Testosteron bei der Frau: Was der Wert aussagt – und was nicht
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Testosteron gilt als Männerhormon – dabei produziert auch der weibliche Körper es, in Eierstöcken und Nebennieren. Es ist an Libido, Muskel- und Knochenstoffwechsel und am allgemeinen Wohlbefinden beteiligt. Entsprechend häufig taucht es in Hormonpaketen auf, und entsprechend oft wird ein einzelner Zahlenwert überinterpretiert.
Dieser Beitrag ordnet ein, wann ein Testosteronwert bei Frauen etwas aussagt, welche Begleitwerte dazugehören, warum das Messverfahren eine große Rolle spielt – und warum ein „zu niedriger“ Wert etwas völlig anderes ist als ein zu hoher. Fachbegriffe erklären wir beim ersten Vorkommen.
Was ein Testosteronwert zeigt – und was nicht
Was er zeigt: ob männliche Hormone erhöht sind. Gesamt- und freies Testosteron sind dafür die empfohlenen Messgrößen, das freie Testosteron wird über den freien Androgenindex geschätzt [1].
Was er nicht zeigt: einen „Testosteronmangel“. Eine von elf Fachgesellschaften getragene Positionsbestimmung hält fest: „Kein Grenzwert im Blut kann für irgendein gemessenes zirkulierendes Androgen verwendet werden, um Frauen mit und ohne sexuelle Funktionsstörung zu unterscheiden“ [2].
Worauf es beim Messen ankommt: auf das Verfahren. Direkte Immuntests gelten im weiblichen Bereich als „hochgradig unzuverlässig“; empfohlen ist Massenspektrometrie [1][2].
Wofür der Wert trotzdem wichtig ist: als eines von drei Kriterien bei der Abklärung von PCOS/PMOS – und als Warnzeichen, wenn er deutlich über den Referenzbereich hinausgeht [1].
Wichtig: Ein Androgenwert ohne Kontext ist kein Befund. Was dein Ergebnis bedeutet, lässt sich nur ärztlich einordnen.
Warum ein einzelner Wert wenig sagt
Testosteron schwimmt im Blut überwiegend gebunden – vor allem an SHBG (sex hormone-binding globulin, das wichtigste Transporteiweiß für Geschlechtshormone) und an Albumin. Nur der kleine ungebundene Anteil ist unmittelbar wirksam.
Das hat eine unmittelbare Folge: Wenn SHBG sinkt – etwa bei Übergewicht oder Insulinresistenz –, steigt der wirksame Anteil, auch wenn das Gesamt-Testosteron gleich bleibt. Umgekehrt hebt die kombinierte Antibabypille SHBG an und senkt gleichzeitig die Hormonproduktion in den Eierstöcken. Auch eine Hormontherapie in den Wechseljahren wirkt hier hinein: Die nordamerikanische Menopausengesellschaft weist darauf hin, dass eine als Tablette eingenommene Östrogentherapie SHBG erhöht und dadurch die Verfügbarkeit von Testosteron senkt – weshalb bei geringer Libido über die Haut aufgenommene Formen bevorzugt werden können [3]. Die internationale PCOS/PMOS-Leitlinie hält deshalb fest, dass sich unter der Pille „nur sehr schwer zuverlässig“ beurteilen lässt, ob männliche Hormone erhöht sind, und empfiehlt, sie – falls die Messung unbedingt nötig ist – mindestens drei Monate vorher abzusetzen [1].
Welche Werte gemeinsam betrachtet werden
Gesamt-Testosteron: der Basiswert im Blut, gebunden und frei zusammen.
SHBG: das Transporteiweiß, aus dem gemeinsam mit dem Gesamtwert der freie Androgenindex berechnet wird – eine Schätzung des wirksamen Anteils. Die Leitlinie empfiehlt genau diesen Weg statt einer direkten Messung des freien Testosterons [1].
DHEA-S und Androstendion: weitere männliche Hormone, überwiegend aus den Nebennieren. Sie kommen ins Spiel, wenn Testosteron nicht erhöht ist – allerdings mit der Einschränkung „geringere Spezifität“ und einem deutlichen Rückgang von DHEA-S mit dem Alter [1].
Warum das Messverfahren so wichtig ist
Bei Frauen liegen die Testosteronkonzentrationen etwa zehn- bis zwanzigmal niedriger als bei Männern. Genau in diesem niedrigen Bereich sind einfache Labortests unzuverlässig. Die internationale PCOS/PMOS-Leitlinie formuliert das ungewöhnlich deutlich: Labore sollen Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) gegenüber direkten Immuntests bevorzugen, weil diese „begrenzte Genauigkeit“ sowie „schlechte Sensitivität und Präzision“ für die Diagnose erhöhter männlicher Hormone zeigen [1]. Die internationale Positionsbestimmung zur Testosterontherapie kommt zum selben Schluss: „Direkte Tests zur Messung von Gesamt- und freiem Testosteron sind im weiblichen Bereich hochgradig unzuverlässig“ [2].
Wer einen Testosteronwert vergleicht, sollte also nicht nur auf die Zahl schauen, sondern auch darauf, mit welchem Verfahren gemessen wurde.
Wenn der Wert erhöht ist
Erhöhte männliche Hormone sind eines von drei Kriterien, mit denen PCOS/PMOS – das polyzystische beziehungsweise polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom – festgestellt wird. Für die Diagnose müssen zwei von drei Merkmalen vorliegen: unregelmäßiger Zyklus, erhöhte männliche Hormone (im Blut oder als sichtbare Zeichen) und ein typisches Bild der Eierstöcke im Ultraschall beziehungsweise ein erhöhtes AMH [1].
Wichtig: „Sichtbare Zeichen“ zählen ebenso. Die Leitlinie nennt dafür konkrete Instrumente – etwa einen modifizierten Ferriman-Gallwey-Score von 4 bis 6 zur Erfassung eines vermehrten Haarwuchses, je nach ethnischer Herkunft, und die Ludwig- oder Olsen-Skala für Haarausfall nach weiblichem Muster [1]. Ein normaler Blutwert schließt PCOS/PMOS also nicht aus.
Wann ein hoher Wert dringend abgeklärt gehört
Es gibt eine Konstellation, bei der es schnell gehen sollte. Die Leitlinie hält fest: Liegen die Androgenwerte „deutlich über den Laborreferenzbereichen“, sollten andere Ursachen als PCOS in Betracht gezogen werden – darunter Tumoren von Eierstöcken oder Nebennieren, ein angeborener Enzymdefekt der Nebennierenrinde (kongenitale adrenale Hyperplasie), das Cushing-Syndrom (eine Erkrankung mit dauerhaft zu viel Cortisol, deren Abklärung eigenen Regeln folgt [4]), eine Ovarialhyperthekose nach den Wechseljahren, von außen zugeführte Hormone und Syndrome mit schwerer Insulinresistenz [1]. Besonders wichtig ist dabei der zeitliche Verlauf: Ein rasches Auftreten oder schnelles Fortschreiten der Symptome ist ein zentrales Warnzeichen für einen hormonproduzierenden Tumor [1].
Wenn dir also innerhalb weniger Monate deutlich stärkerer Haarwuchs, eine tiefere Stimme oder ausgeprägter Haarausfall auffallen, ist das kein Fall für einen Selbsttest, sondern für einen zeitnahen ärztlichen Termin.
Wenn der Wert niedrig ist
Hier liegt das größte Missverständnis. Niedrige Libido, Antriebslosigkeit und Erschöpfung werden häufig mit einem „Testosteronmangel“ erklärt – und dann per Bluttest belegt werden sollen. Genau das funktioniert nicht.
Die von elf internationalen Fachgesellschaften getragene Positionsbestimmung von 2019 stellt fest, dass sich kein Grenzwert im Blut finden lässt, mit dem sich Frauen mit und ohne sexuelle Funktionsstörung unterscheiden ließen [2]. Und sie zieht die Konsequenz: „Die einzige evidenzbasierte Indikation für den Einsatz von Testosteron bei Frauen ist die Behandlung postmenopausaler Frauen, bei denen nach einer formalen biopsychosozialen Beurteilung eine HSDD diagnostiziert wurde“ – HSDD steht für hypoactive sexual desire disorder, eine anhaltend verminderte sexuelle Lust mit Leidensdruck [2].
Die Diagnose entsteht also im Gespräch, nicht im Labor. Ein Testosteronwert vor Therapiebeginn wird trotzdem gemessen – aber als Ausgangswert für die Sicherheitskontrolle: Die Positionsbestimmung empfiehlt eine Bestimmung vor Beginn, eine Kontrolle nach drei bis sechs Wochen und danach eine Überprüfung auf Zeichen eines Androgenüberschusses mit einem Gesamt-Testosteronwert alle sechs Monate [2].
Was du daraus mitnehmen kannst
Testosteron ist bei Frauen ein wichtiger, aber schwieriger Messwert. Nach oben ist er aussagekräftig: Er ist eine der Säulen der PCOS/PMOS-Abklärung, und ein deutlich erhöhter Wert verlangt eine gezielte Suche nach anderen Ursachen [1]. Nach unten ist er das nicht: Ein „zu niedriges“ Testosteron lässt sich beim aktuellen Wissensstand nicht über einen Grenzwert definieren [2].
Und in beide Richtungen gilt: Ohne SHBG, ohne die übrigen Werte und ohne den Blick auf Zyklus, Haut und Haare bleibt die Zahl ein Fragment. Sinnvoll wird sie erst durch die ärztliche Einordnung.
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Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch.
Quellen
Teede HJ, Tay CT, Laven JJE et al. Recommendations from the 2023 International Evidence-based Guideline for the Assessment and Management of Polycystic Ovary Syndrome. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2023;108(10):2447–2469. DOI 10.1210/clinem/dgad463 (zeitgleich in Human Reproduction 2023;38(9):1655–1679). Zur Leitlinie
Davis SR, Baber R, Panay N et al. Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2019;104(10):4660–4666. DOI 10.1210/jc.2019-01603. Getragen unter anderem von der International Menopause Society, der Endocrine Society und der North American Menopause Society. Volltext
The 2022 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause 2022;29(7):767–794. DOI 10.1097/GME.0000000000002028. Zur Publikation
Nieman LK, Biller BMK, Findling JW et al. The diagnosis of Cushing’s syndrome: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2008;93(5):1526–1540. DOI 10.1210/jc.2008-0125. Zur Leitlinie
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