Ernährung und Mikronährstoffe in der Schwangerschaft

Ernährung & Mikronährstoffe in der Schwangerschaft
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Kaum ein Thema ist in der Schwangerschaft so überladen mit Ratschlägen wie die Ernährung. Der Markt für „Schwangerschaftsvitamine" ist riesig, die Empfehlungen im Netz widersprechen sich – und am Ende steht die Frage: Was davon ist belegt, und was ist Verkauf?

Die gute Nachricht: Die Liste der wirklich wichtigen Nährstoffe ist kurz. Dieser Artikel fasst zusammen, was die deutschen Handlungsempfehlungen und die Weltgesundheitsorganisation tatsächlich empfehlen – und wovon sie ausdrücklich abraten.

Was Mikronährstoff-Blutwerte in der Schwangerschaft können – und was nicht

  • Was ohnehin gemessen wird: Die deutschen Mutterschafts-Richtlinien sehen unter anderem eine regelmäßige Hämoglobinbestimmung vor – bei einem Wert unter 11,2 g pro 100 ml zusätzlich eine Erythrozytenzählung [4]. Ferritin, Vitamin D oder Zink gehören nicht zum Routineprogramm.

  • Was ein Wert nicht beantwortet: ob du ein Präparat brauchst. Für Folsäure, Jod und DHA gilt die Empfehlung unabhängig vom Laborwert [1] – hier wird nicht gemessen, sondern ergänzt.

  • Wo Messen sinnvoll ist: bei Eisen. In Deutschland wird Eisen nicht routinemäßig ergänzt, sondern erst nach ärztlich festgestellter Unterversorgung [1]. Ein Wert ist hier also die Voraussetzung, nicht die Folge.

  • Was ein einzelner Wert nie ersetzt: die ärztliche Einordnung. Referenzbereiche verschieben sich in der Schwangerschaft – ein Wert, der außerhalb liegt, ist nicht automatisch behandlungsbedürftig.

  • Vorsicht bei Selbstzahler-Paketen: Mehr gemessene Werte bedeuten nicht mehr Sicherheit. Die WHO empfiehlt Mehrfach-Mikronährstoffpräparate in der Schwangerschaft ausdrücklich nicht [2].

Der Grundsatz: mehr Nährstoffe, kaum mehr Kalorien

„Essen für zwei" ist der hartnäckigste Mythos der Schwangerschaft. Die deutschen Handlungsempfehlungen nennen für das zweite Schwangerschaftsdrittel einen Mehrbedarf von etwa 250 kcal pro Tag und für das dritte etwa 500 kcal [1] – das entspricht ungefähr einem Vollkornbrot mit Käse, nicht einer zweiten Mahlzeit.

Der Bedarf an einzelnen Nährstoffen steigt dagegen deutlich stärker als der Energiebedarf. Deshalb geht es weniger um die Menge als um die Auswahl – und um wenige gezielte Ergänzungen.

Die vier, auf die es ankommt

1. Folsäure

Empfohlen sind 400 µg (Mikrogramm) Folsäure täglich, beginnend mindestens vier Wochen vor der Empfängnis bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels [1]. Wer erst kurz vor oder nach der Empfängnis beginnt, dem werden 800 µg täglich bis zum Ende des ersten Drittels empfohlen [1,5].

Der Grund für den frühen Start: Das Neuralrohr – die Anlage von Gehirn und Rückenmark – schließt sich drei bis vier Wochen nach der Empfängnis [5]. Ein Cochrane-Review über fünf Studien mit 6.708 Geburten zeigt für Folsäure eine Verringerung von Neuralrohrdefekten um rund zwei Drittel (relatives Risiko 0,31; 95-%-Vertrauensbereich 0,17 bis 0,58) [3]. Mehr dazu im Beitrag Folsäure bei Kinderwunsch.

2. Jod

Empfohlen wird in der Schwangerschaft ein Präparat mit 100 bis 150 µg Jod täglich zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung; in der Stillzeit 100 µg [1].

Jod wird für die Schilddrüsenhormone gebraucht – und die sind für die Gehirnentwicklung des Kindes entscheidend, besonders im ersten Drittel, in dem das Kind noch keine eigene Schilddrüse hat. Deutschland gilt weiterhin als Region mit eher knapper Jodversorgung.

Wichtig: Algenprodukte sind als Jodquelle nicht geeignet, weil ihr Jodgehalt stark schwankt und sie mit Arsen belastet sein können [1]. Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat, klärt die Jodzufuhr ärztlich ab – siehe Schilddrüse in der Schwangerschaft.

3. Eisen

Hier unterscheiden sich die Empfehlungen international – und das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage des Kontexts.

  • Deutschland: Eisen soll nicht routinemäßig ergänzt werden, sondern erst nach einer ärztlich diagnostizierten Unterversorgung [1].

  • WHO: empfiehlt für die Schwangerenvorsorge weltweit täglich 30 bis 60 mg elementares Eisen zusammen mit 400 µg Folsäure, um Blutarmut, Wochenbettinfektionen, niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburten zu verringern [2]. Diese Empfehlung zielt auf Bevölkerungen mit hoher Blutarmutsrate.

Praktisch heißt das für Deutschland: Der Hämoglobinwert wird im Rahmen der Vorsorge regelmäßig kontrolliert – in der Regel ab dem sechsten Monat, wenn er bei der Erstuntersuchung normal war [4]. Fällt er ab, wird gezielt weiter abgeklärt und behandelt. Eisen „vorsorglich" einzunehmen ist dagegen nicht empfohlen; es kann Magen-Darm-Beschwerden verstärken, die in der Schwangerschaft ohnehin häufig sind.

4. DHA

DHA (Docosahexaensäure) ist eine langkettige Omega-3-Fettsäure und wird für die Entwicklung von Gehirn und Netzhaut gebraucht. Empfohlen sind 200 mg pro Tag, erreichbar über ein bis zwei Portionen fettreichen Fisch pro Woche – etwa Lachs, Hering oder Makrele – oder über ein Präparat, wenn kein Fisch gegessen wird [1].

Fettreiche Fische mit niedriger Schadstoffbelastung sind hier die bessere Wahl als große Raubfische wie Thunfisch, Schwertfisch oder Hai.

Vegetarisch und vegan

Vegetarische Ernährung ist in der Schwangerschaft gut möglich, wenn sie bewusst zusammengestellt wird. Bei veganer Ernährung ist Vitamin B12 der kritische Nährstoff, der ergänzt werden muss [1]. Ergänzend lohnt der Blick auf Eisen, Jod, Zink, DHA und Kalzium – hier ist eine qualifizierte Ernährungsberatung sinnvoll.

Was ausdrücklich NICHT empfohlen wird

Dieser Abschnitt spart am meisten Geld. Die WHO-Empfehlungen zur Schwangerenvorsorge sind hier eindeutig [2]:

  • Mehrfach-Mikronährstoffpräparate: nicht empfohlen zur Verbesserung mütterlicher und kindlicher Ergebnisse.

  • Vitamin D: nicht empfohlen zur Verbesserung mütterlicher und kindlicher Ergebnisse. Vitamin D gehört auch nicht zum Routineprogramm der deutschen Schwangerenvorsorge [4]. Das schließt eine gezielte Bestimmung bei Risikokonstellationen nicht aus – nur die pauschale Einnahme.

  • Vitamin B6: nicht empfohlen.

  • Vitamin E und C: nicht empfohlen.

  • Hochdosiertes Eiweiß: nicht empfohlen, auch nicht in mangelernährten Bevölkerungsgruppen.

  • Vitamin A: nur dort empfohlen, wo Vitamin-A-Mangel ein ernstes Gesundheitsproblem ist – in hoher Dosis kann Vitamin A dem Kind schaden.

  • Zink: nur im Rahmen von Studien empfohlen.

  • Kalzium: nur in Bevölkerungen mit niedriger Kalziumzufuhr (1,5 bis 2,0 g täglich) zur Senkung des Präeklampsierisikos.

Was du nicht essen und trinken solltest

Neben dem, was dazukommt, zählt auch das, was wegfällt:

  • Alkohol: vollständiger Verzicht wird empfohlen [1]. Es gibt keine bekannte unbedenkliche Menge.

  • Koffein: bis 200 mg pro Tag gelten als vertretbar [1] – das entspricht etwa zwei Tassen Filterkaffee.

  • Rohe tierische Lebensmittel: rohes oder nicht durchgegartes Fleisch, roher Fisch, Rohmilch und Rohmilchkäse sowie rohe Eier – wegen Listerien, Toxoplasmen und Salmonellen.

  • Vorsicht bei vorgeschnittenen Produkten: abgepackte Salate, Aufschnitt und Räucherfisch aus der Kühltheke.

  • Gründlich waschen: Obst, Gemüse und Salat – auch wegen Toxoplasmose aus Erdresten.

Bewegung und Gewicht

Die WHO empfiehlt eine Beratung zu gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität in der Schwangerschaft – ausdrücklich auch, um eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden [2]. Die Handlungsempfehlungen behandeln Gewicht vor der Empfängnis und Gewichtsentwicklung in der Schwangerschaft als eigenes Kapitel [1].

Das ist kein Schönheitsthema, sondern ein medizinisches: Eine starke Gewichtszunahme erhöht unter anderem das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes. In der Vorsorge wird dieser zwischen 24+0 und 27+6 Schwangerschaftswochen mit einem Suchtest (50 g Glukoselösung) abgefragt; ab einem Wert von 135 mg/dl folgt ein Zuckerbelastungstest mit 75 g [4]. Mehr dazu: Schwangerschaftsdiabetes.

Wann du ärztlichen Rat einholen solltest

  • Bei starker Erschöpfung, Blässe, Luftnot oder Herzklopfen – das können Zeichen einer Blutarmut sein.

  • Bei veganer Ernährung, damit die Versorgung gezielt geplant wird.

  • Bei Schilddrüsenerkrankungen, bevor du ein jodhaltiges Präparat nimmst.

  • Bei Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder nach Magen-Darm-Operationen.

  • Wenn starke Übelkeit oder Erbrechen eine normale Ernährung unmöglich machen.

  • Bevor du zusätzlich zu einem Kombipräparat weitere Einzelpräparate einnimmst – Überdosierungen entstehen fast immer durch Kombinationen.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ein Bluttest liefert einen Messwert, der gemeinsam mit deinem Schwangerschaftsverlauf und deiner Vorgeschichte ärztlich eingeordnet werden muss.

Passend dazu

Quellen

  1. Netzwerk Gesund ins Leben. Handlungsempfehlungen – Ernährung in der Schwangerschaft, aktualisierte Fassung. Veröffentlicht über die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Empfehlungen

  2. World Health Organization. WHO recommendations on antenatal care for a positive pregnancy experience. Genf 2016, Empfehlungen A.1.1 bis A.9. Volltext

  3. De-Regil LM, Peña-Rosas JP, Fernández-Gaxiola AC, Rayco-Solon P. Effects and safety of periconceptional oral folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015;(12):CD007950. DOI 10.1002/14651858.CD007950.pub3. Volltext

  4. Gemeinsamer Bundesausschuss. Mutterschafts-Richtlinien – Richtlinien über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung. Richtlinie

  5. Netzwerk Gesund ins Leben. Folsäure: wichtig vor und während der Schwangerschaft. Meldung vom 31. Januar 2024. Meldung

Blutwerte bestimmen und ärztlich einordnen lassen

Die Schwangerenvorsorge deckt einen Teil der wichtigen Werte ab – etwa den Hämoglobinwert und den Zuckerbelastungstest. Wenn zusätzliche Werte sinnvoll sind, weil Beschwerden oder eine Vorgeschichte dafür sprechen, kannst du sie mit Fertia bestimmen und anschließend ärztlich einordnen lassen – ein Einzelwert ohne Kontext hilft dagegen selten weiter.

Medizinisch geprüfter Inhalt

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