fruchtbarkeit.

Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist

  • Wenn du seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versuchst, schwanger zu werden.

  • Wenn du zwei oder mehr Fehlgeburten erlebt hast.

  • Wenn zusätzlich eine Eisenmangelanämie, erhöhte Leberwerte, anhaltende Erschöpfung oder Darmbeschwerden bestehen.

  • Wenn in deiner Familie eine Zöliakie bekannt ist.

  • Bevor du auf eigene Faust glutenfrei isst – danach ist die Diagnostik deutlich schwieriger.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Laborwert ist keine Diagnose: Er liefert einen Hinweis, der gemeinsam mit deiner Vorgeschichte, deinen Beschwerden und gegebenenfalls einer Gewebeprobe ärztlich eingeordnet werden muss.

Passend dazu

Quellen

  1. Felber J, Bläker H, Fischbach W et al. Aktualisierte S2k-Leitlinie Zöliakie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Dezember 2021. AWMF-Registernummer 021-021, Gültigkeit bis 31. Oktober 2026. PDF

  2. Singh P, Arora S, Lal S, Strand TA, Makharia GK. Celiac Disease in Women With Infertility: A Meta-Analysis. Journal of Clinical Gastroenterology 2016;50(1):33–39. DOI 10.1097/MCG.0000000000000285. Abstract

  3. Castaño M, Gómez-Gordo R, Cuevas D, Núñez C. Systematic Review and Meta-Analysis of Prevalence of Coeliac Disease in Women with Infertility. Nutrients 2019;11(8):1950. DOI 10.3390/nu11081950. Volltext

  4. Glimberg I, Haggård L, Lebwohl B, Green PHR, Ludvigsson JF. The prevalence of celiac disease in women with infertility – a systematic review with meta-analysis. Reproductive Medicine and Biology 2021;20(2):224–233. DOI 10.1002/rmb2.12374. Volltext

Beschwerden ärztlich einordnen lassen

Die Zöliakie-Antikörper gehören nicht zum Testangebot von Fertia – die Abklärung läuft über die hausärztliche oder gastroenterologische Praxis. In der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia kannst du deine Situation schildern und die nächsten Schritte ärztlich einordnen lassen.

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