Wichtige Hormon- und Blutwerte in der Schwangerschaft
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In der Schwangerschaft gehören Blutuntersuchungen zur Routine – aber welche eigentlich, wann und warum? Der Mutterpass ist voller Abkürzungen, und beim Termin bleibt selten Zeit, sie in Ruhe zu erklären.
Dieser Überblick geht die wichtigsten Werte durch: was in Deutschland verbindlich zur Vorsorge gehört, in welcher Schwangerschaftswoche es ansteht, was die Werte aussagen – und was ausdrücklich keine Regelleistung ist. Zwei häufige Angaben aus älteren Ratgebern korrigieren wir dabei ausdrücklich. Fachbegriffe erklären wir jeweils in einfachen Worten; alle Aussagen sind am Ende mit Quellen belegt.
Was die Blutwerte in der Schwangerschaft zeigen – und was nicht
Was sie zeigen: ob eine Blutarmut vorliegt, welche Blutgruppe du hast, ob Antikörper gegen kindliche Blutmerkmale entstanden sind, ob bestimmte Infektionen bestehen und ob sich ein Schwangerschaftsdiabetes entwickelt [1].
Was sie nicht zeigen: wie es dem Kind geht. Dafür sind Ultraschall und die Untersuchung beim Termin zuständig. Ein einzelner Hormonwert – auch das Schwangerschaftshormon hCG – sagt für sich genommen wenig aus [6].
Was gar nicht dazugehört: Progesteron und Östradiol werden in der Schwangerenvorsorge routinemäßig nicht bestimmt – sie kommen weder in der deutschen noch in der britischen Vorsorgeregelung vor [1].
Wofür die Untersuchungen wichtig sind: Sie erkennen Situationen, in denen rechtzeitiges Handeln etwas ändert – etwa die Anti-D-Prophylaxe oder die Behandlung eines Schwangerschaftsdiabetes [1].
Wichtig: Alle Werte gehören in den Zusammenhang deiner Schwangerschaft. Was ein Befund für dich bedeutet, lässt sich nur ärztlich einordnen.
Was in Deutschland verbindlich dazugehört
Die Schwangerenvorsorge in Deutschland ist in der Mutterschafts-Richtlinie geregelt – einer verbindlichen Vorgabe des Gemeinsamen Bundesausschusses. Sie legt fest, was Kassenleistung ist [1]. Die Schwangerschaftswochen werden dabei durchgängig ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung gezählt.
Bei der Erstuntersuchung
Blutgruppe und Rhesusfaktor D – bestimmt mit mindestens zwei verschiedenen Testreagenzien [1].
Antikörper-Suchtest – er prüft, ob dein Immunsystem Antikörper gegen Blutmerkmale gebildet hat, die das Kind vom Vater geerbt haben könnte. Getestet wird gegen die Merkmale D, C, c, E, e, Kell, Fy und S [1].
Lues-Suchreaktion – ein Test auf Syphilis. Im Mutterpass wird nur vermerkt, dass er durchgeführt wurde, nicht das Ergebnis [1].
HIV-Test – er soll jeder Schwangeren angeboten werden, ist aber freiwillig und braucht deine Einwilligung. Auch hier steht im Mutterpass nur die Durchführung [1].
HBsAg – ein Test auf Hepatitis B.
Hämoglobin (Hb) – der rote Blutfarbstoff. Liegt er unter 11,2 g pro 100 ml, werden zusätzlich die roten Blutkörperchen gezählt [1].
Chlamydien – aus einer Urinprobe mit einem Verfahren, das Erbmaterial vervielfältigt. Schnelltests sind dafür ausdrücklich nicht geeignet [1].
Röteln – ein Antikörpertest ist nur nötig, wenn keine Immunität belegt ist. Zwei dokumentierte Impfungen gelten als Nachweis; dann wird kein Titer bestimmt [1].
Korrektur zu einer häufigen Angabe: In vielen Ratgebern steht noch, der Hepatitis-B-Test erfolge „nach der 32. Schwangerschaftswoche“. Das galt bis 2023. Seit der Änderung der Mutterschafts-Richtlinie wird HBsAg zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zusammen mit den übrigen serologischen Untersuchungen bestimmt [1] – damit eine Behandlung noch in der Schwangerschaft beginnen kann.
Im Verlauf
Bei den regelmäßigen Terminen – in der Regel alle vier Wochen, in den letzten zwei Monaten alle zwei Wochen – werden Blutdruck, Gewicht und Urin kontrolliert. Der Hb-Wert wird im Regelfall ab dem sechsten Monat erneut bestimmt, wenn er anfangs normal war [1].
Der zweite Antikörper-Suchtest steht bei allen Schwangeren an – rhesus-positiven wie rhesus-negativen – und zwar zwischen 23+0 und 26+6 Schwangerschaftswochen [1]. Auch hier kursiert häufig die ungenaue Angabe „Woche 24 bis 27“.
Blutgruppe, Rhesusfaktor und die Anti-D-Prophylaxe
Ist eine Schwangere rhesus-negativ und das Kind rhesus-positiv, kann ihr Immunsystem Antikörper gegen die kindlichen roten Blutkörperchen bilden. Für diese Schwangerschaft ist das meist folgenlos, für eine spätere kann es gefährlich werden. Vorbeugend wird deshalb Anti-D-Immunglobulin gespritzt.
Der Ablauf ist genau geregelt: Sind im Antikörper-Suchtest keine Anti-D-Antikörper nachweisbar, soll zwischen 27+0 und 29+6 Schwangerschaftswochen eine Standarddosis von etwa 300 Mikrogramm gegeben werden. Nach der Geburt eines rhesus-positiven Kindes folgt innerhalb von 72 Stunden eine weitere Dosis; dieselbe Frist gilt nach einer Fehlgeburt oder einem Abbruch [1].
Neu und vielen unbekannt: Rhesus-negativen Frauen mit einer Einlingsschwangerschaft soll angeboten werden, den Rhesusfaktor des Kindes vorab aus dem mütterlichen Blut zu bestimmen – frühestens ab 11+0 Schwangerschaftswochen. Ist das Kind rhesus-negativ, ist die Prophylaxe nicht nötig [1]. Diese Untersuchung ist seit November 2020 in der Mutterschafts-Richtlinie verankert.
Hämoglobin und Eisen
Der Hb-Wert sinkt in der Schwangerschaft physiologisch ab. Eine große internationale Untersuchung an rund 3.500 gesunden Schwangeren zeigt den Verlauf: Der mittlere Wert liegt in der 14. Woche am höchsten, erreicht zwischen der 31. und 32. Woche seinen Tiefpunkt und steigt bis zum Termin wieder an [4].
Die Weltgesundheitsorganisation hat 2024 neue Grenzwerte für eine Blutarmut (Anämie) veröffentlicht, die sich nach dem Schwangerschaftsdrittel richten: unter 11,0 g/dl im ersten Drittel, unter 10,5 g/dl im zweiten und wieder unter 11,0 g/dl im dritten [4]. Wichtig zur Einordnung: Der in der deutschen Richtlinie genannte Wert von 11,2 g/dl ist kein Anämie-Grenzwert, sondern nur der Auslöser für eine zusätzliche Zellzählung [1].
Beim Ferritin – dem Speichereiweiß für Eisen – ist die Datenlage dünner, als oft dargestellt. Die Weltgesundheitsorganisation nennt für Schwangere einen Wert unter 15 Mikrogramm pro Liter, und zwar ausdrücklich nur für das erste Schwangerschaftsdrittel; für das zweite und dritte Drittel gibt sie keinen Grenzwert an [5]. Der häufig genannte Wert von 30 ist nicht durch diese Leitlinie gedeckt. Zudem steigt Ferritin bei Entzündungen an und kann einen Mangel dann verschleiern [5].
Der Test auf Schwangerschaftsdiabetes
Das Screening ist zweistufig und Kassenleistung [1]:
Suchtest zwischen 24+0 und 27+6 Wochen: Du trinkst eine Lösung mit 50 g Zucker – unabhängig davon, wann du zuletzt gegessen hast – und der Blutzucker wird nach einer Stunde gemessen. Auffällig ist ein Wert ab 135 mg/dl [1].
Bestätigungstest: Bei einem auffälligen Ergebnis folgt zeitnah ein Zuckerbelastungstest mit 75 g nach mindestens acht Stunden ohne Essen. Ein Schwangerschaftsdiabetes liegt vor, wenn einer dieser Werte erreicht wird: nüchtern 92 mg/dl, nach einer Stunde 180 mg/dl, nach zwei Stunden 153 mg/dl [1].
Gemessen wird ausschließlich aus venösem Blutplasma mit qualitätsgesicherter Methodik; Blutzuckergeräte zur Selbstmessung sind dafür ausdrücklich ausgeschlossen [1].
Ehrlich dazugesagt: Die Fachgesellschaften halten den vorgeschalteten 50-g-Suchtest für wenig geeignet und bevorzugen den direkten Belastungstest – dieser ist aber für Kassenversicherte in dieser Form nicht abrechenbar [2]. Mehr dazu im Beitrag Schwangerschaftsdiabetes.
hCG: der Verlauf zählt, nicht der einzelne Wert
Das humane Choriongonadotropin (hCG) wird vom Mutterkuchen gebildet und bestätigt die Schwangerschaft. Die bekannte Faustregel, der Wert verdopple sich alle 48 Stunden, ist so allerdings nicht haltbar.
Eine Untersuchung an 287 Frauen mit einer später bestätigten intakten Schwangerschaft fand als mittleren Anstieg 124 % in zwei Tagen – also etwa eine Verdopplung. Der langsamste noch mit einer intakten Schwangerschaft vereinbare Anstieg lag jedoch bei nur 53 % in zwei Tagen [6]. Eine spätere Auswertung zeigte zusätzlich, dass der Mindestanstieg vom Ausgangswert abhängt: Je höher der Startwert, desto langsamer darf der Anstieg ausfallen [6].
Diese Zahlen stammen aus Untersuchungen an Frauen mit Beschwerden und noch nicht eindeutigem Ultraschall – sie sind keine Normwerte für beschwerdefreie Schwangere. Praktisch heißt das: Ein einzelner hCG-Wert erlaubt keine Aussage. Beurteilt wird immer der Verlauf über mindestens zwei Messungen, und auch dann nur gemeinsam mit dem Ultraschall.
Schilddrüse: kein Test für alle
Hier wird besonders häufig Falsches berichtet. Die Schilddrüse ist in der Schwangerschaft stark gefordert, und der Steuerungswert TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) ist der empfindlichste Suchtest für ihre Funktion. Aber: In der deutschen Mutterschafts-Richtlinie kommen die Begriffe „TSH“ und „Schilddrüse“ überhaupt nicht vor [1] – ein TSH-Screening aller Schwangeren ist keine Regelleistung.
Auch die amerikanische Schilddrüsen-Fachgesellschaft spricht keine Empfehlung für ein allgemeines Screening aus: Die Evidenz reiche weder dafür noch dagegen [3]. Empfohlen wird stattdessen zweierlei: alle Schwangeren beim ersten Termin nach Schilddrüsenvorgeschichte und Medikamenten zu fragen, und den TSH-Wert risikobasiert zu bestimmen – etwa bei bekannten Schilddrüsenantikörpern oder Struma, Typ-1-Diabetes oder anderen Autoimmunerkrankungen, Fehlgeburten, Frühgeburten oder unerfülltem Kinderwunsch in der Vorgeschichte, Familienanamnese oder bestimmten Medikamenten [3].
Zur Beurteilung sollen vorrangig Referenzbereiche des eigenen Labors für Schwangere herangezogen werden. Nur wenn solche nicht verfügbar sind, kann ersatzweise ein oberer Grenzwert von etwa 4,0 mU/l verwendet werden [3]. Der oft genannte Wert von 2,5 mU/l als generelle Obergrenze steht so nicht in dieser Leitlinie. Mehr dazu im Beitrag Schilddrüse in der Schwangerschaft.
Thrombozyten und Präeklampsie
Die Blutplättchen (Thrombozyten) werden im Blick behalten, weil ein Abfall auf eine Präeklampsie oder das HELLP-Syndrom hinweisen kann. Die deutsche Leitlinie nennt als typische Veränderung Werte unter 100 Gpt/l – warnt aber ausdrücklich, dass auch ein fortschreitender Abfall innerhalb des Normbereichs innerhalb weniger Stunden kontrolliert werden muss [7].
Zu den Bluttests sFlt-1 und PlGF, die bei Verdacht auf Präeklampsie eingesetzt werden, ist die Leitlinie klar: Ein Screening aller Schwangeren soll wegen der geringen Häufigkeit und der geringen Vorhersagekraft nicht erfolgen. Bei hohem Risiko können die Werte bestimmt werden – unterstützend und ergänzend zur klinischen Untersuchung, nicht als eigenständiger Diagnosetest [7].
Was keine Regelleistung ist
Nicht in der Mutterschafts-Richtlinie enthalten und damit typischerweise Selbstzahlerleistungen sind unter anderem [1]:
Ein Toxoplasmose-Test bei Beschwerdefreien – vorgesehen ist er nur bei begründetem Verdacht.
Untersuchungen auf Zytomegalie und B-Streptokokken.
Vitamin D, Ferritin, TSH sowie Progesteron und Östradiol als Routinebestimmung.
Der direkte 75-g-Belastungstest ohne vorherigen Suchtest – medizinisch zulässig und von Fachgesellschaften bevorzugt, aber nicht abrechenbar [2].
Das heißt nicht, dass solche Untersuchungen nie sinnvoll sind – sondern dass sie eine individuelle Begründung brauchen.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Wenn du einen Befund im Mutterpass nicht einordnen kannst.
Wenn dir eine Zusatzuntersuchung angeboten wird und du wissen möchtest, was sie in deiner Situation bringt.
Wenn du rhesus-negativ bist und die Anti-D-Prophylaxe planen willst.
Wenn bei dir Risikofaktoren für eine Schilddrüsenstörung vorliegen [3].
Bei Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerzen oder plötzlichen Schwellungen – das sind Warnzeichen, die sofort abgeklärt gehören.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er beschreibt die Regelversorgung in Deutschland; im Einzelfall kann davon begründet abgewichen werden.
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Quellen
Gemeinsamer Bundesausschuss. Richtlinie über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Geburt (Mutterschafts-Richtlinie). Fassung vom 28. September 2023, in Kraft seit 19. Dezember 2023. PDF
DDG, DGGG. Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – Diagnostik, Therapie und Nachsorge. S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 057-008, 2. Auflage, Stand 2018. Gültigkeit abgelaufen, Leitlinie in Überarbeitung – die Grenzwerte sind über die Mutterschafts-Richtlinie [1] verbindlich geregelt. PDF
Alexander EK, Pearce EN, Brent GA et al. 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum. Thyroid 2017;27(3):315–389. DOI 10.1089/thy.2016.0457.
World Health Organization. Guideline on haemoglobin cutoffs to define anaemia in individuals and populations. Genf 2024. Zur Leitlinie
World Health Organization. WHO guideline on use of ferritin concentrations to assess iron status in individuals and populations. Genf 2020. Zur Leitlinie
Barnhart KT, Sammel MD, Rinaudo PF, Zhou L, Hummel AC, Guo W. Symptomatic patients with an early viable intrauterine pregnancy: HCG curves redefined. Obstetrics & Gynecology 2004;104(1):50–55. DOI 10.1097/01.AOG.0000128174.48843.12. Ergänzend: Barnhart KT, Guo W, Cary MS et al. Differences in Serum hCG Rise in Early Pregnancy by Race and Value at Presentation. Obstetrics & Gynecology 2016;128(3):504–511.
DGGG, OEGGG, SGGG. Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/018, Version 7.0, Stand Juli 2024, gültig bis 16.07.2029. PDF
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