Blutwäsche gegen Präeklampsie: Neue Pilotstudie gibt Hoffnung
Date
Category
Bei einer schweren Präeklampsie vor der 34. Schwangerschaftswoche gibt es bis heute nur einen Weg, die Erkrankung wirklich zu beenden: die Geburt. Die Leitlinie der deutschsprachigen Fachgesellschaften formuliert das unmissverständlich – die Beendigung der Schwangerschaft ist bei Gestationshypertonie, Präeklampsie und HELLP-Syndrom „die einzige kausale Therapie" [2]. Für ein Kind in der 28. oder 30. Woche bedeutet das oft wochenlange Intensivmedizin.
Eine Pilotstudie, die 2026 in Nature Medicine erschienen ist, hat deshalb einen anderen Weg geprüft: den Botenstoff, der die Erkrankung antreibt, gezielt aus dem Blut zu filtern [1]. Dieser Beitrag erklärt, was untersucht wurde, welche Zahlen tatsächlich herauskamen – und was Schwangeren mit erhöhtem Risiko heute schon zur Verfügung steht.
Was der sFlt-1-Wert kann – und was nicht
Was er kann: Bei Verdacht auf eine Präeklampsie hilft der sFlt-1/PlGF-Quotient vor allem beim Ausschließen. Ein niedriger Wert macht es sehr unwahrscheinlich, dass sich in den nächsten Tagen eine Präeklampsie entwickelt [2, 3].
Was er nicht kann: Er ist kein Test für alle Schwangeren. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, ihn nicht als allgemeines Screening einzusetzen – dafür ist die Erkrankung zu selten und die Vorhersagekraft zu gering [2].
Was er nicht ist: eine Behandlung. Den Wert zu kennen, verändert die Erkrankung nicht. Genau hier setzt die neue Studie an – experimentell.
Wichtig: Über die Behandlung entscheiden immer die klinischen Befunde – Blutdruck, Symptome, Laborwerte und das Befinden des Kindes –, nicht ein einzelner Laborwert [2].
Warum die frühe Präeklampsie so schwierig ist
Präeklampsie ist eine schwangerschaftsspezifische Erkrankung, bei der Bluthochdruck zusammen mit einer Beteiligung anderer Organe auftritt – zum Beispiel der Nieren, der Leber oder des Gehirns. Nach dem Zeitpunkt des Auftretens unterscheidet die Leitlinie zwischen einer early-onset-Präeklampsie vor 34+0 Schwangerschaftswochen und einer late-onset-Präeklampsie ab 34+0 [2].
Diese Unterscheidung ist keine Formalie. Die frühe Form gilt als prognostisch ungünstiger – sowohl was das Wiederholungsrisiko in einer weiteren Schwangerschaft angeht als auch die spätere Herz-Kreislauf-Gesundheit der Frau. Beide Formen haben teils unterschiedliche Risikofaktoren und unterschiedliche Entstehungsmechanismen [2].
Das eigentliche Dilemma ist zeitlicher Natur: Je früher die Erkrankung auftritt, desto größer der Konflikt zwischen dem Schutz der Mutter, für die eine Entbindung die Erkrankung beendet, und dem Schutz des Kindes, das jede zusätzliche Woche im Mutterleib gut gebrauchen kann.
sFlt-1: der Botenstoff, der die Gefäße unter Druck setzt
sFlt-1 (ausgeschrieben: soluble Fms-like Tyrosine Kinase 1) ist ein Eiweiß, das die Plazenta ins Blut abgibt. Es wirkt wie ein Fänger: Es bindet Wachstumsfaktoren, die die Innenwand der Blutgefäße gesund halten – darunter PlGF (placental growth factor). Sind diese Faktoren abgefangen, funktionieren die Gefäße schlechter, der Blutdruck steigt, Eiweiß geht über die Niere verloren.
Weil bei einer Präeklampsie viel sFlt-1 und wenig PlGF im Blut zirkuliert, lässt sich das Verhältnis der beiden messen. Der sFlt-1/PlGF-Quotient hat in der internationalen PROGNOSIS-Studie vor allem beim Ausschluss überzeugt: Ein niedriger Wert schließt eine Präeklampsie in der kommenden Woche mit hoher Sicherheit aus [3]. In der deutschsprachigen Leitlinie ist er deshalb als Untersuchung bei hohem Risiko vorgesehen – nicht als Reihenuntersuchung [2].
Was die Pilotstudie untersucht hat
Ein Team um Ravi Thadhani hat geprüft, ob sich sFlt-1 gezielt aus dem Blut entfernen lässt. Das Verfahren heißt Apherese und funktioniert ähnlich wie eine Dialyse: Das Blut wird über eine Filterkartusche geleitet, in der Antikörper sitzen, die genau dieses eine Eiweiß binden. Der Rest fließt zurück [1].
An der Studie nahmen 16 Schwangere mit schwerer, sehr früher Präeklampsie teil, aufgeteilt in zwei Gruppen:
Phase A (7 Frauen): eine einzelne Behandlung mit ansteigender Dosierung, um die Verträglichkeit zu prüfen.
Phase B (9 Frauen): mehrfache Behandlungen, im Median ab der 30. Schwangerschaftswoche.
Das Wort „Pilot" ist hier wörtlich zu nehmen. Eine Pilotstudie fragt nicht, ob eine Behandlung wirkt. Sie fragt, ob sie überhaupt durchführbar und ausreichend sicher ist, um sie danach in einer größeren, kontrollierten Studie zu prüfen.
Die Ergebnisse – und was sie nicht zeigen
sFlt-1 sank pro Behandlung um durchschnittlich rund 16,7 % [1].
Der mittlere arterielle Blutdruck fiel im Mittel um 4,1 mmHg. Die Höhe des Blutdruckabfalls hing eng mit der Höhe der sFlt-1-Senkung zusammen [1].
Die Schwangerschaften dauerten nach der Behandlung im Median noch 10 Tage [1].
Diese 10 Tage sind die Zahl, die in Berichten am häufigsten zitiert wird – und die am vorsichtigsten zu lesen ist. Es gab in dieser Studie keine Kontrollgruppe, die per Zufall einer Behandlung oder Nichtbehandlung zugeteilt wurde. Ohne einen solchen Vergleich lässt sich nicht sagen, wie lange dieselben Schwangerschaften ohne Apherese gedauert hätten. Die Autorinnen und Autoren ziehen aus ihren Daten deshalb ausdrücklich nur den Schluss, dass das Verfahren sicher und verträglich erschien, und halten größere kontrollierte Studien für erforderlich [1].
Wie sicher war das Verfahren?
Bei einem neuen Verfahren in der Schwangerschaft ist Sicherheit die erste Frage, nicht die zweite. Berichtet wurden leichte Nebenwirkungen: ein vorübergehender Kalziummangel im Blut, eine Einblutung an der Einstichstelle sowie vorzeitige, nicht geburtswirksame Wehen. Schwere Komplikationen traten nicht auf [1].
Bei 16 Teilnehmerinnen lässt sich daraus keine belastbare Aussage über seltene Risiken ableiten. Für eine Pilotstudie ist das trotzdem das Ergebnis, auf das es ankommt: Es gab keinen Grund, die Untersuchung abzubrechen.
Was heute schon möglich ist
Anders als bei der Behandlung ist bei der Vorbeugung die Studienlage klar. Für Frauen mit erhöhtem Risiko empfiehlt die Leitlinie niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS, 100–150 mg pro Tag, bevorzugt abends), begonnen spätestens vor 16+0 Schwangerschaftswochen [2]. In der ASPRE-Studie trat eine frühe Präeklampsie unter ASS bei 1,6 % der Teilnehmerinnen auf gegenüber 4,3 % unter Placebo [4].
Ob dieses Risiko bei dir erhöht ist, ergibt sich aus der Vorgeschichte und aus einem Risiko-Screening im ersten Schwangerschaftsdrittel. Wichtig ist der frühe Start: Nach der 16. Woche begonnen, verliert ASS seine vorbeugende Wirkung weitgehend [2].
Was du daraus mitnehmen kannst
Die sFlt-1-Apherese ist ein Forschungsansatz, keine verfügbare Behandlung. Sie ist der erste Hinweis darauf, dass sich der Mechanismus hinter der Präeklampsie überhaupt gezielt beeinflussen lässt – und das ist nach Jahrzehnten ohne ursächliche Therapie bemerkenswert. Ob daraus eine Behandlung wird, entscheiden größere kontrollierte Studien, nicht diese 16 Frauen.
Praktisch relevant ist heute etwas anderes: das Risiko früh einschätzen zu lassen, bei erhöhtem Risiko rechtzeitig mit ASS zu beginnen und Warnzeichen zu kennen – anhaltende Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schmerzen im rechten Oberbauch, plötzliche Schwellungen. Bei solchen Beschwerden gehört die Beurteilung in ärztliche Hände, nicht in ein Wartezimmer am nächsten Tag.
Passend dazu
Ein Bluttest, der spät in der Schwangerschaft ansetzt: 30 Prozent weniger Präeklampsie durch einen Bluttest in der 36. Woche
Welche Werte in der Schwangerschaft kontrolliert werden: Hormon- und Blutwerte in der Schwangerschaft
Wenn Bluthochdruck und Zuckerstoffwechsel zusammenkommen: Schwangerschaftsdiabetes: Ursachen und Test
Fragen zur eigenen Schwangerschaft besprechen: ärztliche Online-Sprechstunde
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Bei Warnzeichen in der Schwangerschaft wende dich bitte umgehend an deine gynäkologische Praxis oder eine Klinik.
Quellen
Thadhani R, Hiemstra TF, Vatish M et al. Targeted removal of soluble Fms-like tyrosine kinase 1 in very preterm preeclampsia: a pilot trial. Nature Medicine 2026. DOI 10.1038/s41591-026-04333-6, PMID 42045577. Alle Zahlenangaben (Phase A n = 7, Phase B n = 9, Median 30,3 SSW, –16,7 % sFlt-1, –4,1 mmHg, 10 Tage) stammen aus der Originalpublikation. Zur Studie
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), OEGGG, SGGG. Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/018, Version 7.0, Stand Juli 2024, gültig bis 16.07.2029. Belegt: Entbindung als einzige kausale Therapie, Definition early-onset vor 34+0 SSW, kein generelles sFlt-1/PlGF-Screening, ASS-Empfehlung 100–150 mg vor 16+0 SSW. Zur Leitlinie
Zeisler H, Llurba E, Chantraine F et al. Predictive Value of the sFlt-1:PlGF Ratio in Women with Suspected Preeclampsia. New England Journal of Medicine 2016;374(1):13–22. DOI 10.1056/NEJMoa1414838 (PROGNOSIS-Studie). Zur Studie
Rolnik DL, Wright D, Poon LC et al. Aspirin versus Placebo in Pregnancies at High Risk for Preterm Preeclampsia. New England Journal of Medicine 2017;377(7):613–622. DOI 10.1056/NEJMoa1704559 (ASPRE-Studie; 1,6 % vs. 4,3 %). Zur Studie
Schwangerschaftsfragen ärztlich einordnen lassen
Für die sFlt-1-Apherese gibt es bislang keine Anwendung außerhalb von Studien. Wenn du Fragen zu deinem Präeklampsie-Risiko oder zu Werten aus deiner Schwangerschaft hast, kannst du sie in der ärztlichen Online-Sprechstunde von Fertia besprechen.




