30 % weniger Präeklampsie: Was der Risikotest in der 36. Woche kann
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Ende 2025 veröffentlichte das Fachjournal The Lancet die Ergebnisse des PREVENT-PE-Trials – der ersten randomisierten Studie, die zeigt, dass sich Präeklampsie am Geburtstermin durch gezieltes Screening und eine geplante Geburt am frühen Termin verringern lässt [1]. Für ein Feld, in dem seit Jahrzehnten nach einer wirksamen Vorbeugung gesucht wird, ist das eine bemerkenswerte Nachricht.
Wir ordnen hier ein, was genau untersucht wurde, wie groß der Effekt ist – und was daraus für die Versorgung in Deutschland noch nicht folgt. Fachbegriffe erklären wir beim ersten Vorkommen; alle Angaben sind unten mit Quellen belegt.
Was das Screening in der 36. Woche zeigt – und was nicht
Was es zeigt: eine Risikoeinschätzung, keine Diagnose. Der verwendete Risikorechner kombiniert mütterliche Merkmale, Blutdruck und Eiweißmarker im Blut und erkannte in einer Untersuchung bei einer Falsch-positiv-Rate von 10 Prozent rund 79 Prozent der späteren Präeklampsien [4].
Was es nicht zeigt: ob du persönlich erkranken wirst. Auch bei hohem Risikowert erkrankt die Mehrheit nicht – und ein niedriger Wert schließt eine Erkrankung nicht aus.
Was aus der Studie folgt: dass ein risikogestütztes Vorgehen die Präeklampsie am Termin senken kann – von 5,6 auf 3,9 Prozent, ohne erkennbare Zunahme schwerer unerwünschter Ereignisse [1].
Was daraus noch nicht folgt: ein neues Standardvorgehen. Der Test war Teil eines Studienprotokolls mit vorgesehener Geburtseinleitung; in der deutschen Regelversorgung ist er nicht vorgesehen.
Wichtig: Ob ein solches Screening für dich infrage kommt, lässt sich nur ärztlich einordnen – im Rahmen deiner geburtshilflichen Betreuung.
Was Präeklampsie ist – und warum sie ein Problem bleibt
Die Präeklampsie ist eine Schwangerschaftserkrankung, bei der Bluthochdruck zusammen mit einer Beteiligung weiterer Organe auftritt. Fachlich beschrieben wird sie als Erkrankung mit unterschiedlich stark gestörter Durchblutung des Mutterkuchens, wodurch Botenstoffe ins mütterliche Blut gelangen, die die Innenauskleidung der Blutgefäße schädigen – daraus entstehen Bluthochdruck und Schäden an mehreren Organsystemen. Sie ist eine wesentliche Ursache mütterlicher und kindlicher Sterblichkeit und Erkrankungslast, besonders in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Und: Ist sie erst einmal da, gibt es außer der Geburt keine heilende Behandlung [3].
Wie häufig sie ist, hat eine systematische Auswertung für die Weltgesundheitsorganisation mit Daten von fast 39 Millionen Frauen aus 40 Ländern geschätzt: rund 4,6 Prozent aller Geburten (Unsicherheitsbereich 2,7–8,2 Prozent), mit großen regionalen Unterschieden [2].
Die Lücke: Präeklampsie am Termin
Für die frühe Präeklampsie – also vor der 37. Schwangerschaftswoche – gibt es seit einigen Jahren eine wirksame Vorbeugung. Die ASPRE-Studie zeigte 2017, dass niedrig dosiertes Aspirin (150 mg täglich ab der 11. bis 14. Woche) bei Frauen mit hohem Risiko die frühe Präeklampsie deutlich senkt: 1,6 Prozent gegenüber 4,3 Prozent unter Scheinmedikament [5].
Für die Präeklampsie am Termin fehlte eine solche Strategie bislang – und genau diese Fälle machen den größeren Teil aus. Hier setzt PREVENT-PE an.
Der PREVENT-PE-Trial: was untersucht wurde
Die Studie mit dem vollständigen Titel „Scheduled birth at term for the prevention of pre-eclampsia“ wurde von einer Gruppe um Forschende des King’s College London durchgeführt und randomisierte 8.094 Schwangere [1]:
In der Interventionsgruppe wurde in der 36. Schwangerschaftswoche das Präeklampsie-Risiko bestimmt. Bei hohem Risiko wurde eine geplante Geburt am frühen Termin angeboten.
In der Kontrollgruppe lief die Betreuung wie üblich weiter.
Die Studie war offen (open-label) – Beteiligte wussten also, in welcher Gruppe sie waren. Bei einer Intervention wie einer Geburtseinleitung ist das kaum anders möglich, es bleibt aber eine methodische Einschränkung.
Wie der Risikotest funktioniert
Zum Einsatz kommt ein sogenanntes Konkurrierende-Risiken-Modell der Fetal Medicine Foundation. Es verbindet drei Bausteine: mütterliche Merkmale (Alter, Gewicht, Vorerkrankungen, frühere Schwangerschaften), den mittleren arteriellen Blutdruck und Eiweißmarker im Blut – vor allem PlGF (plazentarer Wachstumsfaktor) und sFlt-1 (ein Gegenspieler davon). Beide sagen etwas darüber aus, wie gut Mutterkuchen und Gefäße arbeiten.
Wie gut das funktioniert, wurde vorab untersucht: In einer Auswertung im Rahmen der STATIN-Studie erkannte dieser „Dreifachtest“ bei einer Untersuchung in der 35. bis 37. Woche rund 79 Prozent der später auftretenden Präeklampsien – bei einer Falsch-positiv-Rate von 10 Prozent [4]. Das ist ein guter Wert für einen Risikotest, bedeutet aber auch: Etwa jede fünfte Erkrankung wird nicht vorhergesagt, und ein Teil der als „hohes Risiko“ eingestuften Frauen erkrankt nicht.
Die Ergebnisse
Eine Präeklampsie trat auf bei 158 von 4.037 Geburten in der Interventionsgruppe (3,9 Prozent) und bei 226 von 4.057 in der Kontrollgruppe (5,6 Prozent). Das entspricht einem angepassten relativen Risiko von 0,70 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,58 bis 0,86) – also einer Verringerung um rund 30 Prozent. Bei schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied zwischen den Gruppen [1].
Kurz eingeordnet: Das Konfidenzintervall gibt den Bereich an, in dem der wahre Effekt mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Da er hier vollständig unter 1 liegt, ist der Effekt statistisch belastbar.
Was die Studie noch nicht bedeutet
Drei Einordnungen sind wichtig, damit aus einer guten Studie keine überzogene Erwartung wird:
Die Intervention ist nicht der Test, sondern die Geburt. Gemessen wurde ein Gesamtpaket aus Risikobestimmung und geplanter früher Terminentbindung. Ein Test allein, ohne dieses Vorgehen, hat keinen belegten Effekt.
Ein Teil des Effekts ist definitionsbedingt. Wer früher entbindet, verkürzt das Zeitfenster, in dem eine Präeklampsie am Termin überhaupt noch auftreten kann. Wie viel des Nutzens darüber hinausgeht, wird die Fachdiskussion beschäftigen.
Keine deutsche Regelung sieht das vor. Die Mutterschafts-Richtlinie, die festlegt, welche Untersuchungen die gesetzlichen Kassen in der Schwangerschaft übernehmen, kennt ein solches Screening nicht. Ob und wann sich das ändert, ist offen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Für die frühe Präeklampsie gibt es mit Aspirin eine etablierte Vorbeugung bei erhöhtem Risiko [5]. Für die Präeklampsie am Termin gibt es nun erstmals einen randomisierten Wirksamkeitsnachweis für ein risikogestütztes Vorgehen [1]. Das ist ein echter Fortschritt – und zugleich eine Studie, aus der noch keine Versorgungsroutine geworden ist.
Was in jedem Fall gilt: Anzeichen wie neu auftretende starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerzen, plötzliche Wassereinlagerungen oder ein deutlich erhöhter Blutdruck gehören unverzüglich ärztlich abgeklärt – unabhängig von jedem Risikowert.
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Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er berichtet über eine Forschungsarbeit, nicht über eine geänderte Behandlungsempfehlung.
Quellen
Goadsby J, Syngelaki A, Magee LA, von Dadelszen P, Akolekar R, Webster S, Wright A, Wright D, Nicolaides KH. Scheduled birth at term for the prevention of pre-eclampsia (PREVENT-PE): an open-label randomised controlled trial. The Lancet 2026;407(10523):67–77. DOI 10.1016/S0140-6736(25)01207-3. Online veröffentlicht im Dezember 2025. Zur Publikation
Abalos E, Cuesta C, Grosso AL, Chou D, Say L. Global and regional estimates of preeclampsia and eclampsia: a systematic review. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology 2013;170(1):1–7. DOI 10.1016/j.ejogrb.2013.05.005. Zur Publikation
Chappell LC, Cluver CA, Kingdom J, Tong S. Pre-eclampsia. The Lancet 2021;398(10297):341–354. DOI 10.1016/S0140-6736(20)32335-7. Zur Übersichtsarbeit
Döbert M, Wright A, Varouxaki AN et al. STATIN trial: predictive performance of competing-risks model in screening for pre-eclampsia at 35–37 weeks’ gestation. Ultrasound in Obstetrics & Gynecology 2022;59(1):69–75. DOI 10.1002/uog.24789. Zur Publikation
Rolnik DL, Wright D, Poon LC et al. Aspirin versus placebo in pregnancies at high risk for preterm preeclampsia (ASPRE). New England Journal of Medicine 2017;377(7):613–622. DOI 10.1056/NEJMoa1704559. Zur Publikation
Befunde ärztlich einordnen lassen
Ein Präeklampsie-Screening am Termin gehört in die Hände deiner geburtshilflichen Betreuung. Offene Fragen zu deinen Befunden kannst du zusätzlich ärztlich einordnen lassen.




