Wie sind meine Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft?
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„Wie hoch sind meine Chancen?“ ist eine der ersten Fragen, die nach einer Fehlgeburt oder nach längerer Zeit ohne Schwangerschaft gestellt wird. Es ist eine gute Frage – und eine, auf die es eine ehrliche und eine unehrliche Antwort gibt. Die unehrliche liefert eine Prozentzahl und tut so, als sei damit alles gesagt.
Dieser Artikel zeigt, welche Zahlen es tatsächlich gibt, woher sie stammen und wie belastbar sie für eine einzelne Person sind. Fachbegriffe erklären wir beim ersten Vorkommen; alle Aussagen sind am Ende mit Quellen belegt.
Was eine Prognosezahl kann – und was nicht
Was sie zeigt: wie häufig Frauen mit ähnlichem Alter und ähnlicher Vorgeschichte im nächsten Anlauf ein Kind bekommen haben. Das ist eine Aussage über eine Gruppe [1].
Was sie nicht zeigt: wie deine nächste Schwangerschaft ausgeht. Die bislang größte Auswertung dazu bezeichnet ihr eigenes Modell auf Bevölkerungsebene als gut passend, für die einzelne Frau aber ausdrücklich als nicht ausreichend treffsicher [1].
Wofür sie trotzdem taugt: als Gesprächsgrundlage. Die europäische Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, eine Prognose aus Alter und vollständiger Schwangerschaftsgeschichte abzuleiten – gerade weil viele Betroffene ihre Aussichten deutlich schlechter einschätzen, als sie sind [2].
Was sie nicht ersetzt: die Abklärung. Eine Prognose sagt nichts darüber, ob bei dir eine behandelbare Ursache vorliegt.
Wichtig: Eine Zahl ist kein Urteil. Ob und wann ein weiterer Versuch für dich richtig ist, ist keine statistische, sondern eine persönliche Entscheidung.
Die Ausgangslage: Wie lange dauert es normalerweise?
Bevor es um Fehlgeburten geht, hilft ein Blick auf den Normalfall. Eine deutsche Studie hat 346 Frauen begleitet, die gezielt und mit Kenntnis ihrer fruchtbaren Tage versuchten, schwanger zu werden [3]. Die kumulierten Schwangerschaftsraten – also der Anteil, der bis zu diesem Zyklus schwanger geworden ist:
Nach … Zyklen | Anteil schwanger |
|---|---|
1 Zyklus | 38 % |
3 Zyklen | 68 % |
6 Zyklen | 81 % |
12 Zyklen | 92 % |
Daraus stammt auch die verbreitete Faustregel, nach etwa sechs erfolglosen Zyklen mit gezieltem Verkehr eine Abklärung ins Auge zu fassen [3]. Wie du deine fruchtbaren Tage einschätzt, erklären wir unter Fruchtbare Tage berechnen.
Wie das Alter hineinspielt
Eine nordamerikanische Untersuchung mit 2.962 Paaren hat gemessen, wie sich die Chance pro Zyklus mit dem Alter verändert. Als Vergleichsmaßstab dienen Frauen zwischen 21 und 24 Jahren [4]:
Alter | Chance pro Zyklus im Vergleich |
|---|---|
25–27 Jahre | 0,91 |
28–30 Jahre | 0,88 |
31–33 Jahre | 0,87 |
34–36 Jahre | 0,82 |
37–39 Jahre | 0,60 |
40–45 Jahre | 0,40 |
Ein Wert von 0,82 bedeutet: In dieser Altersgruppe traten pro Zyklus etwa 18 % weniger Schwangerschaften ein als bei den 21- bis 24-Jährigen. Der Rückgang verläuft lange flach und wird ab etwa 36 Jahren deutlich steiler [4]. Das Alter des Mannes spielte in dieser Auswertung nach Berücksichtigung des Alters der Frau nur eine geringe Rolle [4].
Nach einer Fehlgeburt
Zunächst die Einordnung, die oft untergeht: Eine einzelne Fehlgeburt ist häufig und in den allermeisten Fällen kein Hinweis auf eine dauerhafte Fruchtbarkeitsstörung. Von wiederholten Fehlgeburten spricht die europäische Fachgesellschaft ab zwei Verlusten – Eileiter- und Blasenmolen-Schwangerschaften ausgenommen [2].
Die größte Datengrundlage dazu stammt aus Dänemark: 1.285.230 Frauen mit insgesamt 2.722.441 Schwangerschaften über vierzig Jahre [1]. Für eine 28-jährige Frau ergab sich daraus als Chance auf eine Lebendgeburt in der nächsten Schwangerschaft:
ohne vorangegangene Fehlgeburt: rund 90 % [1]
nach einer Fehlgeburt: rund 87 % [1]
nach zwei Fehlgeburten: rund 84 % [1]
Mit jeder weiteren Fehlgeburt sinkt der Wert weiter, und der ungünstige Einfluss des Alters verstärkt sich ab etwa 30 Jahren [1]. Entscheidend ist aber die Größenordnung: Auch nach zwei Fehlgeburten bleiben die Aussichten deutlich besser, als viele Betroffene vermuten.
Der Prognoserechner – und seine Grenzen
Aus der dänischen Auswertung ist ein frei zugänglicher Rechner entstanden. Er fragt dein Alter und den Verlauf deiner bisherigen Schwangerschaften ab und gibt eine geschätzte Wahrscheinlichkeit für eine Lebendgeburt aus. Die europäische Leitlinie nennt dieses Werkzeug ausdrücklich als Möglichkeit, die Prognose bei wiederholten Fehlgeburten abzuschätzen – weist aber darauf hin, dass es an unabhängigen Daten noch überprüft werden muss [2].
Wichtiger noch ist die Einschränkung, die die Autorinnen und Autoren selbst formulieren. Die Trennschärfe ihres Modells liegt bei einem sogenannten C-Index von 0,60 [1]. Dieser Wert beschreibt, wie gut ein Modell zwei Personen mit unterschiedlichem Ausgang auseinanderhalten kann: 0,5 entspräche reinem Zufall, 1,0 wäre perfekt. 0,60 ist also nur wenig besser als Raten. Ihr Fazit im Original: Alter und Zahl der Verluste allein sagen nicht voraus, ob eine Schwangerschaft in einer Lebendgeburt endet [1].
Wenn du den Rechner nutzen möchtest, dann bitte mit dieser Brille: als grobe Orientierung für ein Gespräch – nicht als Auskunft über deine nächste Schwangerschaft. Hier geht es zum Rechner.
Warum die Zahlen trotzdem helfen können
Die Leitlinie begründet, warum sie eine Prognoseabschätzung überhaupt empfiehlt: Sie erlaubt es Paaren, informiert für oder gegen weitere Versuche zu entscheiden, und ist damit ein wesentlicher Teil der Betreuung [2]. In der Praxis wirkt sie oft entlastend – weil die tatsächlichen Aussichten meist besser sind als die eigene Befürchtung.
Wichtig ist dabei die Reihenfolge, die die Leitlinie vorgibt: Grundlage sind das Alter und die vollständige Schwangerschaftsgeschichte – also auch Lebendgeburten und die Reihenfolge der Ereignisse, nicht nur die Zahl der Verluste [2].
Was eine Prognose nicht abbildet
Befunde. Ob bei dir etwa eine Schilddrüsenfunktionsstörung, eine Gerinnungsstörung oder eine Auffälligkeit der Gebärmutter vorliegt, geht in keine dieser Zahlen ein. Was in einer Abklärung untersucht wird, liest du unter Beratung bei wiederholten Fehlgeburten.
Behandlungen. Die Zahlen beschreiben den natürlichen Verlauf – nicht das, was sich durch eine gezielte Therapie verändern lässt.
Deine Belastungsgrenze. Wie viel Kraft ein weiterer Versuch kostet, steht in keiner Statistik. Diese Frage gehört genauso auf den Tisch wie die Prozentzahl.
Drei häufige Missverständnisse
„Nach mehreren Fehlgeburten ist es aussichtslos.“ Die Zahlen sinken mit jedem Verlust, aber sie brechen nicht ein. Auch nach zwei Fehlgeburten ist eine Lebendgeburt in der nächsten Schwangerschaft der deutlich wahrscheinlichere Ausgang [1].
„Eine Fehlgeburt bedeutet, dass ich unfruchtbar bin.“ Die dänischen Daten zeigen das Gegenteil: Nach einer Fehlgeburt liegt die Chance auf eine Lebendgeburt in der nächsten Schwangerschaft nur wenige Prozentpunkte unter der von Frauen ohne vorangegangenen Verlust [1].
„Der Rechner sagt mir, was passieren wird.“ Er beschreibt, was in einer großen Gruppe passiert ist. Für die einzelne Schwangerschaft ist seine Trennschärfe gering – das schreiben die Autorinnen und Autoren selbst [1].
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Nach zwei oder mehr Fehlgeburten – dann sieht die europäische Leitlinie eine Abklärung vor [2].
Wenn du seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versuchst, schwanger zu werden.
Wenn dein Zyklus unregelmäßig ist oder ganz ausbleibt.
Wenn du eine Prognosezahl gelesen hast und nicht weißt, wie du sie einordnen sollst.
Wenn die Situation dich seelisch stark belastet – dafür braucht es keine bestimmte Anzahl an Verlusten.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Statistiken beschreiben Gruppen; was sie für dich bedeuten, lässt sich nur gemeinsam mit deiner Vorgeschichte und deinen Befunden ärztlich einordnen.
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Quellen
Kolte AM, Westergaard D, Lidegaard Ø, Brunak S, Nielsen HS. Chance of live birth: a nationwide, registry-based cohort study. Human Reproduction 2021;36(4):1065–1073. DOI 10.1093/humrep/deaa326. Volltext
ESHRE Guideline Group on RPL. ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss – an update in 2022. Human Reproduction Open 2023;2023(1):hoad002. DOI 10.1093/hropen/hoad002. Volltext
Gnoth C, Godehardt D, Godehardt E, Frank-Herrmann P, Freundl G. Time to pregnancy: results of the German prospective study and impact on the management of infertility. Human Reproduction 2003;18(9):1959–1966. DOI 10.1093/humrep/deg366. Volltext
Wesselink AK, Rothman KJ, Hatch EE, Mikkelsen EM, Sørensen HT, Wise LA. Age and fecundability in a North American preconception cohort study. American Journal of Obstetrics and Gynecology 2017;217(6):667.e1–667.e8. DOI 10.1016/j.ajog.2017.09.002. Abstract
Nächste Schritte ärztlich einordnen lassen
Nach zwei oder mehr Fehlgeburten sieht die europäische Leitlinie eine Abklärung vor. In der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia kannst du deine Vorgeschichte schildern und gemeinsam einordnen lassen, welche Untersuchungen in deiner Situation sinnvoll sind.




