Vaginales Mikrobiom und Kinderwunschbehandlung: Welche Laktobazillen zählen?
Datum
Kategorie
Passend zum Thema:
Ärztliche Sprechstunde
→
Eine neue Auswertung von 12 Studien zeigt Unterschiede zwischen Laktobazillen-Arten
Eine gesunde Scheidenflora wird meist mit einem Wort beschrieben: Laktobazillen. Eine im Oktober 2026 in Human Reproduction Update erschienene Analyse zeigt, dass diese Gleichung zu einfach ist [1]. Frauen, deren Flora von Lactobacillus crispatus bestimmt war, wurden nach IVF, ICSI oder Insemination häufiger schwanger als Frauen mit Lactobacillus jensenii oder mit wenigen Laktobazillen.
Für einen routinemäßigen Mikrobiomtest vor der Behandlung reichen die Daten aber noch nicht. Hier erfährst du, was die Studie zeigt und was du daraus mitnehmen kannst.
Was ist das vaginale Mikrobiom?
Das vaginale Mikrobiom ist die Gemeinschaft der Bakterien in der Scheide. Fachleute teilen sie in sogenannte Community State Types (CST) ein, je nachdem, welche Bakterien überwiegen:
CST I: überwiegend Lactobacillus crispatus
CST II: überwiegend Lactobacillus gasseri
CST III: überwiegend Lactobacillus iners
CST IV: wenige Laktobazillen, dafür eine bunte Mischung anderer Bakterien
CST V: überwiegend Lactobacillus jensenii
Laktobazillen bilden Milchsäure und halten den pH-Wert niedrig. Das schützt vor Krankheitserregern. Die Studie hat zusätzlich eine sechste Gruppe gebildet: Flora, in der andere Laktobazillen-Arten überwiegen.
Die Studie im Überblick
Studientyp | Systematische Übersicht mit Netzwerk-Metaanalyse |
Daten | 12 Studien aus den Jahren 2018 bis 2025 mit 2.289 Frauen zwischen 20 und 46 Jahren |
Länder | Dänemark, Finnland, Italien, Niederlande, Türkei, USA, Japan, China |
Behandlungen | IVF, ICSI und Insemination (IUI) |
Messung | Sequenzierung des Mikrobioms vor Embryotransfer oder Insemination |
Hauptziel | Schwangerschaft nach der Behandlung |
Eine Netzwerk-Metaanalyse kann mehrere Gruppen gleichzeitig vergleichen, auch wenn nicht jede Einzelstudie alle Gruppen enthält. So ließen sich alle Flora-Typen gegen L. crispatus stellen. 6 der 12 Studien hatten ein niedriges Risiko für Verzerrungen, die übrigen 6 ein mittleres.
Die Ergebnisse
Im Vergleich mit einer L. crispatus-Flora war die Chance auf eine Schwangerschaft niedriger bei:
L. jensenii-Flora: Odds Ratio 0,42 (95%-KI 0,19 bis 0,92)
Flora mit wenigen Laktobazillen: Odds Ratio 0,59 (95%-KI 0,38 bis 0,91)
Für L. gasseri und L. iners fand die Analyse keinen statistisch signifikanten Unterschied zu L. crispatus.
Wie belastbar ist das?
Beobachtungsstudien: Alle eingeschlossenen Studien haben beobachtet und nicht behandelt. Ob die Flora selbst die Chancen beeinflusst oder nur mit anderen Faktoren zusammenhängt, bleibt offen.
Lebendgeburten: Nur 5 der 12 Studien haben Geburten berichtet, zusammen 57. Die Ergebnisse beziehen sich deshalb vor allem auf Schwangerschaften.
Unterschiedliche Methoden: Die Studien haben das Mikrobiom zu unterschiedlichen Zeitpunkten bestimmt (vor der Stimulation, nach der Stimulation oder am Tag des Transfers) und mit unterschiedlichen Verfahren ausgewertet. Auch was als Schwangerschaft zählte, war verschieden: vom positiven Test bis zur Geburt.
Nicht bereinigt: Keine der Studien lieferte Ergebnisse je Flora-Typ, die einheitlich um andere Einflüsse wie Alter oder Embryoqualität bereinigt waren.
Das Autorenteam kommt zu dem Schluss, dass die Daten nicht ausreichen, um eine Bestimmung des Flora-Typs in der Routine zu empfehlen. Ob eine Behandlung der Flora die Chancen verbessert, ist ebenfalls nicht belegt. Probiotika und der Transfer von Scheidenflora einer Spenderin werden erforscht. Eine Verbesserung der Geburtenrate in der Kinderwunschbehandlung hat bisher keine Studie gezeigt.
Was das für dich bedeutet
Mikrobiomtests: Angebote, die eine Sequenzierung der Scheidenflora vor der Kinderwunschbehandlung versprechen, beruhen auf einer noch dünnen Datenlage. Ein auffälliges Ergebnis lässt sich bisher nicht in eine belegte Behandlung übersetzen.
Beschwerden: Wenn du Ausfluss, Geruch, Juckreiz oder Brennen bemerkst, lass das ärztlich abklären. Eine bakterielle Vaginose oder Infektion wird behandelt, unabhängig vom Kinderwunsch.
Forschung: Die Studie zeigt, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Größere Studien mit Geburten als Ziel sind nötig.
Fragen für deine Sprechstunde
Abklärung: Gibt es bei mir Hinweise auf eine bakterielle Vaginose oder eine Infektion?
Tests: Wird mir ein Mikrobiomtest angeboten, und was würde sich bei einem auffälligen Ergebnis an meiner Behandlung ändern?
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Passend dazu
Chronische Endometritis: Ablauf der Biopsie, CD138-Befund und Behandlung
Wie sind meine Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft?
Quellen
Shabana H, Gudnadottir U, Hugerth LW, Rodriguez-Wallberg KA, Brusselaers N. Vaginal microbiome composition and medically assisted reproduction outcomes: a systematic review and network meta-analysis of 2289 women across three WHO regions. Hum Reprod Update. 2026, online 15.10.2026. doi.org/10.1093/humupd/dmag033
Befunde vor der Kinderwunschbehandlung besprechen
Dir wird ein Mikrobiomtest angeboten oder du hast Beschwerden? In der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia kannst du deine Fragen stellen und ärztlich einordnen lassen, welche Abklärung in deiner Situation sinnvoll ist.




