Schwangerschaftsdiabetes: Ursachen, Test und was danach wichtig wird

Schwangerschaftsdiabetes: Ursachen, Test und was du tun kannst
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Schwangerschaftsdiabetes ist häufiger, als viele denken: In der deutschen Perinatalstatistik wurde er zuletzt bei 9,6 Prozent aller Schwangerschaften dokumentiert, Tendenz steigend [1]. Fast jede zehnte Schwangere ist also betroffen – und die allermeisten erleben trotzdem eine normale Schwangerschaft.

Dieser Beitrag erklärt, wie ein Gestationsdiabetes entsteht, wie der Zuckertest in Deutschland genau abläuft, was die Grenzwerte bedeuten und warum die Zeit nach der Geburt medizinisch mindestens so wichtig ist wie die Zeit davor. Fachbegriffe und Abkürzungen erklären wir beim ersten Vorkommen.

Was der Zuckertest in der Schwangerschaft zeigt – und was nicht

  • Was er zeigt: wie dein Körper auf eine festgelegte Zuckermenge reagiert. Erhöhte Werte bedeuten Gestationsdiabetes, definiert über einen 75-g-Zuckerbelastungstest unter standardisierten Bedingungen aus venösem Plasma [1].

  • Was er nicht zeigt: ob deinem Kind etwas fehlt. Der Zusammenhang zwischen Blutzucker und Geburtsgewicht ist kontinuierlich – es gibt keine Schwelle, ab der plötzlich „etwas kaputt“ ist [2].

  • Was er nicht ersetzt: die Blutzucker-Selbstmessung danach. Der Test stellt die Diagnose, die Steuerung übernimmt die Selbstkontrolle; der Langzeitwert HbA1c hat dafür „keine Bedeutung“ [1].

  • Wofür er trotzdem wichtig ist: weil Behandlung nachweislich wirkt. In randomisierten Studien senkte die Behandlung eines Gestationsdiabetes schwere kindliche Komplikationen beziehungsweise übermäßiges Wachstum, Schulterdystokie, Kaiserschnitte und Bluthochdruckerkrankungen [3][4].

  • Wichtig: Ein einzelner Wert ist keine Diagnose. Die Einordnung und die weitere Betreuung gehören in ärztliche Hände.

Was Schwangerschaftsdiabetes eigentlich ist

Der Gestationsdiabetes (GDM) ist definiert als eine Glukosetoleranzstörung, die erstmals in der Schwangerschaft mit einem 75-g-oralen Glukosetoleranztest (oGTT) unter standardisierten Bedingungen und qualitätsgesicherter Messung aus venösem Plasma festgestellt wird [1]. „Glukosetoleranz“ meint dabei die Fähigkeit des Körpers, eine Zuckerbelastung wegzuarbeiten.

Der Mechanismus dahinter ist gut verstanden. Schwangerschaftshormone sorgen dafür, dass die Körperzellen schlechter auf Insulin ansprechen – eine Insulinresistenz. Normalerweise gleicht die Bauchspeicheldrüse das aus, indem sie mehr Insulin bildet. Gelingt das nicht, steigt der Blutzucker. Fachlich wird der GDM heute als Variante eines Prä-Typ-2-Diabetes beschrieben: als chronische Funktionsstörung mit zunehmender Insulinresistenz und nachlassender Kompensation der insulinbildenden Zellen [1].

Wichtig ist die Abgrenzung: Ein Diabetes, der schon vorher bestand und erst in der Schwangerschaft auffällt, zählt nicht als Gestationsdiabetes, sondern wird als „Diabetes diagnostiziert in der Schwangerschaft“ geführt [1].

Wer häufiger betroffen ist

Zu den bekannten Risikofaktoren gehören ein höheres Körpergewicht vor der Schwangerschaft, ein Gestationsdiabetes in einer früheren Schwangerschaft, Diabetes in der Familie, höheres Alter und hormonelle Vorerkrankungen wie PCOS/PMOS. Bei erhöhtem Risiko sollen Schwangere bereits bei der ersten Vorstellung vor der 24. Schwangerschaftswoche auf eine Glukosestoffwechselstörung oder einen bisher unerkannten Diabetes untersucht werden [1].

Auch ohne jeden Risikofaktor kann ein Gestationsdiabetes auftreten – deshalb wird allen Schwangeren ein Test angeboten.

Wie der Test in Deutschland abläuft

Der Ablauf ist in der Mutterschafts-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses genau festgelegt. Zwischen 24+0 und 27+6 Schwangerschaftswochen wird die Plasmaglukose eine Stunde nach dem Trinken von 50 g Glukoselösung bestimmt – unabhängig von der letzten Mahlzeit, also nicht nüchtern. Das ist der Vortest, der sogenannte Glucose Challenge Test [5].

Liegt der Wert bei mindestens 135 mg/dl (7,5 mmol/l) und höchstens 200 mg/dl (11,1 mmol/l), folgt zeitnah der eigentliche Test: ein 75-g-oGTT nach mindestens acht Stunden ohne Nahrung. Gemessen wird nüchtern sowie eine und zwei Stunden nach dem Trinken. Die Grenzwerte lauten [5]:

  • nüchtern: ab 92 mg/dl (5,1 mmol/l)

  • nach 1 Stunde: ab 180 mg/dl (10,0 mmol/l)

  • nach 2 Stunden: ab 153 mg/dl (8,5 mmol/l)

Bereits ein erreichter oder überschrittener Wert genügt für die Diagnose. Die Richtlinie schreibt außerdem vor, dass aus venösem Blut gemessen wird, mit qualitätsgesicherter Methodik – Geräte, die nur zur Eigenanwendung durch Patientinnen bestimmt sind, sind für Screening und Erstdiagnostik ausdrücklich ausgeschlossen [5]. Ein Blutzuckermessgerät aus der Drogerie ersetzt diesen Test also nicht.

Ein Punkt, an dem Leitlinie und Richtlinie auseinandergehen

Bemerkenswert: Die Fachgesellschaften halten das zweistufige Vorgehen nicht für das beste. Die Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft formuliert, dass „nach der vorliegenden Evidenz“ bei allen Schwangeren zwischen 24+0 und 27+6 Schwangerschaftswochen ein 75-g-oGTT „vorzugsweise als einzeitiges Verfahren“ erfolgen sollte – während nach den deutschen Mutterschafts-Richtlinien primär der 50-g-Vortest durchgeführt werden soll [1]. Solche Unterschiede zwischen fachlicher Empfehlung und Leistungsrecht sind nicht ungewöhnlich. Für dich heißt das vor allem: Wenn dir gleich der große Test angeboten wird, ist das kein Fehler.

Warum die Diagnose überhaupt gestellt wird

Die Datengrundlage stammt aus zwei Richtungen. Zum einen aus der großen HAPO-Studie, die zeigte, dass mütterliche Blutzuckerwerte unterhalb der Diabetes-Schwellen bereits „starke, kontinuierliche Zusammenhänge“ mit einem höheren Geburtsgewicht und höheren C-Peptid-Werten im Nabelschnurblut aufwiesen [2]. Es gibt also keinen natürlichen Schwellenwert – die Grenzwerte sind eine bewusste Setzung.

Zum anderen aus Behandlungsstudien. Die australische ACHOIS-Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Behandlung eines Gestationsdiabetes „schwerwiegende perinatale Komplikationen reduziert“ und die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessern kann [3]. Eine große amerikanische Studie zu mildem Gestationsdiabetes fand zwar keine signifikante Senkung eines kombinierten Zielkriteriums aus Totgeburt, perinatalem Tod und mehreren Komplikationen des Neugeborenen – wohl aber eine Verringerung von übermäßigem fetalem Wachstum, Schulterdystokie, Kaiserschnitten und Bluthochdruckerkrankungen [4].

Das ist eine ehrlichere Botschaft als „Behandlung rettet Leben“: Sie senkt bestimmte, gut messbare Risiken – und genau deshalb lohnt sie sich.

Was die Behandlung umfasst

  • Ernährungsberatung. Empfohlen wird eine Nährstoffverteilung von etwa 40–50 Prozent Kohlenhydraten, 20 Prozent Eiweiß und 30–35 Prozent Fett, wobei der Kohlenhydratanteil 40 Prozent beziehungsweise 116 g pro Tag nicht unterschreiten soll. Bevorzugt werden ballaststoffreiche Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischem Index, verteilt auf drei Haupt- und zwei bis drei Zwischenmahlzeiten [1].

  • Bewegung. Regelmäßige körperliche Aktivität senkt besonders bei vor der Schwangerschaft adipösen Frauen das GDM-Risiko und verbessert die Belastbarkeit in Schwangerschaft und Geburt [1].

  • Blutzucker-Selbstmessung. Sie ist das eigentliche Steuerungsinstrument. Der Langzeitzuckerwert HbA1c hat „zur Überwachung und Therapiekontrolle der Einstellung des Gestationsdiabetes … keine Bedeutung“ [1].

  • Medikamente, wenn nötig. Reichen Ernährung und Bewegung nicht aus, kommt Insulin infrage, in bestimmten Fällen Metformin – letzteres in Deutschland außerhalb der Zulassung („Off-Label-Use“). Vor Beginn wird das Wachstum des kindlichen Bauchumfangs im Ultraschall einbezogen, um Über- wie Untertherapie zu vermeiden [1].

  • Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) ist derzeit kein Bestandteil der Routineversorgung bei Gestationsdiabetes [1].

Rund um die Geburt

Frauen mit Gestationsdiabetes gelten als Risikoschwangere. Bei Ernährungstherapie wird eine Geburtsklinik mit diabetologischer Erfahrung und angeschlossener Neonatologie empfohlen; bei Insulintherapie ist ein Perinatalzentrum vorgesehen [1].

Beim Geburtszeitpunkt ist die Empfehlung differenziert: Eine Einleitung vor 39+0 Schwangerschaftswochen erhöht die Erkrankungsrate des Neugeborenen und soll vermieden werden; eine Einleitung zwischen 39+0 und 39+6 kann erwogen werden, senkt die Morbidität des Neugeborenen aber nicht. Bei insulinpflichtigem Gestationsdiabetes gibt es Hinweise, dass eine Einleitung in der 40. Woche die kindliche Morbidität verringert – sie soll deshalb angeboten werden [1].

Die Nachsorge – der am häufigsten vergessene Teil

Nach der Geburt normalisiert sich der Blutzucker meist. Bei etwa 13 bis 40 Prozent der Frauen bildet sich die Störung jedoch nicht zurück, und das Risiko, später an Diabetes zu erkranken, ist deutlich erhöht [1]. Eine internationale Zusammenfassung von Studien im British Medical Journal beziffert das relative Risiko für einen Typ-2-Diabetes nach Gestationsdiabetes auf fast das Zehnfache im Vergleich zu Frauen ohne GDM [6].

Deshalb ist die Nachuntersuchung keine Formalie: Empfohlen ist ein 75-g-oGTT sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt, unabhängig vom Stillen, mit Messung nüchtern und zwei Stunden nach Belastung im venösen Plasma. Ausdrücklich nicht ausreichend sind dafür der HbA1c-Wert allein oder eine alleinige Nüchternglukose [1].

Das ist die wichtigste Information dieses Beitrags – und die, die im Trubel der ersten Wochen mit Baby am ehesten untergeht.

Was du daraus mitnehmen kannst

Ein Gestationsdiabetes ist häufig, gut erkennbar und in den meisten Fällen mit Ernährung und Bewegung zu steuern. Der Test ist bis ins Detail geregelt, weil er zuverlässig sein muss – und er ist deshalb auch nicht durch ein Gerät für zuhause ersetzbar [5]. Die Behandlung senkt nachweislich bestimmte Risiken für dich und dein Kind [3][4].

Und der Blick nach vorn gehört dazu: Der Nachtest sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt ist die Gelegenheit, ein erhöhtes Langzeitrisiko früh zu erkennen [1][6]. Ein Termin, der sich lohnt.

Passend dazu

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein ärztliches Gespräch.

Quellen

  1. Schäfer-Graf UM, Laubner K, Hummel S et al. Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge – Kurzfassung der S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer 057-008). Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft, aktualisierte Version 2024. Diabetologie und Stoffwechsel 2024;19(S02):S214–S225. Hinweis: Die zugrunde liegende S3-Leitlinie ist im AWMF-Register als abgelaufen gekennzeichnet und wird derzeit überarbeitet; die Praxisempfehlung ist die aktuelle handlungsorientierte Kurzfassung. PDF

  2. HAPO Study Cooperative Research Group; Metzger BE, Lowe LP, Dyer AR et al. Hyperglycemia and adverse pregnancy outcomes. New England Journal of Medicine 2008;358(19):1991–2002. DOI 10.1056/NEJMoa0707943. Zur Publikation

  3. Crowther CA, Hiller JE, Moss JR et al. Effect of treatment of gestational diabetes mellitus on pregnancy outcomes (ACHOIS). New England Journal of Medicine 2005;352(24):2477–2486. DOI 10.1056/NEJMoa042973. Zur Publikation

  4. Landon MB, Spong CY, Thom E et al. A multicenter, randomized trial of treatment for mild gestational diabetes. New England Journal of Medicine 2009;361(14):1339–1348. DOI 10.1056/NEJMoa0902430. Zur Publikation

  5. Gemeinsamer Bundesausschuss. Mutterschafts-Richtlinie, Fassung vom 21. September 2023, zuletzt geändert am 28. September 2023, in Kraft getreten am 19. Dezember 2023, § 2 Absatz 11a und 11b. Zur Richtlinie

  6. Vounzoulaki E, Khunti K, Abner SC et al. Progression to type 2 diabetes in women with a known history of gestational diabetes: systematic review and meta-analysis. BMJ 2020;369:m1361. DOI 10.1136/bmj.m1361. Volltext

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Der Zuckertest ist Teil der regulären Schwangerenvorsorge und wird dort durchgeführt. Offene Fragen zu deinen Befunden kannst du zusätzlich ärztlich einordnen lassen.

Medizinisch geprüfter Inhalt

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