Krebsrisiko bei Kindern nach Kinderwunschbehandlung: Was die neue dänische Studie zeigt
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Warum die Zahlen ernst zu nehmen sind, aber aus einer anderen Zeit der Reproduktionsmedizin stammen
Im Oktober 2026 erschien im Fachjournal JAMA eine Auswertung der dänischen Gesundheitsregister mit 1.086.136 Kindern [1]. Kinder, die nach einer Kinderwunschbehandlung geboren wurden, erkrankten bis zum Alter von 20 Jahren etwas häufiger an Krebs. Der Unterschied betraf Kinder nach ICSI und nach Kryotransfer. Nach klassischer IVF war das Risiko so hoch wie bei natürlich gezeugten Kindern.
Wenn du gerade in Behandlung bist oder ein Kind nach IVF, ICSI oder Kryotransfer hast, wirft das Fragen auf. Hier erfährst du, was die Studie gemessen hat, wie klein die absoluten Zahlen sind und warum die Ergebnisse nur begrenzt auf heutige Behandlungen übertragbar sind.
Die Studie im Überblick
Daten | Dänische Gesundheitsregister, alle Lebendgeburten 1996 bis 2012 |
Kinder | 1.086.136, davon 37.228 (3,4 %) nach Kinderwunschbehandlung |
Nachbeobachtung | bis zum 20. Geburtstag oder bis Ende 2023, im Median 20 Jahre |
Verglichen | Kinder nach IVF, ICSI und Kryotransfer mit Kindern ohne Behandlung |
Studientyp | Beobachtungsstudie, veröffentlicht als Kurzbericht |
Es handelt sich um eine verlängerte Nachbeobachtung derselben dänischen Kohorte, die das Forschungsteam bereits 2019 in JAMA ausgewertet hatte [2]. Damals fiel schon ein erhöhtes Risiko nach Kryotransfer auf. Die neue Auswertung ist also keine unabhängige Bestätigung, sie hat aber mehr Fälle und kann deshalb genauer rechnen.
Zusätzlich hat das Forschungsteam zwei weitere Vergleichsgruppen herangezogen: Kinder von Frauen, die ebenfalls Fruchtbarkeitsprobleme hatten, aber in dieser Schwangerschaft nicht behandelt wurden, und Kinder nach klassischer IVF. Die Ergebnisse waren in allen Vergleichen ähnlich.
Die Ergebnisse in absoluten Zahlen
Krebs bei Kindern ist selten. Die Studie gibt die Häufigkeit pro 100.000 Personenjahre an. Vereinfacht heißt das: Wie viele von 100.000 Kindern erkranken in einem Jahr?
Zeugung | Krebsfälle in der Studie | Pro 100.000 Kinder und Jahr | Hazard Ratio (95%-KI) |
|---|---|---|---|
Ohne Kinderwunschbehandlung | 3.578 | 18,3 | Vergleichsgruppe |
Kinderwunschbehandlung insgesamt | 158 | 23,6 | 1,26 (1,07 bis 1,48) |
Klassische IVF | 65 bis 68 | 18,5 | 1,01 (0,79 bis 1,28) |
ICSI | 66 | 27,9 | 1,48 (1,16 bis 1,89) |
Kryotransfer | 23 | 41,1 | 2,18 (1,45 bis 3,29) |
Anders ausgedrückt: Von 10.000 Kindern erkrankten pro Jahr etwa 2 ohne Behandlung und etwa 4 nach Kryotransfer. Nach ICSI kamen auf 100.000 Kinder pro Jahr rund 10 zusätzliche Fälle, nach Kryotransfer rund 23.
Nach Kryotransfer fielen vor allem Leukämien, Lymphome und Weichteilsarkome auf, nach ICSI Lymphome, Weichteilsarkome und Tumoren des Nervensystems. Diese Werte beruhen auf jeweils höchstens 19 Fällen, teils auf weniger als 5. Das Forschungsteam bezeichnet die Auswertung nach Krebsart deshalb selbst als explorativ.
Warum die Daten aus einer anderen Zeit stammen
Die Kinder in der Studie wurden zwischen 1996 und 2012 geboren. Das ist nötig, um 20 Jahre nachbeobachten zu können. Es bedeutet aber auch: Gemessen wurden die Behandlungen von damals. Das Autorenteam schreibt selbst, dass sich die Praxis seither verändert hat, und nennt die breitere Nutzung von Kryotransfers, die Vitrifikation und den Transfer im Blastozystenstadium. Die Ergebnisse spiegeln die Behandlungen der Jahre 1996 bis 2012 und können für heutige Protokolle anders ausfallen.
Einfriertechnik: Damals wurden Embryonen überwiegend langsam eingefroren. Die heute übliche Vitrifikation (Schockgefrieren) hat sich erst später durchgesetzt.
Anfangszeit der Kryotransfers: Kryotransfers waren selten. Auf sie entfielen in der Studie nur knapp 55.000 von gut 640.000 Personenjahren nach Kinderwunschbehandlung und 23 Krebsfälle.
Mehrere Embryonen: 34 % der Kinder nach Behandlung waren Mehrlinge (ohne Behandlung 3,1 %), und 20 % kamen zu früh zur Welt (ohne Behandlung 6,0 %). Das zeigt, wie häufig damals mehr als ein Embryo übertragen wurde. Heute wird deutlich häufiger nur ein Embryo übertragen.
Was die Studie nicht zeigen kann
Ursache: Eine Beobachtungsstudie zeigt Zusammenhänge. Dass die Ergebnisse auch im Vergleich mit Kindern von Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen ähnlich blieben, spricht dafür, dass eher das Verfahren als die Unfruchtbarkeit eine Rolle spielt. Bewiesen ist das nicht.
Kaum bereinigt: Das Forschungsteam hat Alter und Bildung der Mutter, Rauchen in der Schwangerschaft und Geburtsreihenfolge geprüft. Weil sie die Ergebnisse kaum veränderten, wurden sie nicht in die Berechnung aufgenommen. Andere Unterschiede, etwa wie schwer die Fruchtbarkeitsstörung war, ließen sich nicht erfassen.
Viele Vergleiche: Es wurden zahlreiche Krebsarten einzeln getestet, ohne dafür statistisch zu korrigieren. Einzelne auffällige Ergebnisse können dadurch zufällig entstehen.
Mögliche Erklärungen: Das Autorenteam nennt als Hypothesen epigenetische Veränderungen durch Einfrieren und Auftauen, Kulturbedingungen im Labor, das Umgehen der natürlichen Spermienauswahl bei ICSI und die Hormonbehandlung zur Vorbereitung eines Kryotransfers im Vergleich zum natürlichen Zyklus. Geprüft wurde davon in dieser Studie nichts.
Klassische IVF: genauso gut und ohne erhöhtes Risiko
Ein Ergebnis verdient besondere Aufmerksamkeit: Nach klassischer IVF fand die Studie kein erhöhtes Krebsrisiko. Das passt zu einer randomisierten Studie aus Dänemark, die 2025 in Nature Medicine erschienen ist und an der unser Mitgründer Kilian Vomstein beteiligt war [3]. Darin wurden 824 Frauen ohne schweren männlichen Faktor per Los ICSI oder klassischer IVF zugeteilt. Die Chance auf ein Kind war nach IVF mindestens genauso hoch (47,3 % nach IVF, 43,2 % nach ICSI).
Beide Studien führen zum selben Grundsatz: so viel Behandlung wie nötig, so wenig wie möglich. ICSI ist sinnvoll, wenn die Spermienqualität stark eingeschränkt ist oder eine Befruchtung früher ausgeblieben ist. Bei normalem oder nur leicht verändertem Spermiogramm bringt sie keinen Vorteil.
Kryotransfers haben einen festen Platz in der heutigen Behandlung. Sie ermöglichen es, Embryonen einzeln zu übertragen und übrige Embryonen später zu nutzen. Ob in deiner Situation ein frischer Transfer oder ein Kryotransfer sinnvoller ist und ob der Kryotransfer im natürlichen Zyklus möglich ist, solltest du mit deinem Kinderwunschzentrum besprechen.
Was das für dich bedeutet
Wenn du ein Kind nach Kinderwunschbehandlung hast: Das absolute Risiko bleibt niedrig. Die Studie gibt keine Empfehlung für zusätzliche Untersuchungen. Die regulären Vorsorgeuntersuchungen bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt bleiben der richtige Rahmen.
Wenn du vor einer Behandlung stehst: Frag nach, warum ein bestimmtes Verfahren für euch empfohlen wird.
Fragen für deine Sprechstunde
Befruchtung: Brauchen wir ICSI, oder reicht bei unserem Spermiogramm die klassische IVF?
Transfer: Warum wird bei mir ein Kryotransfer oder ein frischer Transfer geplant?
Zyklus: Ist ein Kryotransfer im natürlichen Zyklus für mich möglich?
Einfrieren: Mit welcher Methode werden Embryonen in eurem Zentrum eingefroren?
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
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Quellen
Mose K, Kjaer SK, Jensen A, Grell K, Pottegård A, Hargreave M. Childhood cancer risk after assisted reproductive technology. JAMA. 2026, online 21.10.2026. doi.org/10.1001/jama.2026.18862
Hargreave M, Jensen A, Hansen MK, et al. Association between fertility treatment and cancer risk in children. JAMA. 2019;322(22):2203-2210. doi.org/10.1001/jama.2019.18037
Berntsen S, Zedeler A, Nøhr B, et al. IVF versus ICSI in patients without severe male factor infertility: a randomized clinical trial. Nat Med. 2025;31(6):1939-1948. doi.org/10.1038/s41591-025-03621-x
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