Folsäure bei Kinderwunsch: Dosis, Zeitpunkt, Wirkung

Folsäure und Kinderwunsch
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Folsäure ist die vermutlich am besten belegte Empfehlung der gesamten Schwangerschaftsvorsorge – und gleichzeitig die, die am häufigsten zu spät begonnen wird. Der Grund liegt in der Biologie: Das entscheidende Zeitfenster liegt vor dem Zeitpunkt, an dem die meisten Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind.

Dieser Artikel erklärt, was Folsäure ist, welche Dosis wann gilt, was sie belegbar bewirkt – und was sie ausdrücklich nicht leistet.

Was Folsäure kann – und was nicht

  • Was sie kann: Neuralrohrdefekte verhindern. Ein Cochrane-Review über fünf Studien mit 6.708 Geburten zeigt eine Risikominderung um rund zwei Drittel (relatives Risiko 0,31; 95-%-Vertrauensbereich 0,17 bis 0,58) – bewertet als hohe Evidenzqualität [3].

  • Was sie nicht klar kann: andere Fehlbildungen verhindern. Für Lippen- und Gaumenspalten sowie Herzfehler fand derselbe Review keinen eindeutigen Effekt [3].

  • Was sie nicht kann: Fehlgeburten oder Totgeburten verhindern. Beides zeigte in der Auswertung keinen Unterschied zwischen Folsäure und Placebo [3].

  • Was sie ebenfalls nicht ist: ein Fruchtbarkeitsmittel. Folsäure erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden.

  • Worauf es ankommt: der Zeitpunkt. Das Neuralrohr schließt sich drei bis vier Wochen nach der Empfängnis – oft bevor die Schwangerschaft bemerkt wird [2].

Folat und Folsäure: der Unterschied

Die beiden Begriffe werden oft gleichgesetzt, meinen aber Unterschiedliches:

  • Folat ist die natürliche Form, die in Lebensmitteln vorkommt – in grünem Blattgemüse, Tomaten, Hülsenfrüchten, Zitrusfrüchten, Kartoffeln, Eiern und Vollkornprodukten [2].

  • Folsäure ist die synthetische Form, die in Nahrungsergänzungsmitteln steckt. Sie ist stabiler und wird vom Körper zuverlässiger aufgenommen.

Beides gehört zur Gruppe der B-Vitamine (Vitamin B9). Der Körper braucht es überall dort, wo sich Zellen schnell teilen – und genau das passiert in den ersten Schwangerschaftswochen im Übermaß.

Warum der Zeitpunkt alles entscheidet

Das Neuralrohr ist die Anlage, aus der Gehirn und Rückenmark entstehen. Es schließt sich drei bis vier Wochen nach der Empfängnis [2] – also etwa zu dem Zeitpunkt, an dem die Periode zum ersten Mal ausbleibt.

Wenn dieser Verschluss unvollständig bleibt, entsteht ein Neuralrohrdefekt. Die bekanntesten Formen sind die Spina bifida (umgangssprachlich „offener Rücken") und die Anenzephalie, bei der Teile des Gehirns und des Schädeldachs nicht angelegt werden.

Der Körper braucht einige Wochen, um seine Folatspeicher aufzufüllen. Deshalb reicht es nicht, mit der Einnahme nach dem positiven Test zu beginnen – dann ist das Fenster in vielen Fällen bereits durchlaufen.

Die Dosis: 400 oder 800 Mikrogramm?

Die deutschen Handlungsempfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben" unterscheiden zwei Situationen:

  • Geplant und rechtzeitig begonnen: 400 µg Folsäure pro Tag, beginnend mindestens vier Wochen vor der Empfängnis und weiter bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels [1,2].

  • Spät begonnen: 800 µg pro Tag. Wer erst kurz vor oder nach der Empfängnis anfängt – also zum Beispiel nach dem positiven Test –, dem wird ein Präparat mit 800 µg täglich bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels empfohlen, um den späten Start auszugleichen [1,2].

„µg" steht für Mikrogramm, also ein Millionstel Gramm. 400 µg entsprechen 0,4 mg.

Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation für die Schwangerenvorsorge liegt auf derselben Linie: täglich 400 µg (0,4 mg) Folsäure – dort kombiniert mit 30 bis 60 mg Eisen [4]. Der Unterschied zur deutschen Empfehlung liegt beim Eisen, nicht bei der Folsäure: In Deutschland wird Eisen nicht routinemäßig ergänzt, sondern erst nach ärztlich festgestelltem Mangel [1].

Was die Evidenz genau zeigt

Der Cochrane-Review von De-Regil und Kolleginnen fasst die randomisierten Studien zusammen. Die wichtigsten Zahlen [3]:

  • Neuralrohrdefekte insgesamt: relatives Risiko 0,31 (95-%-Vertrauensbereich 0,17 bis 0,58), fünf Studien, 6.708 Geburten, hohe Evidenzqualität. Übersetzt: rund zwei Drittel weniger Fälle.

  • Wiederholung nach einer betroffenen Schwangerschaft: relatives Risiko 0,34 (0,18 bis 0,64), vier Studien, 1.846 Geburten.

  • Erstmaliges Auftreten: In der einzigen Studie dazu (4.862 Geburten) trat in der Folsäuregruppe kein Fall auf; das Ergebnis war statistisch nicht eindeutig abgesichert.

  • Andere Fehlbildungen: kein eindeutiger Effekt auf Lippenspalte, Gaumenspalte oder Herzfehler.

  • Fehlgeburt und Totgeburt: kein Unterschied.

Das Fazit der Autorinnen und Autoren ist entsprechend präzise: Folsäure – allein oder in Kombination mit Vitaminen und Mineralstoffen – verhindert Neuralrohrdefekte, hat aber keinen klaren Effekt auf andere Fehlbildungen [3].

Reicht Ernährung allein?

In der Regel nicht. Folatreiche Lebensmittel sind sinnvoll und gehören dazu [2], aber die Mengen, die für den sicheren Aufbau der Speicher nötig sind, lassen sich über die übliche Ernährung kaum zuverlässig erreichen. Deshalb steht in allen genannten Empfehlungen ein Präparat und nicht nur ein Ernährungsratschlag.

Praktischer Hinweis: Folat ist hitze- und lichtempfindlich und wasserlöslich. Langes Kochen im Wasser reduziert den Gehalt deutlich – dünsten oder roh essen erhält mehr.

Besondere Situationen

Es gibt Konstellationen, in denen die übliche Dosis nicht ausreicht oder die Beratung individueller ausfallen muss:

  • Eine frühere Schwangerschaft mit Neuralrohrdefekt. Die Studien zur Verhinderung einer Wiederholung arbeiteten mit deutlich höheren Dosen als 400 µg [3]. Welche Dosis in diesem Fall richtig ist, gehört ärztlich festgelegt – nicht selbst gewählt.

  • Bestimmte Medikamente, insbesondere einige Antiepileptika, beeinflussen den Folatstoffwechsel. Auch hier ist eine ärztliche Beratung vor der Schwangerschaft wichtig.

  • Erkrankungen, die die Aufnahme im Darm stören, etwa Zöliakie oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, oder eine zurückliegende Magen-Darm-Operation.

  • Diabetes und deutliches Übergewicht gehen mit einem höheren Risiko für Neuralrohrdefekte einher; die Beratung vor der Schwangerschaft ist hier besonders sinnvoll.

Worauf du bei der Präparatewahl achten solltest

Der Markt ist unübersichtlich, und „Schwangerschaftsvitamine" enthalten sehr unterschiedliche Dinge. Drei Punkte helfen beim Sortieren:

  • Die Folsäuremenge muss zur Situation passen. Viele Kombipräparate enthalten 400 µg. Wer erst nach dem positiven Test anfängt, braucht laut Empfehlung 800 µg [1,2] – das leisten nicht alle Produkte.

  • Jod sollte enthalten sein, Algenprodukte nicht. Für Jod gilt in der Schwangerschaft eine Empfehlung von 100 bis 150 µg täglich [1]. Von Algenprodukten als Jodquelle wird abgeraten, weil ihr Jodgehalt stark schwankt und sie mit Arsen belastet sein können [1].

  • Viel hilft nicht viel. Die WHO empfiehlt Mehrfach-Mikronährstoffpräparate in der Schwangerschaft ausdrücklich nicht zur Verbesserung mütterlicher und kindlicher Ergebnisse [4]; auch für Vitamin B6, Vitamin E und Vitamin C spricht sie sich gegen eine Ergänzung aus [4]. Vitamin A wird nur dort empfohlen, wo ein Vitamin-A-Mangel ein ernstes Gesundheitsproblem darstellt [4] – in hoher Dosis kann Vitamin A dem Kind schaden.

Kurz gesagt: Ein Präparat mit der richtigen Folsäuredosis plus Jod deckt die Kernempfehlungen ab. Alles darüber hinaus gehört besprochen statt selbst zusammengestellt.

Wie lange – und was danach?

Die Empfehlung endet mit dem ersten Schwangerschaftsdrittel [1,2]. Danach ist die kritische Phase für das Neuralrohr vorbei.

Zwei Dinge laufen aber weiter: Jod wird in der Schwangerschaft mit 100 bis 150 µg täglich als Nahrungsergänzung empfohlen [1], und für DHA – eine langkettige Omega-3-Fettsäure – nennen die Handlungsempfehlungen ein Ziel von 200 mg pro Tag, erreichbar über ein bis zwei Portionen fettreichen Fisch pro Woche oder über ein Präparat [1]. Mehr dazu im Beitrag Ernährung und Mikronährstoffe in der Schwangerschaft.

Wann du ärztlichen Rat einholen solltest

  • Wenn in einer früheren Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt aufgetreten ist.

  • Wenn du dauerhaft Medikamente nimmst – besonders Antiepileptika – und eine Schwangerschaft planst.

  • Bei Diabetes, deutlichem Übergewicht, Zöliakie, chronisch-entzündlicher Darmerkrankung oder nach einer Magen-Darm-Operation.

  • Wenn du unsicher bist, ob dein Präparat die richtige Dosis enthält – Kombipräparate schwanken erheblich.

  • Wenn du seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versuchst, schwanger zu werden.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er ist keine Anleitung zur Selbstbehandlung; die für dich passende Dosis und Dauer legt deine ärztliche Betreuung fest.

Passend dazu

Quellen

  1. Netzwerk Gesund ins Leben. Handlungsempfehlungen – Ernährung in der Schwangerschaft, aktualisierte Fassung. Veröffentlicht über die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Empfehlungen

  2. Netzwerk Gesund ins Leben. Folsäure: wichtig vor und während der Schwangerschaft. Meldung vom 31. Januar 2024. Meldung

  3. De-Regil LM, Peña-Rosas JP, Fernández-Gaxiola AC, Rayco-Solon P. Effects and safety of periconceptional oral folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015;(12):CD007950. DOI 10.1002/14651858.CD007950.pub3. Volltext

  4. World Health Organization. WHO recommendations on antenatal care for a positive pregnancy experience. Genf 2016, Empfehlung A.2.1. Volltext

Kinderwunsch ärztlich begleiten lassen

Folsäure ist ein Nahrungsergänzungsmittel, kein Laborwert – ein Bluttest ist dafür nicht nötig. Wenn du wissen möchtest, was in deiner Situation sonst noch sinnvoll ist – etwa die Schilddrüsenwerte vor einer Schwangerschaft –, kannst du das in der ärztlichen Online-Sprechstunde besprechen.

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