IVF oder ICSI: Was bei normalem Spermiogramm sinnvoll ist
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Wenn eine künstliche Befruchtung ansteht, fällt früh eine Entscheidung, die viele Paare gar nicht als Entscheidung wahrnehmen: klassische IVF oder ICSI? Häufig steht die Antwort schon im Behandlungsplan, bevor die Frage gestellt wurde. Dabei ist inzwischen gut untersucht, wann das aufwendigere Verfahren tatsächlich einen Vorteil bringt – und wann nicht.
Dieser Artikel erklärt den Unterschied zwischen beiden Verfahren, fasst zusammen, was die bisher größte randomisierte Studie dazu gezeigt hat, und ordnet ein, was die Fachgesellschaften daraus ableiten. Fachbegriffe erklären wir beim ersten Vorkommen; alle Aussagen sind am Ende mit Quellen belegt.
Was ein Spermiogramm für die Wahl des Verfahrens leisten kann – und was nicht
Was es zeigt: Anzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien. Bei deutlich eingeschränkten Werten ist ICSI das Verfahren der Wahl – dafür wurde es entwickelt [3].
Was es nicht vorhersagt: dass ICSI bei unauffälligem oder nur leicht eingeschränktem Befund zu mehr Geburten führt. Genau das wurde geprüft – und nicht gefunden [1, 2, 4].
Was ein unauffälliger Befund bedeutet: dass die klassische IVF eine gleichwertige Option ist. In der größten Studie dazu wurde je entnommener Eizelle sogar etwas häufiger eine Befruchtung erreicht als mit ICSI [1].
Was es nicht ersetzt: eure Vorgeschichte. Ein früheres komplettes Befruchtungsversagen wiegt bei der Verfahrenswahl schwerer als ein aktuell unauffälliger Wert [3].
Wichtig: Ein einzelnes Spermiogramm schwankt von Probe zu Probe. Die Wahl des Verfahrens fällt im ärztlichen Gespräch – nicht anhand einer einzelnen Zahl.
Der Unterschied in einem Satz
Bei beiden Verfahren werden nach einer Hormonbehandlung Eizellen aus den Eierstöcken entnommen. Danach trennen sich die Wege:
IVF steht für In-vitro-Fertilisation, wörtlich „Befruchtung im Glas“. Eizellen und aufbereitete Spermien werden gemeinsam in eine Nährlösung gegeben; die Befruchtung geschieht dort von selbst.
ICSI steht für intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Dabei wird ein einzelnes, unter dem Mikroskop ausgewähltes Spermium mit einer feinen Nadel direkt in die Eizelle gespritzt.
Alles Weitere – Embryonenkultur, Transfer in die Gebärmutter, Einfrieren überzähliger Embryonen – läuft anschließend gleich ab.
Wofür ICSI entwickelt wurde
ICSI kam Anfang der 1990er-Jahre auf und war eine echte Revolution für Paare mit einem ausgeprägten männlichen Faktor: sehr wenige, kaum bewegliche oder auffällig geformte Spermien. Wo eine spontane Befruchtung im Schälchen praktisch nicht zustande kam, wurde sie durch die direkte Injektion möglich.
In den Jahren danach hat sich die Anwendung weit über diesen Bereich hinaus ausgedehnt. Wie weit, zeigt eine Auswertung des kanadischen Behandlungsregisters: Von 140.252 ausgewerteten Behandlungszyklen entfielen 105.001 auf ICSI und nur 35.251 auf die klassische IVF [2]. ICSI ist damit nicht mehr das Sonderverfahren, sondern der Regelfall – auch dort, wo kein männlicher Faktor vorliegt.
Was die INVICSI-Studie gezeigt hat
Wie die Studie aufgebaut war
Die dänische INVICSI-Studie ist die bisher größte randomisierte Untersuchung zu dieser Frage. „Randomisiert“ heißt: Welches Verfahren zum Einsatz kam, wurde per Zufall zugeteilt – die Methode, die Verzerrungen am zuverlässigsten ausschließt.
Zwischen November 2019 und Dezember 2022 wurden an sechs öffentlichen Kinderwunschzentren in Dänemark 824 Frauen im Alter von 18 bis 42 Jahren eingeschlossen, die ihre erste künstliche Befruchtung erhielten. Voraussetzung war, dass die Spermienprobe des Partners kein schwerer männlicher Faktor war [1]. Gemessen wurde die kumulative Lebendgeburtenrate: der Anteil der Frauen, die aus dem Behandlungszyklus – einschließlich aller später aufgetauten Embryonen – ein Kind geboren haben.
Die Ergebnisse
Ergebnis | ICSI | klassische IVF |
|---|---|---|
Kumulative Lebendgeburtenrate | 43,2 % | 47,3 % |
Befruchtung je entnommener Eizelle | 53,5 % | 58,1 % |
Komplettes Befruchtungsversagen | 4,8 % | 3,7 % |
Der Unterschied bei den Geburten ist statistisch nicht gesichert – das relative Risiko lag bei 0,91, der Vertrauensbereich reichte von 0,79 bis 1,06 [1]. Ein Vertrauensbereich, der die 1,0 einschließt, bedeutet: Ein echter Unterschied in die eine oder andere Richtung lässt sich aus diesen Daten nicht belegen. Klar belegt ist dagegen, dass ICSI je entnommener Eizelle seltener zu einer Befruchtung führte [1].
Bemerkenswert ist auch, was nicht eintrat: Das komplette Befruchtungsversagen – die Sorge, dass im Schälchen gar nichts passiert – war unter ICSI nicht seltener, sondern zahlenmäßig sogar etwas häufiger [1].
Der Befund bei jüngeren Frauen
In einer nachgeordneten Auswertung zeigte sich bei Frauen bis 32 Jahre ein Nachteil von ICSI gegenüber der klassischen IVF; rechnerisch entsprach das einer zusätzlich ausbleibenden Geburt pro neun so behandelter Frauen [1]. Solche Untergruppen-Auswertungen sind Hinweise, keine Beweise – sie waren nicht die Hauptfrage der Studie und können Zufallsschwankungen abbilden. Als Argument für einen breiten ICSI-Einsatz taugen sie jedenfalls nicht.
Was die übrige Studienlage sagt
INVICSI steht nicht allein. Eine Zusammenfassung von 18 randomisierten Studien kam zu einem sehr ähnlichen Bild: ICSI senkte zwar das Risiko eines kompletten Befruchtungsversagens und erhöhte die Befruchtungsrate je Eizelle, verbesserte aber die Lebendgeburtenrate nicht. Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Es gebe keine Belege, die einen routinemäßigen ICSI-Einsatz bei Paaren ohne männlichen Faktor stützen [4].
Die kanadische Registerauswertung zeigt dasselbe unter Alltagsbedingungen: 38,5 % Lebendgeburten nach klassischer IVF gegenüber 36,3 % nach ICSI [2].
Was die Fachgesellschaften daraus ableiten
Die US-amerikanische Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin hat ihre Stellungnahme dazu 2026 aktualisiert. Kernsatz: Der routinemäßige Einsatz von ICSI ohne männlichen Faktor wird nicht empfohlen [3]. Ausdrücklich als nicht vorteilhaft eingestuft werden dabei unter anderem:
ungeklärte Kinderlosigkeit
wenige gewonnene Eizellen oder eine verringerte Eizellreserve
höheres Alter der Frau
eine geplante genetische Untersuchung der Embryonen auf Chromosomenfehlverteilungen
Wann ICSI sinnvoll ist
Es geht nicht darum, ICSI schlechtzureden – es ist bei der richtigen Indikation ein sehr wertvolles Verfahren. Als sinnvoll gilt es unter anderem [1, 3]:
bei ausgeprägt eingeschränkter Spermienqualität oder operativ gewonnenen Spermien
wenn es in einem früheren Zyklus zu einer ausbleibenden oder sehr schwachen Befruchtung mit klassischer IVF kam
bei einer geplanten genetischen Untersuchung auf eine bestimmte Erbkrankheit, um Verunreinigungen der Probe mit fremdem Erbgut zu vermeiden
bei zuvor eingefrorenen und wieder aufgetauten Eizellen
Was das für euer Gespräch in der Kinderwunschpraxis heißt
Wenn im Behandlungsplan ICSI steht, obwohl das Spermiogramm unauffällig ist, ist die Frage „Warum ICSI und nicht IVF?“ vollkommen berechtigt – und in vielen Zentren gibt es darauf eine gute, individuelle Antwort, etwa einen auffälligen Vorbefund. Gibt es sie nicht, lohnt es sich, die Alternative anzusprechen. ICSI ist aufwendiger und in Deutschland in der Regel auch teurer; ein Mehrwert an Geburten ist bei unauffälligem Befund nicht belegt [1, 2, 3, 4].
Welche Werte vor einer Kinderwunschbehandlung erhoben werden und wozu sie tatsächlich taugen, liest du im Beitrag AMH-Wert und Eizellreserve. Und was auf männlicher Seite untersucht wird, findest du unter Spermaqualität.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Wenn euch ICSI empfohlen wurde und ihr die Begründung nicht kennt.
Wenn ein Behandlungszyklus ohne Befruchtung geblieben ist – das ändert die Verfahrenswahl für den nächsten Versuch.
Wenn ihr seit mehr als zwölf Monaten (ab 35 Jahren: sechs Monaten) ohne Erfolg versucht, schwanger zu werden.
Wenn ihr die Kostenseite beider Verfahren mit eurer Krankenkasse klären wollt.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Welches Verfahren in eurer Situation das richtige ist, hängt von Befunden, Vorgeschichte und dem Behandlungskonzept eures Zentrums ab.
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Quellen
Berntsen S, Zedeler A, Nøhr B, Rønn Petersen M, Grøndahl ML, Andersen LF et al. IVF versus ICSI in patients without severe male factor infertility: a randomized clinical trial (INVICSI). Nature Medicine 2025;31(6):1939–1948. DOI 10.1038/s41591-025-03621-x. Volltext
Ferraro ZM, Meng L, Liu KE, Greenblatt EM, Russo MA. Intracytoplasmic sperm injection for non-male factor infertility does not improve cumulative live birth rate: a Canadian assisted reproductive technologies registry (CARTR Plus) descriptive study. Frontiers in Reproductive Health 2026;8:1822305. DOI 10.3389/frph.2026.1822305. Volltext
Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Intracytoplasmic sperm injection for nonmale factor indications: a committee opinion. Fertility and Sterility 2026;126:49–56. Volltext
Yang L, Liang F, Zhu R, Wang Q, Yao L, Zhang X. Efficacy of intracytoplasmic sperm injection in women with non-male factor infertility: a systematic review and meta-analysis. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica 2024;103(1):30–41. DOI 10.1111/aogs.14698. Volltext
Behandlungsoptionen ärztlich einordnen lassen
Ob IVF oder ICSI infrage kommt, entscheidet sich in der Kinderwunschpraxis anhand eures Befunds. In der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia kannst du offene Fragen zu einem geplanten oder laufenden Behandlungszyklus stellen und die nächsten Schritte ärztlich einordnen lassen.




