
Immunologie und Fehlgeburten
Während einer Schwangerschaft steht das Immunsystem der Mutter vor einer einzigartigen Herausforderung. Der sich entwickelnde Embryo ist immunologisch betrachtet nur zur Hälfte mit der Mutter verwandt, da etwa 50 % seiner Gene von der väterlichen Seite stammen. Im Gegensatz zu früheren Annahmen spielt das Immunsystem eine aktive Rolle bei der Schaffung einer erfolgreichen Schwangerschaft. Störungen in diesem Bereich können zu verschiedenen Schwangerschaftskomplikationen führen, darunter Fehlgeburten und Schwierigkeiten bei der Einnistung des Embryos.
Dieses Fachgebiet der Medizin wird als Reproduktionsimmunologie bezeichnet und ist einer der Schwerpunkte, die wir bei Fertia anbieten. Wir haben uns über viele Jahre wissenschaftlich mit der Reproduktionsimmunologie beschäftigt und verfügen über umfangreiche Erfahrung in der Betreuung von Paaren, bei denen immunologische Faktoren eine Rolle bei unerfülltem Kinderwunsch spielen.
In den nachfolgenden Abschnitten wollen wir verschiedene immunologische Faktoren erklären, die bei Fehlgeburten eine Rolle spielen können. Man unterteilt diese in auto- und allo-immunologische Faktoren.
Autoimmunologische Faktoren: Hier handelt es sich um Immunreaktionen, bei denen das Immunsystem des Körpers fälschlicherweise körpereigene Zellen oder Gewebe angreift.
Alloimmunologische Faktoren: Dies sind Immunreaktionen, bei denen das Immunsystem auf Unterschiede zwischen Geweben oder Zellen zweier unterschiedlicher Individuen reagiert. Wenn es um Schwangerschaft geht, können alloimmunologische Faktoren auftreten, wenn das Immunsystem der Mutter auf Gewebe oder Antigene (das sind Stoffe in deinem Körper, die das Immunsystem dazu anregen, Antikörper zu produzieren) des ungeborenen Kindes reagiert
Autoimmunologische Faktoren
Zu den autoimmunologischen Faktoren bei wiederholten Fehlgeburten gehören die Antiphospholipid-Antikörper, Schilddrüsen-Antikörper, Antinukleären Antikörper und Antikörper gegen Gewebstransglutaminase der Klasse IgA.
Bei Autoimmunologische Faktoren handelt es sich um Immunreaktionen, bei denen das Immunsystem des Körpers körpereigene Zellen oder Gewebe angreift. Hierbei kommt es zur Entwicklung bestimmter Antikörper, die im Blut nachgewiesen werden können.
In wissenschaftlichen Studien wurde die Bedeutung dieser Antikörper bei wiederholten Fehlgeburten untersucht.
Antiphospholipid-Antikörper
Antiphospholipid-Antikörper sind eine Gruppe von Antikörpern, die gegen bestimmte Fettmoleküle (Phospholipide) gerichtet sind. Antiphospholipid-Antikörper können bei manchen Menschen im Blut vorkommen, ohne dass sie gesundheitliche Probleme verursachen. Jedoch können sie bei anderen zu einer Erhöhung des Thromboserisikos führen und das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen, insbesondere wiederholten Fehlgeburten, erhöhen.
Wenn APL-Antikörper zweimal nachgewiesen werden, und dies bei Frauen, die wiederholt Fehlgeburten erlitten haben, spricht man von einem Antiphospholipid-Syndrom. Dieses Syndrom wurde in mehreren Studien als Risikofaktor für Fehlgeburten identifiziert. Wir haben einen ausführlichen Abschnitt speziell zum Antiphospholipid-Syndrom erstellt (Link 08_2).
Bei Frauen mit wiederholten Fehlgeburten soll ein Antiphospholipid-Syndrom abgeklärt werden.
Schilddrüsen-Antikörper
Schilddrüsen-Antikörper sind spezielle Eiweiße in deinem Körper, die bei Schilddrüsenproblemen eine Rolle spielen können. In den meisten Studien wurden die sogenannten TPO-Antikörper untersucht. Wenn TPO-Antikörpern gefunden werden, kann dies ein Zeichen für eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung sein. Dies wird als Hashimoto-Thyreoiditis bezeichnet. Die Antikörper können dazu führen, dass deine Schilddrüse nicht richtig arbeitet und zu einer Unterfunktion führen. Es ist wichtig zu wissen, dass TPO-Antikörper in deinem Blut gemessen werden können, um festzustellen, ob sie erhöht sind. Wenn das der Fall ist, wird dies berücksichtigt, um die richtige Diagnose und Behandlung für deine Schilddrüsenprobleme zu finden.
Untersuchungen haben gezeigt, dass TPO-Antikörper bei Frauen, die wiederholt Fehlgeburten erleiden, häufiger auftreten als bei Frauen, die von diesem Problem nicht betroffen sind. Wenn diese Antikörper vorhanden sind, kann die Funktion der Schilddrüse stark variieren. Deshalb ist es wichtig, regelmäßige Überprüfungen des TSH-Spiegels durchzuführen.
Bei Vorliegen von TPO-Antikörper sollte eine Kontrolle des TSH-Spiegels in der F rühschwangerschaft erfolgen.
Antinukleären Antikörper
Antinukleäre Antikörper (ANA) können Hinweise geben auf eine mögliche Aktivierung des körpereigenen Immunsystems, aber sie sind nicht spezifisch für eine bestimmte Erkrankung. Sie können bei Patienten auftreten, die bereits bestimmte Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes, Sklerodermie oder rheumatoide Arthritis haben, aber sie wurden auch bei gesunden Frauen gefunden.
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit wiederholten Fehlgeburten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen erhöhte ANA-Titer aufweisen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weitere Forschung erforderlich ist, um einen einheitlichen Schwellenwert für klinisch bedeutsame ANA-Werte festzulegen. Es gibt auch Behandlungsansätze, wie die Verwendung von Aspirin (ASS), Glukokortikoiden (z.B. Prednisolon) und niedermolekularem Heparin, aber der tatsächliche positive Therapieeffekt in diesem bestimmten Fall ist noch nicht abschließend gesichert.
Antikörper gegen Gewebstransglutaminase der Klasse IgA
Diese bestimmten Antikörper lassen sich bei der Autoimmunerkrankung Zöliakie nachweisen, bei der der Verzehr von Gluten, einem Protein, das in vielen Getreidesorten vorkommt, zu Schäden im Dünndarm führt. Dies beeinträchtigt die Aufnahme von Nährstoffen in deinem Körper und führt zu einem Mangel, der den gesamten Körper betreffen kann. Typische Anzeichen für Zöliakie sind Durchfall, fettiger Stuhl, Übelkeit, Erbrechen und ein aufgeblähter Bauch. Darüber hinaus können Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit sowie Knochen- und Muskelschmerzen und -schwäche auftreten. Es ist wichtig zu beachten, dass viele Menschen mit Zöliakie entweder gar keine oder sehr untypische Symptome zeigen, was dazu führen kann, dass die Krankheit oft unentdeckt bleibt.
Frauen mit Zöliakie haben eine niedrigere Schwangerschaftsrate und ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftskomplikationen wie Fehlgeburten oder Totgeburten. Es gibt auch Hinweise darauf, dass eine glutenfreie Diät, die zur Therapie von Zöliakie gehört, die Fruchtbarkeit verbessern und das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen verringern kann. Es wird vermutet, dass Zöliakie bei Männern die Qualität der Spermien beeinträchtigen könnte, dies ist jedoch noch nicht abschließend nachgewiesen.
Bei unerfülltem Kinderwunsch, bei dem die Ursache unklar ist, bei wiederholten Fehlgeburten und/oder Totgeburten wird eine Diagnostik auf Zöliakie (durch eine Blutabnahme) empfohlen, selbst wenn keine typischen Zöliakie-Beschwerden vorliegen.
Alloimmunologische Faktoren
Alloimmunologische Ursachen umfassen eine Vielzahl verschiedener Faktoren wie beispielsweise Analyse von Immunzellen, besonderer immunologischer Botenstoffe und genetischer Oberflächenmerkmale.
Derzeit beschäftigen sich viele wissenschaftliche Studien mit der Analyse dieser immunologischen Faktoren. Es werden bei bestimmten Gruppen von Frauen mit wiederkehrenden Fehlgeburten Unterschiede und Auffälligkeiten festgestellt, die bei Frauen ohne Fehlgeburten nicht in gleichem Maße auftreten. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass die Bedeutung dieser Faktoren für den Kinderwunsch und als Risikofaktor für Fehlgeburten noch nicht abschließend bewertet werden kann. Daher erfordern diese Untersuchungsmethoden eine individuelle Herangehensweise.
Im Folgenden möchten wir Dir einen Überblick über wichtige alloimmunologische Faktoren geben.
Natürliche Killerzellen (NK-Zellen)
Natürliche Killerzellen (NK-Zellen) sind Immunzellen, die als periphere NK-Zellen im Blut und als uterine NK-Zellen in der Gebärmutterschleimhaut vorkommen. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand sollten diese Immunzellen als separate Marker betrachtet werden, da sie in Bezug auf ihre Anzahl nicht in Verbindung zueinanderstehen. Die peripheren NK-Zellen können durch eine Blutabnahme analysiert werden.
Uterine NK-Zelle sind Immunzellen, die insbesondere in der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus, in der sogenannten Lutealphase, und zu Beginn der Schwangerschaft eine bedeutende immunologische Rolle spielen. Obwohl sie als "Killerzellen" bezeichnet werden, da sie die Fähigkeit besitzen, Viren, Bakterien und Tumorzellen zu eliminieren, spielen sie während der Schwangerschaft eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Plazenta, bei der Infektabwehr und Regulierung von Immunreaktionen.
Im ersten Drittel der Schwangerschaft stellen uterine NK-Zellen etwa 70% der Immunzellen in der sogenannten feto-maternalen Grenzzone, was sie zur größten Population unter den Immunzellen in diesem Bereich macht.
Da die uterinen NK-Zellen abhängig vom Zyklustag schwanken, sollte eine Diagnostik in der zweiten Zyklushälfte, etwa 5-10 Tage nach dem Eisprung erfolgen. Während einer gynäkologischen Untersuchung oder im Rahmen einer Gebärmutterspiegelung wird mit einer kleinen Pipelle in die Gebärmutter eingegangen, um eine Probe (Biopsie) der Gebärmutterschleimhaut zu entnehmen. Bereits ein sehr kleines Gewebestück ist ausreichend für die Diagnose.
Therapeutische Maßnahmen bei Auffälligkeiten der NK-Zellen können unter anderem Kortison, lipidhaltige Infusionen und intravenöse Immunglobuline im Rahmen eines individuellen Heilversuchs einschließen.
Regulatorische T-Zellen
Regulatorische T-Zellen sind eine spezielle Gruppe von Immunzellen, die eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Immuntoleranz und der Verhinderung von übermäßigen immunologischen Reaktionen spielt. In der Gebärmutterschleimhaut werden diese als uterine regulatorische T-Zellen bezeichnet und sind unerlässlich für die Entwicklung einer Toleranz zwischen Mutter und Embryo. Sie beeinflussen auch die Entwicklung des Mutterkuchens, um die Versorgung des Fetus sicherzustellen.
Bei Patientinnen mit wiederholten Fehlgeburten wurde festgestellt, dass sie weniger uterine regulatorische T-Zellen im Endometrium aufweisen als gesunde Kontrollpersonen.
Das humane Choriongonadotropin (hCG), ein Hormon, das während der Schwangerschaft produziert wird, kann die Rekrutierung von uterine regulatorische T-Zellen fördern und zu einem Anstieg ihrer Anzahl führen. Die Verabreichung von hCG, entweder subkutan oder in die Gebärmutter (intrauterin), wird daher in aktuellen Studien als möglicher therapeutischer Ansatz bei Patientinnen mit niedrigen uterine regulatorische T-Zellen untersucht.
Zytokine
Zytokine sind Proteine, die von Zellen des Immunsystems produziert werden und eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen verschiedenen Zellen im Körper spielen. In Bezug auf wiederholte Fehlgeburten wird angenommen, dass Ungleichgewichte in der Produktion von Zytokinen eine Rolle spielen können. Diese Ungleichgewichte könnten die normale Schwangerschaft beeinträchtigen, indem sie möglicherweise zu Entzündungen oder Immunreaktionen führen, die eine gesunde Entwicklung des Embryos behindern.
Es ist wichtig zu beachten, dass die genaue Beziehung zwischen Zytokinen und wiederholten Fehlgeburten noch Gegenstand intensiver Forschung ist. Eine individuelle Bewertung ist daher notwendig, um festzustellen, ob und wie Zytokine eine Rolle in deinem bestimmten Fall spielen könnten.
KIR (Killer Cell Immunoglobulin-like Receptors, Killer-Zell-Immunoglobulin-ähnliche Rezeptoren)
KIR sind Rezeptoren auf der Oberfläche von bestimmten Immunzellen, den natürlichen Killerzellen. Diese Zellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Überwachung und Kontrolle von Zellen im Körper. Ein Ungleichgewicht oder Veränderungen in den KIR können Auswirkungen auf die Interaktion zwischen mütterlichem Immunsystem und dem sich entwickelnden Embryo haben.
Es wird angenommen, dass Veränderungen in den KIR-Genen mit wiederholten Fehlgeburten in Verbindung stehen können. Diese Veränderungen könnten dazu führen, dass das Immunsystem der Mutter den Embryo fälschlicherweise als fremd betrachtet und versucht, ihn abzustoßen. Die Datenlage zu KIR bei wiederholten Fehlgeburten ist jedoch uneinheitlich, eine Analyse wird daher nicht routinemäßig empfohlen.

Ich bin Professor und Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt in Gynäkologischer Endokrinologie und Reproduktionsmedizin.